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19SEVENTY9: Every Genre. One Signature.

Warum Ingo musikalische Schubladen ablehnt, KI als Werkzeug begreift und lieber auf die nächste technische Möglichkeit wartet, als eine Idee vorschnell aufzugeben.

Text: WILD Redaktion ·

19SEVENTY9: Every Genre. One Signature.

Heute Indie-Pop, morgen BoomBap, danach Chillout, House oder etwas völlig anderes. Hinter 19SEVENTY9 steht Ingo aus Velbert, dessen musikalische Geschichte bereits 1997 begann und der fast drei Jahrzehnte später mit KI neue Möglichkeiten für alte und neue Ideen entdeckt hat. Sein Prinzip klingt einfach: Das Genre darf wechseln, die eigene Handschrift soll bleiben.

Hinter 19SEVENTY9 steht Ingo aus Velbert im Ruhrgebiet. Der 47-Jährige arbeitet hauptberuflich als Regierungsbeschäftigter in der Verkehrsüberwachung und betreibt ein Musikprojekt, das sich bewusst einer einfachen Genrebezeichnung entzieht. Deutscher Indie-Pop gehört ebenso dazu wie BoomBap, Hip-Hop, Dance, Chillout, House oder elektronische Musik.

Seinen eigenen Leitgedanken dafür hat Ingo längst gefunden: „Every Genre. One Signature.“ Unterschiedliche Genres und Stimmungen dürfen nebeneinander existieren, solange am Ende eine eigene Handschrift erkennbar bleibt. Was heute nach einem Konzept für ein modernes KI-Musikprojekt klingt, hat seinen Ursprung allerdings lange vor Suno und generativer Musik.

🟨 ALS DANCE EJAY NOCH DAS TOR ZUR MUSIK WAR

Bereits 1997 begann Ingo mit Dance eJay eigene Tracks zu bauen. Instrumente konnte und kann er nach eigener Aussage nicht spielen, doch die Möglichkeit, aus Samples und einzelnen musikalischen Bausteinen etwas Eigenes entstehen zu lassen, faszinierte ihn schon damals. Einige der fertigen Produktionen nahm er sogar auf MiniDisc auf, musikalisch bewegte sich vieles zunächst zwischen Techno und House.

Aus der eigenen Musik entwickelte sich später gemeinsam mit einem Freund ein Musik- und Lichtanlagenverleih. Der Auslöser war ausgerechnet eine Hochzeit, auf der beide mit DJ, Anlage und Musikauswahl wenig anfangen konnten. Ingo erinnert sich unter anderem an Böhse Onkelz auf der Hochzeitsfeier und an die Erkenntnis, dass man das vielleicht selbst besser hinbekommen könnte.

Beim reinen Verleih blieb es nicht. Schon bald standen die beiden selbst hinter dem Pult und legten auf Hochzeiten, Abschlussfeiern und Geburtstagen auf. Das Projekt lief nach Ingos Erinnerung erfolgreich, die Wochenenden waren häufig ausgebucht und irgendwann blieb neben den eigentlichen Berufen kaum noch freie Zeit.

Nach ungefähr zwei Jahren beendeten sie das Projekt. Die Musik verschwand damit zwar nicht aus Ingos Leben, doch bis daraus wieder ein eigenes aktives Musikprojekt wurde, sollte einige Zeit vergehen.

🟨 FELIX, SUNO UND DER NEUSTART 2025

Der entscheidende neue Impuls kam 2025 von Ingos bestem Freund Felix, musikalisch als Icke-Arus unterwegs. Felix schickte ihm einen mit Suno erstellten Song. Das Ergebnis begeisterte Ingo so sehr, dass etwas wieder in Bewegung kam, das schon lange Teil seines Lebens gewesen war.

Suno eröffnete ihm plötzlich Möglichkeiten, die er aus seiner früheren Arbeit mit Samples nicht kannte. Sein erster damit entstandener Song hieß „You Are My Brother“. Veröffentlicht wurde er bis heute nicht, er liegt noch immer auf seiner Festplatte.

Danach entstand „Alles fühlt sich leicht an“, seine erste spätere Veröffentlichung. Die Idee kam in einem völlig alltäglichen Moment. Ingo saß in seiner Küche, blickte auf den Wald gegenüber und beobachtete, wie der Wind die Blätter bewegte. Daraus entstand der Titel und der Wunsch, genau diese Herbststimmung musikalisch einzufangen.

Eigentlich sollte daraus ein Chillout-Song werden. Während der Produktion entwickelte sich das Stück allerdings eher in Richtung Deutschpop. Ingo ließ diese Entwicklung zu, denn gerade solche Wendungen gehören für ihn zum kreativen Prozess.

Am 23. Oktober 2025 gingen seine ersten Songs über DistroKid offiziell in die Streaming-Shops. Seine damalige Erwartungshaltung beschreibt er ausgesprochen entspannt. Im schlimmsten Fall, so sein Gedanke, würde er seine Musik eben selbst hören, dann immerhin bequem über Apple Music.

Dass sich daraus ein Projekt entwickeln würde, das er ernsthaft weiterführt, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht absehbar. Einen einzelnen Moment, in dem plötzlich alles klar gewesen sei, nennt Ingo deshalb auch nicht. Für ihn war es eine Entwicklung, aus einem Experiment wurde nach und nach 19SEVENTY9.

🟨 DAS GENRE DARF WECHSELN, DIE HANDSCHRIFT NICHT

Heute gehört gerade die musikalische Beweglichkeit zum Kern des Projekts. Besonders häufig bewegt sich Ingo im deutschen Indie-Pop, doch ebenso selbstverständlich können BoomBap, Hip-Hop oder Dance-Tracks folgen. Wenn ihn eine Idee, eine Melodie oder ein Beat interessiert, soll daraus Musik entstehen können, unabhängig davon, welche Genrebezeichnung später daruntersteht.

Für Ingo fügt sich diese Vielfalt wie ein Puzzle zusammen. Er möchte sich nicht dazu zwingen, den nächsten Song im Stil des vorherigen zu produzieren, nur weil eine bestimmte Richtung möglicherweise erfolgreich war. „Wenn ich eine Idee habe, soll sie die Freiheit bekommen, genau das zu werden, was sie sein möchte“, beschreibt er seine Haltung.

Seine Handschrift entsteht dabei nicht nur durch Dinge, die er bewusst in Produktionen einbaut. Genauso wichtig ist für ihn, was draußen bleibt. Überzogenes Geschreie oder Formulierungen, die für ihn künstlich und übertrieben wirken, finden bei 19SEVENTY9 kaum Platz.

Auch endlose Gitarrensoli sind nicht seine Welt, obwohl er selbst durchaus Rock und Metal hört. Musik soll Emotionen transportieren, ohne dem Hörer permanent mit dem Holzhammer erklären zu müssen, was er gerade fühlen soll.

Darin liegt eine wichtige Konstante seines Projekts. Der Sound kann wechseln, der persönliche Geschmack und die Entscheidungen dahinter bleiben.

🟨 PERFEKTIONISMUS, VERSIONEN UND KREATIVES CHAOS

Ingo bezeichnet sich selbst als seinen wahrscheinlich größten Kritiker. Ein Song wird bei ihm nicht einfach erzeugt und anschließend veröffentlicht. Produktionen können durch zahlreiche Versionen gehen, einzelne Passagen werden verändert, Arrangements neu ausprobiert, Vocals ausgetauscht und Sounds oder Songstrukturen wieder verworfen.

Manchmal entsteht aus einer Version eine völlig neue Idee. Dabei arbeitet Ingo mit mehreren Programmen und Apps, weil für ihn kein einzelnes Werkzeug alle Aufgaben abdecken kann. Das führt mitunter dazu, dass er zwischen verschiedenen Anwendungen hin und her springt, bis das Ergebnis seiner Vorstellung näherkommt.

Wenn der Song schließlich fertig scheint, folgt mitunter ein vertrautes Problem. Ingo hört noch einmal hin, entdeckt eine Kleinigkeit, die ihn stört, und öffnet das Projekt wieder. Erst danach beginnt die nächste Arbeit, Dateien ordnen, aufräumen und den Überblick über das kreative Chaos zurückgewinnen.

Auch die Reihenfolge bei der Entstehung ist nicht immer gleich, dennoch steht häufig zunächst eine musikalische Richtung oder konkrete Vorstellung im Raum. Daraus entwickelt sich bei ihm oft ein Projektname, der später zum Songtitel wird. Anschließend beschäftigt er sich intensiver mit Struktur, Stimmung, Text und Umsetzung.

Entscheidend ist für ihn, dass Titel, Text, Musik, Arrangement und Atmosphäre am Ende zusammenpassen. Möglichst schnell einen fertigen Song zu produzieren, ist nicht sein Maßstab.

🟨 EIN MERCEDES-SONG FINDET SEIN PUBLIKUM

Einer der ersten besonderen Meilensteine wurde „Einmal im Leben“. Ingo hat eine große Leidenschaft für klassische Mercedes-Benz-Modelle und wollte einen Song für die entsprechende Community entwickeln. Dabei griff er einen älteren Mercedes-Slogan auf, der für ihn noch immer funktioniert: „Das Beste oder nichts.“

Aus dieser zunächst sehr konkreten Idee entstand einer seiner erfolgreichsten Titel. Nach Ingos Angaben wird „Einmal im Leben“ bis heute täglich gehört und hat inzwischen auch Menschen außerhalb der ursprünglichen Mercedes-Community erreicht.

Wie wenig sich der Weg eines veröffentlichten Songs planen lässt, zeigte sich später noch deutlicher. Während der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 entwickelte sich „Auf geht's Deutschland“ auf TikTok plötzlich zu einem viralen Erfolg.

Ingo hatte nach eigener Aussage keinen Cent in Werbung oder Promotion gesteckt. Trotzdem kamen ungefähr 217.000 Aufrufe, rund 12.000 Likes und etwa 1.600 neue Follower zusammen.

Besonders kurios ist für ihn, dass TikTok eigentlich gar nicht seine bevorzugte Plattform ist. Er investiert dort bewusst nicht besonders viel Energie, weil ihm die Plattform teilweise schlicht zu viel ist. Umso überraschender war es, dass ausgerechnet dort eine seiner Veröffentlichungen eine derartige Dynamik entwickelte.

Reichweite betrachtet Ingo deshalb nüchtern. Natürlich wäre ein großer Hit schön, erzwingen lässt sich so etwas aus seiner Sicht jedoch nicht. Er ist einer von vielen Künstlern, die jeden Tag neue Musik veröffentlichen.

🟨 WENN DIE TECHNIK DER IDEE HINTERHERLÄUFT

Aufgeben wollte Ingo wegen eines schwierigen Projekts bislang nicht. Es gibt allerdings Songs auf seiner Festplatte, die ihn nach eigener Aussage durchaus wahnsinnig machen können. Nicht weil er die Idee schlecht findet, sondern weil die Technik seine Vorstellung noch nicht umsetzen kann.

In solchen Fällen lässt er ein Projekt bewusst liegen. Er wartet auf eine neue Version oder zusätzliche technische Möglichkeiten und holt ältere Ideen anschließend wieder hervor. Funktioniert etwas heute nicht, bedeutet das für ihn nicht automatisch, dass die Idee falsch ist.

„Das U-Boot“ ist dafür ein besonders gutes Beispiel. Ausgangspunkt war Ingos Interesse an historischen U-Booten, insbesondere an der damaligen Technik und daran, wie Menschen an Bord unter extremen Bedingungen als Team funktionieren mussten.

Dabei war ihm wichtig, das Thema nicht militärisch heroisch oder verherrlichend umzusetzen. Sein Interesse gilt nach eigener Darstellung der Technik, den Menschen und der besonderen Welt an Bord, nicht einer Verherrlichung des Krieges.

Auch musikalisch wollte er sich bewusst von U96s „Das Boot“ entfernen. Die Formulierungen mussten inhaltlich verständlich bleiben und gleichzeitig rhythmisch funktionieren. Mal war der Takt zu schnell, mal funktionierte eine Textzeile musikalisch nicht, und zwischendurch entwickelte sich die Produktion nach seinem Empfinden plötzlich in Richtung Santiano, was für ihn ebenfalls nicht passte.

Mit Suno 3.5 bekam er den Song zunächst nicht so umgesetzt, wie er ihn sich vorgestellt hatte. Also legte er das Projekt beiseite und wartete auf bessere technische Möglichkeiten. Später holte er es wieder hervor, und die Umsetzung funktionierte.

Inzwischen existieren sogar zwei Versionen. Neben der ursprünglichen Fassung gibt es eine „Schleichfahrt Edition“, die deutlich stärker in Richtung Deep Ambient und Techno geht.

🟨 „KOMM NÄHER“ UND DER KAMPF UM „SOMBRAS BLANCAS“

Auf einige Produktionen blickt Ingo mit besonderem Stolz. Einer davon ist „Komm näher“. Der Song beschreibt für ihn mit vergleichsweise wenigen Worten sehr viel und lebt besonders von Klang, Taktung und Energie.

Auch als Einstieg in 19SEVENTY9 hält er den Titel für geeignet. Grundsätzlich empfiehlt Ingo einem Menschen jedoch lieber Songs passend zu dessen Musikgeschmack. Wenn er jemanden kennt, sucht er gezielt einen Titel aus, von dem er glaubt, dass er diese Person erreichen könnte.

Eine deutlich aufwendigere Geschichte steckt hinter „Sombras Blancas“. Ursprünglich plante Ingo ein spanisches Chillout-Album. Die ersten Stücke sollten in Richtung Café del Mar gehen, doch bereits nach drei Songs wurde ihm dieser Ansatz zu eintönig.

Also wurde das Projekt jazziger. Anschließend entstand ein neues Problem, bestimmte Instrumente wollten harmonisch für ihn nicht so zusammenarbeiten, wie er es sich vorgestellt hatte.

Ingo änderte daraufhin seine Herangehensweise an die KI-Produktion. Er versuchte Suno gezielt so anzusteuern, dass die Instrumente nicht einfach nebeneinander existieren, sondern stärker wie eine Band miteinander spielen und musikalisch ineinandergreifen.

Damit kehrte sich bei diesem Projekt auch sein üblicher Prozess teilweise um. Zunächst entstand der musikalische Teil, anschließend entwickelte sich daraus der Song mit Text.

„Sombras Blancas“ überzeugte ihn schließlich so sehr, dass er den Titel aus dem geplanten Albumkonzept herauslöste und einzeln veröffentlichte. Besondere Aufmerksamkeit galt dabei auch der weiblichen Stimme. Sie sollte sich natürlich in das Arrangement einfügen und nicht nach einer Stimme klingen, die er sofort als typische KI-Produktion wahrnimmt.

Sein Anspruch ist dabei eindeutig. Wenn jemand den Song hört, soll nach Möglichkeit die Musik im Mittelpunkt stehen und nicht zuerst die Frage, mit welchen Werkzeugen sie entstanden ist.

🟨 WENN DAS EIGENE LEBEN ZUM AUSGANGSPUNKT WIRD

Nicht jede Idee beginnt mit einer technischen Herausforderung. Ingos eigene Erfahrungen tauchen ebenfalls in seiner Musik auf. Manche Erlebnisse werden zu Gedanken, Gedanken zu Titeln und aus einem Titel kann schließlich ein kompletter Song entstehen.

„Am selben Tisch“ ist nach seiner Beschreibung stark von persönlichen Erfahrungen geprägt und beschäftigt sich mit Dingen, die Menschen auch Jahre später noch begleiten können. „Mein Warnemünde“ entstand aus einer ganz anderen Sehnsucht, nämlich dem Wunsch, irgendwann einmal nach Warnemünde zu ziehen.

Mit „Die Bank am See“ beschäftigte sich Ingo mit dem Thema Tod und mit tragischen Ereignissen im persönlichen Umfeld. Solche Songs sind für ihn emotional nicht immer einfach, gleichzeitig kann Musik eine Möglichkeit sein, Gedanken und Gefühle zu verarbeiten.

Eine weitere persönliche Seite zeigt „Vergessen ist so leicht“. Der Song beschäftigt sich mit Ingos Wahrnehmung einer Welt, die sehr schnell geworden ist und in der vieles in Vergessenheit gerät.

Dabei gibt es einen direkten Bezug zu seinem eigenen Leben. Durch die Zeit als DJ und die viele Arbeit hat Ingo manchmal das Gefühl, dass ihm rückblickend ungefähr zehn Jahre fehlen, an die er sich nicht mehr richtig erinnern kann. Fotos und Familie helfen ihm dabei, Erinnerungen aufrechtzuerhalten.

Auch persönliche Songs für andere Menschen haben für ihn einen besonderen Reiz. Ob Geburtstag, Jubiläum oder Überraschung, spannend findet er vor allem die Frage, wie gut man jemanden wirklich kennen muss, um musikalisch genau den Punkt zu treffen, der diese Person berührt.

Wenn das gelingt, bekommt Musik für Ingo noch einmal eine andere Bedeutung.

🟨 EIN ASTRONAUT, EIN STERN UND PLÖTZLICH EINE EP

„Drift“ entstand wiederum aus einer Situation, die zunächst überhaupt nicht nach einem größeren Musikprojekt aussah. Ingo fotografierte zu Hause einen Astronauten, der einen leuchtenden Stern hielt, der mit einem Faden an der Weihnachtsbeleuchtung hing.

Das Bild lud er in ChatGPT hoch und schrieb dazu: „Daraus können wir etwas Kreatives machen.“ Was anschließend entstand, entwickelte sich über mehrere Wochen immer weiter.

Aus der ursprünglichen Idee wurde nicht nur ein Song. Am Ende entstand daraus eine komplette EP.

Für Ingo zeigt dieses Projekt, wie wenig planbar Inspiration sein kann. Eine persönliche Situation, ein Foto, eine Landschaft, ein einzelner Titel oder einfach die Lust darauf, etwas Neues auszuprobieren, können Ausgangspunkt einer Produktion sein.

Ähnlich entstehen gemeinsame Ideen mit Felix alias Icke-Arus. „Brooklyn Desert Drift“ und „Sahara“ nennt Ingo als Beispiele dafür, dass nicht hinter jedem Song zunächst eine große Geschichte stehen muss. Manchmal reicht die Neugier darauf, wohin eine musikalische Idee führen könnte.

🟨 FELIX, FLÜGEL UND EIN SOLOPROJEKT, DAS NICHT ALLES ALLEIN MACHT

19SEVENTY9 ist grundsätzlich ein Solo-Projekt. Trotzdem arbeitet Ingo nicht vollständig alleine, und besonders Felix spielt dabei eine wichtige Rolle.

Felix arbeitet selbst musikalisch und spielt für Ingo oder eigene Projekte Samples ein. Manche Melodien spielt er tatsächlich auf einem Flügel, diese Einspielungen können anschließend Bestandteil einer Produktion werden.

Gemeinsame kreative Ideen entstehen dabei sowohl bei Ingo als auch bei Felix. Eine musikalische Richtung kann von einem der beiden kommen und anschließend gemeinsam weiterentwickelt werden.

Für Ingo braucht es deshalb kein großes Team. Manchmal genügen eine gute Idee, ein kurzer Austausch und jemand, der dieselbe Begeisterung für Musik teilt. Gemeinsam haben die beiden inzwischen auch Songs bei Ai.OnAir.

Durch 19SEVENTY9 sind für Ingo darüber hinaus neue Kontakte und Netzwerke entstanden. Gerade der Austausch mit anderen Musikschaffenden über Social Media, Ai.OnAir und WILD gehört für ihn zu den positiven Entwicklungen, die das Projekt mit sich gebracht hat.

🟨 KI ALS WERKZEUG, NICHT ALS AUTOPILOT

Dass künstliche Intelligenz bei 19SEVENTY9 eine zentrale Rolle spielt, versteckt Ingo nicht. Ohne KI, sagt er selbst, würde es sein Projekt in dieser Form überhaupt nicht geben. Gleichzeitig sieht er die Technologie nicht als Ersatz für eigene Ideen und Entscheidungen.

Sein Werkzeugkasten besteht inzwischen aus mehreren Anwendungen. ChatGPT verwendet er unter anderem für Prompting, Texterweiterungen, Korrekturen sowie teilweise für die Entwicklung und Erstellung von Coverideen. Perplexity nutzt er für Prompting und zur Überprüfung von Texten.

Mit Grok erstellt er Videos und experimentiert mit visuellen Ideen rund um seine Musik. Picsart kommt beispielsweise bei Coverbearbeitung und Upscaling zum Einsatz, Edits bei der anschließenden Videobearbeitung. Suno spielt eine zentrale Rolle bei der eigentlichen Musikproduktion.

Für Ingo endet die menschliche Kreativität nicht an der Stelle, an der KI eingesetzt wird. Er beschreibt die Technik vielmehr als Erweiterung seiner Möglichkeiten. Die Vorstellung, die Richtung, die Auswahl und die Entscheidungen darüber, was bestehen bleibt oder verworfen wird, kommen aus seiner Sicht weiterhin vom Menschen.

Das zeigt sich besonders in seinem Produktionsprozess. Ein Song kann viele Versionen durchlaufen, einzelne Elemente können ausgetauscht oder vollständig neu gedacht werden. Der erste Output ist nicht automatisch das fertige Werk.

Dass Felix zusätzlich echte Melodien auf einem Flügel einspielen kann, macht den Workflow noch gemischter. Für Ingo treffen darin eigene Ideen, menschliche Einspielungen, digitale Werkzeuge und KI-gestützte Produktion aufeinander.

🟨 DIE RECHTLICHE UNSICHERHEIT BLEIBT IM HINTERKOPF

Eine der größten Herausforderungen hatte für Ingo zunächst weniger mit Musik als mit dem Schritt in die Öffentlichkeit zu tun. Gerade der rechtliche Bereich rund um KI-generierte Musik beschäftigte ihn.

Man könne schließlich nicht sämtliche Melodien, Texte und musikalischen Ideen kennen, die irgendwo bereits existieren. Wer selbst kreativ arbeitet und veröffentlicht, möchte nach seiner Aussage nicht unwissentlich die Rechte anderer verletzen.

Hinzu kommt die Unsicherheit durch Berichte über Abmahnungen und rechtliche Auseinandersetzungen. Ingo betont allerdings, dass er selbst bislang keinerlei Kontakt mit solchen Fällen hatte.

Er versucht nach eigener Darstellung sorgfältig zu arbeiten und technische Möglichkeiten einzusetzen, die helfen können, mögliche Probleme frühzeitig zu erkennen. Eine hundertprozentige Sicherheit sieht er in einem so jungen und sich ständig verändernden Bereich derzeit trotzdem nicht.

Für ihn ist dieser Gedanke kein Grund, die Musik aufzugeben. Er bleibt aber ein Aspekt, der bei Veröffentlichungen im Hinterkopf steht.

🟨 KI-MUSIK WIRD NICHT EINFACH WIEDER VERSCHWINDEN

Beim Blick auf die Zukunft glaubt Ingo nicht, dass KI-Musik vorerst wieder aus der Musikwelt verschwinden wird. Dass sich traditionelle Künstler durch diese Entwicklung teilweise angegriffen fühlen, kann er durchaus nachvollziehen.

Gleichzeitig kennt er Musiker, die KI nicht grundsätzlich ablehnen, sondern inzwischen selbst beginnen, entsprechende Möglichkeiten auszuprobieren. Für Ingo zeigt das, dass sich mit der Technik auch die Arbeitsweisen verändern.

In drei bis fünf Jahren, glaubt er, werde man deutlich besser erkennen können, wohin sich dieser Bereich entwickelt. Er hält es für möglich, dass Menschen bei manchen zukünftigen Produktionen kaum noch unterscheiden können, ob ein Song mit oder ohne KI entstanden ist.

Das bedeutet für ihn allerdings keineswegs, dass automatisch jeder gute Musik machen wird. Die technische Möglichkeit, einen Song zu erzeugen, ersetzt aus seiner Sicht weder Idee noch Geschmack, Auswahl oder die Fähigkeit, daraus etwas Eigenes zu entwickeln.

Auch unter KI-Künstlern werde sich deshalb seiner Meinung nach mit der Zeit die Spreu vom Weizen trennen. Sein eigener Plan bleibt wesentlich einfacher, weitermachen und 19SEVENTY9 weiterentwickeln.

Dass dieses Hobby inzwischen viel Zeit und Geld kostet, nimmt er dabei mit Humor. Letztlich koste jedes Hobby Geld, bei ihm komme eben Musik dabei heraus.

🟨 VON OK KID BIS TINA TURNER

Wie breit Ingos eigener Musikgeschmack ist, zeigt ein Blick auf die Künstler, die ihn inspirieren. OK KID, Die Fantastischen Vier, Andreas Martin, Cock Robin, Blank & Jones, Tina Turner, Westernhagen und Gelka stehen bei ihm ganz selbstverständlich nebeneinander.

Ein guter deutscher Text kann ihn ebenso begeistern wie elektronische Chillout-Musik, Pop, Rock oder Hip-Hop. Seine Liste an Einflüssen könnte nach eigener Aussage noch wesentlich länger werden.

Im Alltag läuft bei ihm häufig Ibiza Global Radio. Besonders gefällt ihm daran, dass die Musik nicht ständig durch Nachrichten oder Werbeeinblendungen unterbrochen wird.

Songs, die ihm irgendwo begegnen und gefallen, werden geshazamt und anschließend in seine Jahresplaylist „All My Songs“ übernommen. Dadurch wächst diese Sammlung automatisch mit allem, was ihm im Laufe eines Jahres musikalisch begegnet.

Sehr häufig hört Ingo außerdem Blank & Jones, besonders die Relax Editions und die Milchbar-Reihe. Sein persönlicher Alltime-Favorit ist „April (Milchbar Mix)“. Für ihn stimmen dort Text, Sound und die Stimme von Jan Löchel in besonderer Weise zusammen.

Dass sich 19SEVENTY9 nicht auf einen Stil reduzieren lässt, wirkt vor diesem Hintergrund fast folgerichtig. Wer selbst Musik aus so unterschiedlichen Richtungen hört, muss sich auch beim eigenen Produzieren nicht auf eine einzige davon beschränken.

🟨 WENN EIN SONG MONATE SPÄTER NOCH JEMANDEN ERREICHT

Der Austausch mit Hörern ist für Ingo inzwischen ein wichtiger Teil seines Projekts. Ob über Instagram, TikTok oder persönlich, er freut sich über Reaktionen und hat dabei nach eigener Aussage bereits ein breites Spektrum erlebt.

Positives Feedback ist natürlich angenehmer, aber auch negative Kritik nimmt er grundsätzlich wahr und denkt darüber nach. Dabei unterscheidet er durchaus, ob eine Rückmeldung von jemandem stammt, der ihn und seine Arbeit kennt, oder von einer völlig unbekannten Person, die irgendwo einen Kommentar hinterlässt.

Besonders wertvoll sind für ihn Nachrichten, die manchmal erst Wochen oder Monate nach einer Veröffentlichung kommen. Wenn jemand schreibt, dass ein Song genau etwas getroffen hat oder eine Melodie zum Ohrwurm geworden ist, merkt Ingo, dass Musik ihren eigenen Weg gehen kann.

Eine bestimmte Botschaft möchte er seinen Hörern nicht grundsätzlich vorschreiben. Ein Song darf gute Laune machen, zum Nachdenken bringen, Sehnsucht auslösen, Energie geben oder einfach eine bestimmte Stimmung erzeugen.

Was ein Hörer darin findet, darf individuell bleiben. Wenn sich auch nur wenige Menschen wirklich mit einem Song identifizieren können, ist für Ingo bereits etwas Wesentliches erreicht.

🟨 MUSIK FÜR EIN STERNE-RESTAURANT

Für die nächsten Jahre plant Ingo weitere Veröffentlichungen, doch seine Ideen gehen inzwischen über klassische Singles hinaus. Aktuell ist er nach eigener Aussage mit einem Sterne-Restaurant im Gespräch.

Der Ausgangspunkt dafür ist seine Beobachtung, dass Musik in Restaurants und anderen Lokalitäten manchmal zu aufdringlich oder für die Atmosphäre unpassend sein kann. Gerade beim Essen sollte sie für ihn einen Raum unterstützen, ohne sich ständig in den Vordergrund zu drängen.

Da er nach eigener Darstellung bei seinen bisherigen Produktionen ohne klassische GEMA-pflichtige Musik arbeitet, sieht er darin die Möglichkeit, perspektivisch auch mehrere Restaurants oder andere gastronomische Betriebe mit entsprechender Hintergrundmusik zu versorgen. An diesem Konzept arbeitet er derzeit.

Gleichzeitig möchte er künftig stärker in Richtung Album denken. Der Reiz liegt für ihn darin, nicht einfach mehrere Songs zu sammeln, sondern über ein ganzes Album hinweg eine Geschichte zu erzählen.

Unterschiedliche Themen, Stimmungen und musikalische Richtungen könnten so innerhalb eines gemeinsamen Konzepts verbunden werden. Gerade für ein Projekt wie 19SEVENTY9 eröffnet das viele Möglichkeiten.

🟨 MANCHMAL IST DIE IDEE SCHON WEITER ALS SUNO

Material für kommende Veröffentlichungen ist vorhanden. Ingo verfügt nach eigener Aussage inzwischen über ein größeres Portfolio an fertigen oder weit entwickelten Songs, die nach und nach erscheinen sollen.

Gleichzeitig steigt sein eigener Anspruch. Er beobachtet diese Entwicklung auch bei anderen Künstlern, die er über Social Media oder Ai.OnAir kennengelernt hat. Mit zunehmender Erfahrung entstehen Vorstellungen, die technisch schwieriger umzusetzen sind.

Ein aktuelles Beispiel ist eine Songidee, die mit einer Bassline beginnen soll. Diese Bassline soll gleichzeitig die eigentliche Melodie vorgeben, auf der anschließend der komplette Song aufbaut.

Mit Suno in der aktuellen Form funktioniert das nach Ingos Einschätzung noch nicht so, wie er es benötigt. Die KI möchte seiner Erfahrung nach relativ schnell ihr gesamtes musikalisches Potenzial in einen Song packen und folgt dadurch nicht immer der gewünschten Reduktion.

Also liegt auch diese Idee zunächst auf Eis. Für Ingo ist das inzwischen fast ein normaler Zustand kreativer Arbeit mit KI, manchmal entwickeln sich die eigenen Vorstellungen schneller als die technischen Möglichkeiten.

🟨 „ANTRIEB NULL“ UND EIN BLICK NACH VORN

Neben 19SEVENTY9 gibt es bereits einen weiteren Namen. „Antrieb Null“ heißt ein Projekt, unter dem nach Ingos Angaben bereits zwei Songs veröffentlicht wurden.

Musikalisch soll es deutlich in eine andere Richtung gehen als 19SEVENTY9. Mehr möchte er darüber momentan bewusst nicht verraten. „Lasst euch überraschen“, lautet seine Ansage.

Auch außerhalb der Produktion hat Ingo Ziele. Irgendwann möchte er selbst Instrumente spielen können, besonders Klavier, und dafür auch Noten lesen lernen.

Bevor diese Herausforderung ansteht, soll allerdings zunächst der Bootsführerschein erledigt werden. Danach darf das Klavier kommen.

Wer wissen möchte, wann Ingo am liebsten kreativ arbeitet, könnte übrigens nachts lange warten. Seine bevorzugte Zeit ist ganz früh am Morgen. Dazu passt zumindest eine weitere klare Entscheidung aus seinen Antworten, Kaffee schlägt Tee, und beim Arbeiten gewinnt der Perfektionist eindeutig gegen den spontanen Typen.

Sich selbst beschreibt Ingo mit drei Begriffen: gerecht, hilfsbereit und liebevoll. Seinem jüngeren Ich würde er vor allem raten zu lernen, allerdings nicht zu verbissen. Das Leben zu genießen und manche Dinge auch einfach auf sich zukommen zu lassen, gehört für ihn genauso dazu.

Seinen Lesern gibt er einen ähnlich einfachen Gedanken mit. Man sollte das tun, worauf man Lust hat, und sich dabei vor allem den Spaß erhalten. Begeisterung sollte nicht davon abhängig werden, was andere Menschen davon halten.

Auf die Frage, was Musik für ihn in nur einem Satz bedeutet, fällt seine Antwort schließlich ausgesprochen kurz aus: „Music is a virus.“

WILD MEINT

19SEVENTY9 ist gerade deshalb interessant, weil die musikalische Vielseitigkeit nicht wie ein nachträglich erfundener Slogan wirkt. Ingos Geschichte funktioniert im Kern bereits seit 1997 so. Damals waren es Samples, Dance eJay und MiniDisc, heute sind es Suno und verschiedene digitale Werkzeuge, geblieben ist die Freude daran, aus einzelnen Möglichkeiten etwas Eigenes zusammenzusetzen.

Bemerkenswert ist dabei seine Haltung zu den technischen Grenzen. Wenn eine Idee mit dem aktuellen Werkzeug nicht funktioniert, wird sie nicht automatisch passend gemacht oder verworfen. „Das U-Boot“ und andere Projekte liegen notfalls so lange auf der Festplatte, bis die Technik näher an das herankommt, was Ingo bereits im Kopf hat.

Auch seine Genreoffenheit ist konsequent. Ein erfolgreicher Song wird nicht automatisch zur Blaupause für den nächsten, und ein Projekt muss sich nicht künstlich auf einen Sound festlegen, nur damit es einfacher einzuordnen ist. Das kann bedeuten, dass nicht jeder Hörer jede Veröffentlichung gleichermaßen mögen wird, aber genau diese Freiheit ist Teil des Konzepts.

Vielleicht beschreibt „Every Genre. One Signature.“ deshalb tatsächlich ziemlich präzise, was 19SEVENTY9 sein will. Die Musikrichtung darf sich verändern, die Entscheidungen dahinter bleiben persönlich. Und wenn Musik für Ingo wirklich ein Virus ist, dann hält sich dieser bei ihm bereits erstaunlich lange.

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