Baldzilla: Der Mut, die eigenen Texte hörbar zu machen
Georg aus Goslar verbindet persönlichen Rap, Humor und musikalische Gegensätze. Sein Weg führt vom Schreiben im Hamburger Linienbus über erste Studioerfahrungen zu Songs, die er heute mit Suno und BandLab umsetzt.
Text: WILD Redaktion ·

Lange schrieb Georg, ohne viel Resonanz auf seine Texte zu bekommen. Als Baldzilla gibt er seinen Gedanken heute eine musikalische Form, mal verletzlich, mal ironisch, mal voller Energie. Im WILD MIC CHECK erzählt er von seinem Weg zum Rap, dem besonderen Stellenwert von „Chardonnay“ und seinem Anspruch, nur Musik zu veröffentlichen, die ihn selbst berührt.
🟨 EIN SONG, MIT DEM ER SICH GEZEIGT HAT
Eigentlich wollte Georg seine Gefühle lange nicht so offen nach außen tragen. Trotzdem reichte er „Chardonnay“ in einem Livestream ein und bekam anschließend nach eigener Aussage so viele ermutigende Nachrichten, dass die Veröffentlichung ausdrücklich gewünscht wurde. Menschen beschäftigten sich mit einem Song, in dem er etwas Persönliches von sich zeigte. Für den Musiker hinter Baldzilla gehört diese Erfahrung zu den Momenten, auf die er heute besonders stolz ist.
Georg ist 38 Jahre alt und kommt aus Goslar. Unter dem Namen Baldzilla verbindet er modernen deutschen Rap mit unterschiedlichen musikalischen Einflüssen und zwei Seiten seiner Persönlichkeit: einer emotionalen, verletzlichen und einer humorvollen, spielerischen. Einsamkeit, Beziehungen, Veränderung und Selbstreflexion gehören ebenso zu seinen Themen wie Alltagssituationen und Ironie. Wie diese Seiten zusammenfinden, erklärt sich aus einem Weg, der lange vor seinen heutigen Veröffentlichungen begonnen hat.
🟨 VON DER TROMPETE ZUM SCHREIBBLOCK IM BUS
Seine ersten eigenen musikalischen Erfahrungen machte Georg mit sechs Jahren, als er Trompete spielen lernte. Musik zu hören begleitet ihn nach seiner Erinnerung schon so lange, wie er denken kann. Den Anstoß zum Schreiben eigener Raptexte gab ihm später Eminems Film „8 Mile“. In Hamburg saß er häufig hinten im Linienbus und schrieb erste Zeilen, zunächst aus Spaß und ohne einen ausgearbeiteten Plan.
Ein kleiner Block und ein Stift waren damals seine Begleiter, damit er Einfälle jederzeit festhalten konnte. Seine ersten Texte ordnet er ungefähr den Jahren 2007 und 2008 zu. Während seiner Ausbildung lernte er andere Auszubildende kennen, die selbst Musik machten, einer von ihnen hatte ein kleines Studio im Kellerzimmer. Dort konnte Georg erste Erfahrungen mit Aufnahmen sammeln und erleben, wie aus geschriebenen Zeilen tatsächlich Musik wurde.
Diese Zeit zählt er bis heute zu seinen wichtigen Meilensteinen. Was zuvor vor allem auf dem Papier und in seinem Kopf existiert hatte, bekam im Studio eine hörbare Form. Ab 2013 beschäftigte er sich intensiver mit dem Handwerk des Raptextens, darunter Reimketten und Double Rhymes. Über die Jahre entwickelte er seine Texte weiter, auch wenn es zwischendurch Pausen gab.
🟨 VIELE TEXTE, WENIG RESONANZ
Über lange Strecken blieb Musik für Georg ein persönliches Projekt, das wenig Rückmeldung von außen bekam. Er schrieb und arbeitete an seinen Ideen, hatte aber nach eigener Aussage nur selten das Gefühl, dass sich jemand ernsthaft damit beschäftigte. Dazu kam, dass er seinen Weg ohne ein festes musikalisches Umfeld oder verlässliche Unterstützung im Hintergrund finden musste. Ausprobieren, Verwerfen und Weiterentwickeln bestimmten deshalb einen großen Teil dieses Weges.
Eine besondere Herausforderung war die Geduld. Viel Zeit und Energie zu investieren, während nach außen zunächst wenig passierte, machte es ihm nicht immer leicht, an der eigenen Richtung festzuhalten. Auch fremde Meinungen und eigene Zweifel bremsten ihn aus, sodass er vieles für sich behielt. Wenn er heute auf seine Entwicklung schaut, gehört der selbstbestimmtere Umgang mit solchen Einflüssen für ihn zu den wichtigsten Veränderungen.
🟨 DIE ERMUTIGUNG, ENDLICH ZU VERÖFFENTLICHEN
Eine Freundin aus Hamburg bestärkte Georg darin, seine Musik öffentlich zu machen. Sie sah darin Potenzial und sagte ihm deutlich, dass er seine Songs endlich veröffentlichen solle. Diesen Zuspruch beschreibt er als wichtigen Anstoß in eine Richtung, die er selbst bereits gehen wollte. Er unterscheidet deshalb zwischen Meinungen, die ihn ausbremsen, und Impulsen, die ihn ermutigen, eine eigene Entscheidung tatsächlich umzusetzen.
Heute ist er besonders stolz darauf, sich nicht mehr so leicht von außen von seinem Weg abbringen zu lassen. Das bedeutet für ihn keineswegs, anderen grundsätzlich nicht mehr zuzuhören. Anregungen dürfen ihn weiterhin erreichen, die Entscheidung über seine Musik und deren Richtung möchte er jedoch selbst treffen. Bei „Chardonnay“ wurde dieser Schritt besonders persönlich, weil er damit Gefühle öffentlich machte, die er zuvor lieber für sich behalten hatte.
🟨 WAS SUNO FÜR IHN VERÄNDERT HAT
Als Georg 2025 Suno entdeckte, bekam seine Beschäftigung mit Musik einen neuen Schub. Die Anwendung eröffnete ihm die Möglichkeit, seine Texte und Ideen selbstständig in vollständige Songs umzusetzen. Er begann wieder zu schreiben und Musik zu machen, nun mit einem Werkzeug, das seinen bisherigen Erfahrungen eine neue praktische Perspektive gab. Die Entdeckung beschreibt er deshalb als einen Moment, der seine Motivation erneut entfacht hat.
Seine Texte schreibt Georg nach eigener Aussage vollständig selbst. Die Gedanken, Erfahrungen und Emotionen darin bilden für ihn einen wesentlichen Teil seiner Arbeit und sollen aus seiner eigenen Auseinandersetzung mit den Themen entstehen. Für die musikalische Umsetzung nutzt er hauptsächlich Suno, anschließend bearbeitet er die Songs in BandLab für Mixing und Mastering weiter. Entscheidend ist für ihn dabei, dass seine Geschichten eine Form bekommen, die andere Menschen hören können.
🟨 RAP ALS AUSGANGSPUNKT, FREIHEIT IM SOUND
Den Kern seiner Musik beschreibt Georg als modernen deutschen Rap. Dazu kommen Einflüsse aus Laidback-Rap und Pop-Rap sowie, je nach Song, Elemente aus Drill oder Trap. Eine feste Genrezuordnung möchte er daraus nicht ableiten, weil Stimmung und Inhalt bestimmen sollen, welche musikalische Richtung passt. Manche Stücke entstehen ruhig und emotional, andere energiegeladen, ironisch oder mit einem stärkeren Fokus auf einen mitgehenden Rhythmus.
Für seine Texte sind Bilder und Vergleiche wichtig, die aus dem Leben kommen und nachvollziehbar bleiben. Gleichzeitig sucht er nach einer eigenen Sprache, statt sich bewusst an einem aktuellen Trend auszurichten. Sein Anspruch verbindet Atmosphäre und Gefühl mit dem handwerklichen Interesse am Schreiben, das ihn seit Jahren begleitet. Zwischen Ernst und Augenzwinkern möchte er sich dabei ebenso frei bewegen können wie zwischen verschiedenen Sounds.
🟨 WENN TEXT UND INSTRUMENTAL UNTERSCHIEDLICHE GEFÜHLE TRAGEN
Ein zentraler Gedanke in Georgs Arbeitsweise ist der bewusste Gegensatz zwischen Text und Musik. Ein trauriger oder sehr persönlicher Inhalt soll für ihn nicht zwangsläufig von einem ebenso traurigen Instrumental begleitet werden. Stattdessen darf die Musik eine andere Energie einbringen und dem Text etwas entgegensetzen. Aus dieser Spannung erhofft er sich eine stärkere emotionale Wirkung des gesamten Songs.
Als Beispiel nennt er „Stier aus Glas“. Den Text beschreibt er als verletzlich und traurig, während das Orchester im Beat Kraft und Energie zurückgeben soll. Das Instrumental bekommt damit eine eigene Aufgabe innerhalb der Geschichte, die über das bloße Unterstreichen der Worte hinausgeht. Genau dieses Zusammenspiel gehört für Georg zu den Eigenschaften, die seinen Stil ausmachen.
🟨 WARUM ER SONGS BEWUSST LIEGEN LÄSST
Die unterschiedlichen Stimmungen entstehen auch durch den zeitlichen Abstand zwischen einzelnen Arbeitsschritten. Georg schreibt in verschiedenen emotionalen Zuständen und legt einen Song anschließend bewusst zur Seite. Wenn er später daran weiterarbeitet, bringt er häufig eine positivere oder klarere Verfassung mit. Diese veränderte Sicht fließt dann in den Feinschliff, den Beat oder die musikalische Richtung ein.
Auch „Chardonnay“ ist nach seiner Schilderung auf diese Weise entstanden. Der Text stammt aus einer sehr schweren Phase, während er Sounddesign und endgültige musikalische Ausrichtung später in einer anderen emotionalen Verfassung entwickelte. So können persönliche Inhalte auf ein Klangbild treffen, das zusätzlich Leichtigkeit oder ein Gefühl von Aufbruch vermittelt. Ob er ein Stück veröffentlicht, entscheidet sich für ihn letztlich daran, ob es ihn selbst emotional erreicht und ihm Gänsehaut gibt.
🟨 ZWEI SEITEN, DIE ZU BALDZILLA GEHÖREN
Georg beschreibt Baldzilla als ein Projekt mit zwei unterschiedlichen Charakterseiten. Die eine beschäftigt sich mit Einsamkeit, persönlichen Erfahrungen und tiefen Gefühlen, wie er sie mit „Chardonnay“ verbindet. Die andere ist direkter, humorvoller und spielerischer, teilweise auch bewusst überzeichnet. Beide Seiten gehören für ihn zusammen und sollen in seiner Musik ihren Platz behalten.
Aktuell möchte er die lockere und ironische Facette wieder stärker hervorholen. Dabei verweist er auf „Killaaa“ und auf jene Energie, mit der ihn Menschen zu Beginn kennengelernt haben. Die emotionale Seite soll daneben weiterhin bestehen bleiben. Seine aktuelle Arbeit richtet sich somit auch darauf, die verschiedenen Anteile von Baldzilla sichtbar zu halten, statt das Projekt auf nur einen davon zu reduzieren.
🟨 WAS ER VON SEINEN VORBILDERN MITNIMMT
Eminem gehört für Georg zu den prägenden Einflüssen, sowohl durch „8 Mile“ als auch durch Storytelling und emotionale Tiefe. Samy Deluxe nennt er im Zusammenhang mit seinem Verständnis für Reimstrukturen und die technischen Möglichkeiten von Rap. An Bausa schätzt er musikalische Vielseitigkeit sowie das Gespür dafür, Songs zu gestalten und Atmosphäre aufzubauen. Diese Künstler stehen in seinen Antworten für unterschiedliche Aspekte dessen, was ihn an Musik interessiert.
Herbert Grönemeyer und Udo Lindenberg verbindet Georg mit starkem emotionalem Ausdruck und einer eigenen musikalischen Sprache. Bei Apache 207 fasziniert ihn besonders die Verbindung emotionaler oder dunkler Inhalte mit tanzbaren Beats. Darin findet sich auch jener Gegensatz wieder, den er für seine eigenen Songs spannend findet. Seine Vorbilder beschreibt er als Anregung dafür, was Musik ausdrücken und ermöglichen kann, ohne ihre Arbeit kopieren zu wollen.
🟨 EIN EIGENER ANSATZ STATT EINER FESTEN SCHUBLADE
Vieles von dem, was aktuell in den Charts läuft, spricht Georg nach eigener Aussage als Hörer und Künstler nicht mehr an. Er empfindet manche Entwicklungen als ähnlich und stark an wiederkehrenden Mustern orientiert. Dabei betont er ausdrücklich, dass er anderen damit nicht absprechen möchte, Musik zu machen. Seine persönliche Suche richtet sich auf mehr Geschichten, emotionale Tiefe und musikalische Möglichkeiten, die ihn selbst bewegen.
Für sich verwendet er den Begriff Hybrid-Künstler, weil er unterschiedliche Stile, Gefühle und Arbeitsansätze verbindet. Baldzilla soll dabei als eigenständiges Konzept erkennbar werden und nicht allein über eine Genrebezeichnung funktionieren. Hinter dem Namen steht für ihn der Anspruch, verschiedene Seiten seiner Persönlichkeit in einer eigenen musikalischen Identität zusammenzuführen. Die Freiheit, sich weiterzuentwickeln, ist deshalb ein wesentlicher Teil dessen, was er mit seinem Projekt erreichen möchte.
🟨 WEITERENTWICKLUNG OHNE VERÖFFENTLICHUNGSDRUCK
An neuen Songs und Projekten arbeitet Georg bereits, konkrete Veröffentlichungstermine nennt er in seinen Antworten jedoch nicht. Ein Teil der kommenden Musik knüpft an bisherige Erfahrungen an, gleichzeitig probiert er neue emotionale und musikalische Kombinationen aus. Wie schnell daraus ein Release wird, hängt für ihn davon ab, wann sich ein Stück vollständig und stimmig anfühlt. Einen Song, der ihn selbst noch nicht überzeugt, möchte er nicht allein wegen eines Zeitplans herausbringen.
Perfektionistisch, zielstrebig und ehrgeizig sind die drei Begriffe, mit denen er sich selbst beschreibt. Sein Anspruch reicht vom genauen Arbeiten an einzelnen Songs bis zur langfristigen Entwicklung seiner Fähigkeiten. Er möchte mehr Menschen erreichen und nach und nach eine Community aufbauen, die seine Vielseitigkeit und Offenheit schätzt. Dabei ist ihm nach eigener Aussage wichtiger, seiner Musik treu zu bleiben, als möglichst schnell groß zu werden.
🟨 DER EIGENE WEG DARF ZEIT BRAUCHEN
Wenn Georg den Lesern etwas mitgeben möchte, dann ist es die Ermutigung, den eigenen Weg und das eigene Tempo ernst zu nehmen. Aus seiner Erfahrung braucht es Zeit, einen persönlichen Ausdruck zu finden und den Mut zu entwickeln, ihn öffentlich zu zeigen. Auch Gefühle, die schwer auszuhalten sind, möchte er nicht grundsätzlich verstecken, sondern kreativ verarbeiten können. Was ihn beschäftigt, darf deshalb in seine Musik einfließen, ohne dass jede Seite seiner Persönlichkeit gleich klingen muss.
Nach außen mag Baldzilla für manche wie ein Projekt wirken, das erst seit Kurzem existiert. Georg selbst blickt auf viele Jahre zurück, in denen Schreiben und Musik ihn begleitet haben, oft ohne große Sichtbarkeit. Heute kann er seine Texte umsetzen, veröffentlichen und erleben, dass sich andere Menschen damit beschäftigen. Genau darin liegt für ihn eine wesentliche Veränderung: Er behält seine Musik nicht länger nur für sich.