CHILLIJIL: Jil gibt die Richtung mit vor
Eine 14-Jährige mit einer Liebe zu Jazz und Blues, ihr Vater mit einer Vorliebe für schnelle Clubbeats: In Wildhaus entwickeln Jil und Lars Kommer gemeinsam Musik und lernen dabei weit mehr als Produktion.
Text: WILD Redaktion ·

Bei CHILLIJIL steht Jil bewusst im Mittelpunkt. Gemeinsam mit ihrem Vater Lars arbeitet sie an Songs zwischen House, persönlichen Geschichten und digitalem Experiment. Im WILD MIC CHECK erzählen die beiden von ihrem ungewöhnlichen Einstieg, einem misslungenen DJ-Auftritt, überraschender Aufmerksamkeit und der Freiheit, den eigenen Weg jederzeit neu zu wählen.
🟨 Eine junge Künstlerin mit eigenen Vorstellungen
Jil Kommer ist 14 Jahre alt, beschäftigt sich seit ihrem elften Lebensjahr intensiv mit Jazz und Blues und möchte später Kieferchirurgin werden. Gleichzeitig ist sie DJane, Komponistin, Sängerin und das sichtbare Gesicht von CHILLIJIL®. Das Musikprojekt aus Wildhaus im Schweizer Toggenburg entwickelt sie gemeinsam mit ihrem 55-jährigen Vater Lars. Dass ihr Name darin steckt und auf den Plattformen meist zuerst genannt wird, ist eine bewusste Entscheidung.
Lars übernimmt vor allem Produktion, Arrangement, Texte und Organisation. Er beschreibt sich als introvertiert und stellt andere lieber in den Vordergrund, während Jil zunehmend lernt, ihre Vorstellungen zu vertreten und öffentlich sichtbar zu werden. Beide verstehen sich als Digital Artists und kreative Techniker. Eine klassische musikalische Ausbildung stand am Anfang ihres gemeinsamen Weges nicht.
Geboren wurden Vater und Tochter in Stuttgart, Jil wuchs jedoch überwiegend in mallorquinischer Umgebung auf. Ihre Mutter ist Österreicherin, ihr Großvater war Schweizer; 2025 wurde Jil in Wildhaus-Alt St. Johann eingebürgert, 2026 erhielt sie ihren Schweizer Reisepass. Heute besucht sie die zweite Oberstufe, malt und betreibt Eiskunstlauf. Lars arbeitet als Unternehmer und international im Business Development, sodass das Projekt seinen Platz zwischen Schule, Beruf und Familienleben finden muss.
🟨 Nach dem Ende einer Manufaktur begann etwas Neues
Der Ausgangspunkt lag in einem beruflichen Einschnitt. Nach Corona schloss Lars seine Metallwarenmanufaktur, in deren Aufbau über Jahre viel Energie und persönliche Identität geflossen waren. Auf der Suche nach einer neuen kreativen Aufgabe begann er, mit generativer KI zu experimentieren. Daraus entstanden zunächst spielerische musikalische Versuche.
Als Jil ihre eigene musikalische und visuelle Perspektive einbrachte, veränderte sich die Bedeutung dieser Beschäftigung. Lars wollte ihr einen geschützten Raum eröffnen, in dem sie auftreten, Entscheidungen treffen und Fehler machen durfte. Ein vorgezeichneter Weg in die Musikbranche war damit ausdrücklich nicht verbunden. Aus dem gemeinsamen Ausprobieren entstand nach und nach ein ernsthaft betriebenes Projekt.
Die ersten Stücke waren noch fast vollständig generativ und ließen sich vor allem über Prompts und Nachbearbeitung beeinflussen. Irgendwann genügte ihnen diese Form des Experimentierens nicht mehr, weil die Ergebnisse zu stark vom Zufall abhingen. Sie begannen, eigene Stimmen einzusetzen, Sounds und Samples einzuspielen und später mit weiteren Künstlern zusammenzuarbeiten. Veröffentlichung, Metadaten, Distribution, Videos und Pressearbeit erschlossen sie sich weitgehend selbst.
🟨 PRIVILEGE brachte die eigene Geschichte ins Radio
Ein früher Meilenstein war PRIVILEGE. Darin setzte sich Jil mit ihrer privilegierten Kindheit auf Mallorca auseinander, zu der Yachten ebenso gehörten wie ein Esel und Pfauen. Diesen Erinnerungen stand ihr neuer Schweizer Schulalltag gegenüber. Aus dem Wechsel zwischen zwei Lebenswelten wurde ein Song, den beide bis heute zu ihren stärksten frühen Titeln zählen.
Nach ihrer Schilderung spielten kurz darauf zwei Radiosender das Stück. Besonders der Einsatz bei REDLINE Radio Schweiz blieb ihnen im Gedächtnis, weil ihre Musik damit erstmals vor einem unbekannten Publikum existierte. Auf das private Experiment folgten weitere Radioeinsätze, Nominierungen und Kooperationen. Entscheidend war zunächst die Erfahrung, dass eine sehr persönliche Geschichte auch außerhalb der Familie jemanden erreichen konnte.
Unterstützung bekamen sie von Menschen, die ihnen Orientierung und Zugang zu neuen Zusammenhängen gaben. Den Musikjournalisten, Künstler und Street-Parade-Mitgründer Christoph Soltmannowski nennen sie als wichtigen Kontakt zur Musikszene. Ivana Leiseder von Leiseder Communications holte sie zur schweizweiten Kampagne lernKI.ch. Hinzu kamen Radios, Kuratoren und Musiker, die früh auf ihre Arbeit reagierten.
🟨 Zwischen Jazzliebe und elektronischem Druck
Musikalisch treffen bei CHILLIJIL zwei deutlich unterschiedliche Vorlieben aufeinander. Jil hört intensiv Jazz und Blues und ist Laufey-Fan, während Lars schnelle elektronische Musik bevorzugt und unter anderem Bronski Beat und James Hype als Einflüsse nennt. Ihr gemeinsames Zentrum fanden sie im House. Chicago House, Deep House und Detroit House bieten ihnen Raum für Groove, Soul, ungewöhnliche Harmonien und antreibende Rhythmen.
Zu ihren wiederkehrenden Merkmalen gehören tiefe Bässe, ein unmittelbarer Einstieg und häufig ein melancholischer Break. Piano, Saxofon und Blues-Gitarre treffen auf Stimmwechsel, klare Hooks und gelegentlich Taiko-Drums, Handpan oder Xylofon. Daneben entstehen schnellere Stücke um 144 BPM mit Trance- oder Technoelementen. Auch kurze Laufzeiten, harte Übergänge und Ausflüge in andere Genres gehören zu ihren Möglichkeiten.
Eine konkrete Anregung lieferte ein Jazzclub in Rom, den sie auf Jils Drängen besuchten. Lars hatte bis dahin wenig Zugang zu dieser musikalischen Welt, ließ sich vor Ort aber von den Musikern und der Energie des Raums begeistern. Diese Erfahrung floss in das Album CHILLIJIL House Affairs ein. Bei dessen Zusammenstellung ordneten sie die Stücke erstmals mit DJ.Studio gezielt nach harmonischen und dramaturgischen Gesichtspunkten.
🟨 Die Geschichte kommt vor dem Klang
Am Anfang eines Songs steht bei ihnen fast immer ein Textgedanke. Eine Frage, eine Beobachtung oder ein Gefühl muss zunächst greifbar werden, bevor Tempo, Stimmlage und Instrumentierung folgen. Lars bringt häufig den inhaltlichen Kern ein, Jil beurteilt sehr direkt, ob die daraus entwickelte musikalische Stimmung glaubwürdig wirkt. Zum Schluss hört auch der Familienrat mit und entscheidet, wo noch etwas verändert werden sollte.
Viele Ideen entstehen unterwegs, beim Autofahren oder auf Reisen. Unter Goas Palmen wurde die Sehnsucht nach Jils zu Hause gebliebener Mutter zum Ausgangspunkt von SEE YOU SOON. DID I STUTTER ging dagegen aus Missverständnissen beim gemeinsamen Einkaufen hervor. Die Anlässe dürfen alltäglich sein, solange sich daraus eine tragfähige Geschichte entwickeln lässt.
Deutsch nutzen sie besonders dann, wenn sie sich möglichst präzise ausdrücken wollen. Die meisten Songs entstehen auf Englisch, hinzu kommen Spanisch und Französisch. Jils Aufwachsen auf Mallorca und ihr Verständnis für Katalanisch prägen ihren Bezug zum spanischen Sprachraum, während Lars den Klang des Französischen liebt. Fehlt einmal die spontane Idee, beginnen sie handwerklich mit einer Zeile, einem Tempo oder einem Fragment und arbeiten von dort weiter.
🟨 Aus Möglichkeiten wird durch Auswahl ein Song
Zwischen dem ersten Entwurf und einer Veröffentlichung liegen manchmal wenige Varianten, manchmal Dutzende Generierungen, Edits und Mixstände. Meist bleiben drei Finalisten übrig, aus denen Jil und Lars gemeinsam auswählen. Dabei verwerfen sie auch technisch saubere Ergebnisse, wenn Stimmen austauschbar wirken, Melodien keinen Wiedererkennungswert besitzen oder Instrumente nicht zum Stück passen. Ausgefranste Synthesizer und stereotype Stimmgeräusche gehören ebenfalls zu ihren Ausschlusskriterien.
Für Produktion, Audiobearbeitung und DJ-Arbeit verwenden sie unter anderem Ableton Live, Serato, Mixxx, Suno Studio, Kits.AI, Audacity und DJ.Studio. Cover und Videos entstehen je nach Aufgabe mit Werkzeugen wie Leonardo AI, Midjourney, Grok, Veo, Topaz, HandBrake, CapCut und Canva. Gelegentlich trommeln sie einen Beat auf einer indischen Dholak vor. Ein Instrument wirklich gut zu beherrschen, beansprucht allerdings keiner von beiden für sich.
Eine Veröffentlichung bedeutet für sie, einen Arbeitsstand loszulassen. Ältere Stücke können später als Remaster, Clubversion oder Radio Edit zurückkehren. Gerade das frühe Mixing und Mastering beurteilen sie heute kritisch, weil ihnen damals grundlegendes Wissen fehlte. Inzwischen achten sie stärker auf kontrollierte Bässe, gezielte Klangfarben und kompaktere Arrangements.
🟨 Stimmen dürfen ihre Gestalt verändern
Bei der Bearbeitung von Stimmen nutzen CHILLIJIL bewusst große Freiheiten. Häufig arbeiten sie mit drei Modellen von Jils Stimme, die sie Afro Raspy, Defiant Rap und Bright nennen. Hinzu kommen tiefe Stimmen, schnelle Rap-Passagen und geschichtete melodische Chöre. Die Ergebnisse müssen ihrer natürlichen Stimme nicht jederzeit ähneln, weil sie Gesang auch als formbares Instrument verstehen.
Wie sich digitale Produktion und menschliche Performance verbinden, zeigen ihre Kooperationen. Für WANTED sang Fatih Alas live ein; seine Stimme blieb nach ihrer Beschreibung digital nahezu unbearbeitet. Sie kombinierten diese Aufnahme mit KI-analysierten Tracks, erzeugten Stems und Elementen aus Kits.AI. Weitere Beiträge kamen von Sara Talmon mit eingesungenen Vocals und Pan Weiland mit Violinklängen.
Solche Begegnungen haben auch ihren Blick auf musikalisches Können verändert. Seit sie selbst produzieren, wächst ihre Faszination für Sänger, Instrumentalisten und Straßenmusiker, die unmittelbar mit ihrem Körper oder Instrument etwas erzeugen. Bei einer Zusammenarbeit zählen für sie deshalb neben kreativer Offenheit auch klare Absprachen und gegenseitige Wertschätzung. Die unterschiedlichen Fähigkeiten sollen sich in einer gemeinsamen Produktion ergänzen.
🟨 Persönliche Themen brauchen nicht jede Erklärung
Familie, Reisen, Abschied und gesellschaftliche Widersprüche liefern viele ihrer Inhalte. Wiederkehrend beschäftigen sie sich mit Identität, Selbstbehauptung, mentaler Enge und ungelebten Möglichkeiten. Persönliche Erfahrungen werden dabei verdichtet und aus anderen Blickwinkeln betrachtet. Ein Song darf nah an ihrem Leben liegen, ohne dessen vollständige Erklärung zu liefern.
UNLIVED LIVES IN JARS entwickelte sich für sie von einem poetischen Bild konservierter Möglichkeiten zu einem persönlichen Stück über Entscheidungen, Ängste und verpasste Wege. WHO WILL YOU BE? verbindet die Frage nach Identität mit einer selbstbewussteren Phase. BRASS SIGNS wiederum geht auf alte galvanisierte Kisten und Metallschilder zurück, die Erinnerungen an ihre Vergangenheit tragen. Hinter elektronischen Arrangements stehen damit teilweise sehr konkrete Gegenstände und Erfahrungen.
Besonders sorgfältig gingen sie bei IT DOESN’T FIT vor, das ihre Wahrnehmung einer allgegenwärtigen Sexualisierung direkt aufgreift. Um Jil bei diesem Thema etwas aus der Öffentlichkeit zu nehmen, verwendeten sie Lars’ Stimmmodell. Provokation soll für sie eine ehrliche Frage schärfen und weder Menschen entwürdigen noch ausschließlich Aufmerksamkeit erzeugen. Weil Jil minderjährig ist, wägen sie Bildsprache, Texte und öffentliche Auftritte bewusst ab.
Den Hörern lassen sie zugleich Raum für eigene Deutungen. Wenn jemand in einem Song eine Beziehung, einen Verlust oder eine Entscheidung wiederfindet, muss diese Lesart nicht ihrer ursprünglichen Absicht entsprechen. Musik kann für sie Trauer tanzbar machen oder Wut in eine schöne Form bringen, ohne den Widerspruch aufzulösen. Sie darf ebenso schlicht Freude und Bewegung auslösen, ohne eine größere Botschaft tragen zu müssen.
🟨 Ein misslungener Auftritt in Zürich
Zu ihren lehrreichsten Erfahrungen gehört ein DJ-Auftritt von Jil in Zürich. Sie hatten schnelle Clubbeats vorbereitet und stellten vor Ort fest, dass die Veranstaltung eher den Charakter eines Familienfestes hatte. Ruhigere, passendere Tracks lagen sogar auf der Festplatte bereit. Trotzdem hielten sie an ihrem ursprünglichen Set fest.
Dass der Auftritt entsprechend schlecht ankam, schreiben sie ausdrücklich ihrer eigenen Unflexibilität zu. Die Stimmung im Raum hatten sie erkannt, aber daraus keine Konsequenz gezogen. Seitdem gehört für sie zur Vorbereitung auch die Bereitschaft, einen Plan vollständig zu ändern. Ein DJ muss auf die Menschen vor sich reagieren können.
Auch außerhalb der Bühne blieb Anerkennung gelegentlich aus. Jil wurde am Ende nicht für ein Buch über beeindruckende Schweizer Teenager berücksichtigt; nach ihrer Schilderung erhielt Nemo den Platz. Beide konnten die Entscheidung nachvollziehen, fanden sie dennoch schade und nahmen daraus mit, Anerkennung nicht fest einzuplanen. Technische Probleme, Ablehnung oder Plattformmechanismen brachten sie zeitweise sogar zum Gedanken ans Aufhören, bis ein neuer Song wieder Freude an der Arbeit auslöste.
🟨 Was sie an KI schätzen und kritisch sehen
KI ist für CHILLIJIL auch ein Lernwerkzeug. Sie fragen nach musikalischen Begriffen, Instrumenten und Möglichkeiten der Stimmgestaltung, die ausgebildeten Musikern möglicherweise selbstverständlich erscheinen. Was ein Arpeggio ist oder wie eine bestimmte Gesangscharakteristik beschrieben werden kann, wird so unmittelbar während der Produktion geklärt. Beim Schreiben hilft ihnen dieser Dialog außerdem, Gedanken in Reimformen zu übertragen, ohne die beabsichtigte Aussage zu verlieren.
Den KI-Einsatz legen sie offen und behaupten nicht, sämtliche Stimmen seien unbearbeitete Aufnahmen oder jeder Ton sei traditionell eingespielt. Ihre Vorstellung von Authentizität liegt in der gemeinten Aussage und den Entscheidungen, für die sie einstehen. Zugleich nehmen sie Bedenken zu Urheberrechten, Datenherkunft, Überproduktion und zur wirtschaftlichen Situation menschlicher Musiker ernst. Die pauschale Behauptung, mit KI könne grundsätzlich keine persönliche Kunst entstehen, halten sie dagegen für unfair.
Für die weitere Entwicklung erwarten sie, dass die technische Herstellung brauchbarer Musik leichter und KI alltäglicher wird. Damit gewinnen aus ihrer Sicht Geschmack, eine eigene Geschichte, Live-Bezug und Vertrauen an Bedeutung. Sie wünschen sich klare Regeln für Rechte, Kennzeichnung und faire Beteiligung. Offenheit für neue Werkzeuge und Respekt vor der Arbeit anderer gehören für sie zusammen.
🟨 Ein großer Katalog und überraschende Reichweite
Nach eigenen Angaben umfasst CHILLIJIL inzwischen mehr als 450 veröffentlichte oder produzierte Songs sowie mehrere Alben. Dazu nennen sie Radioeinsätze, kuratierte Playlists und mehrere Vereinbarungen mit Sick Dance im Umfeld von Sony Music. TAKE ME BEYOND HORIZONS empfehlen sie als Einstieg in ihre schnellere Seite mit prägnanten Vocals. FOUND MY NAME steht für den klareren und kompromissloseren Sound, den sie heute verfolgen.
Besonders überraschend entwickelte sich HEAT. Ein Instagram-Reel des Motivators SAIKI mit dem Stück erreichte laut ihren Angaben rund 4,8 Millionen Aufrufe. Das frühe Mastering beurteilen sie inzwischen kritisch und haben es überarbeitet, doch die musikalische Idee erreichte bereits in dieser Form viele Menschen. Außerdem berichten sie von rund 29.700 Tanz- und Singclips mit KAFFEE und weiteren Tracks, aus denen sie teilweise ein Medley zusammenstellten.
Auch außerhalb eigener Veröffentlichungen waren sie tätig. Für Enigma – Original Voices gestalteten sie Bühnenvisuals und Social-Media-Material, die Kampagne lernKI.ch brachte sie nach ihrer Darstellung in Fernsehen, Radio und Print. Als Auszeichnungen nennen sie den Sieg beim ACCA AI Clip Creation Award 2025, Platz drei für EUPHORIA REMEDY bei den Newcomer Awards 2025 und eine Publikumswahl für ICH BLEIB NICHT STEHEN bei den Schlagerawards. House Affairs wurde für die LIT Music Awards 2026 in der Kategorie Best House Music eingereicht; dieses Verfahren war zum Zeitpunkt ihrer Antworten noch offen.
🟨 Sichtbarkeit kostet Zeit
Trotz dieser Aufmerksamkeit kennen sie die Schwierigkeiten unabhängiger Projekte. Lars hört auf SoundCloud immer wieder Musik, in der viel Arbeit steckt und die trotzdem kaum ein größeres Publikum erreicht. Die professionellen Teams bekannter Künstler sind für ihn dabei nicht das Problem. Kritisch sieht er ein System, in dem bestehende Reichweite fast automatisch zusätzliche Aufmerksamkeit erzeugt, während Unbekannte nur schwer entdeckt werden.
Für kleinere Projekte kommt hinzu, dass Produktion, Gestaltung, Videos, Veröffentlichung und Pressearbeit gleichzeitig bewältigt werden müssen. Social Media ermöglicht CHILLIJIL direkten Austausch, beansprucht für die Verpackung eines Songs aber gelegentlich mehr Zeit als die Musik selbst. Deshalb bedienen sie nicht ununterbrochen jede Plattform. Ein guter Titel soll für sie nicht schon nach zwei Tagen als überholter Inhalt gelten.
Sie wünschen sich bessere Auffindbarkeit, faire Vergütung und Kuratoren, die tatsächlich zuhören. Ihre eigenen Auftritte sind spendenbasiert; die Tantiemen liegen nach ihren Angaben inzwischen über den Ausgaben, ein Teil fließt in Jils Taschengeld. Kommerziellen Druck möchten sie dennoch vermeiden. So bleibt ihnen die Freiheit, Inhalte und Genres abzulehnen, die nicht zu ihnen passen, etwa die von ihnen ausdrücklich ausgeschlossene Ballermann-Ästhetik.
🟨 Zehn Dollar, die geblieben sind
Ein besonders wertvoller Kontakt begann mit einer Spende aus den USA. Eine Amerikanerin schickte ihnen zehn Dollar und erklärte, dass sie zu Weihnachten den Künstlern, deren Arbeit sie mag, etwas Geld schenke. Berührt hat Jil und Lars die bewusste Geste eines völlig fremden Menschen auf einem anderen Kontinent. Bis heute stehen sie mit ihr in Kontakt.
Ebenso besonders war Jils erstes Autogramm. Beide beschreiben diesen Moment als unerwartete, angenehme Wertschätzung. Nachrichten von Menschen, denen ein Song etwas gegeben hat, machen für sie greifbar, was eine Veröffentlichung auslösen kann. Konkrete Kritik nehmen sie ebenfalls ernst, weil sie ihnen zeigt, was außerhalb der eigenen Wahrnehmung ankommt.
Die unmittelbarste Rückmeldung gab es allerdings zu Hause. Als Lars versuchte, Dudelsack zu spielen, reagierte Verena, seine Frau und Jils Mutter, mit herzlichem Gelächter. Lars beschreibt die Wirkung auf sich mit entsprechendem Humor als nachhaltig traumatisch. Ein Dudelsack dürfte deshalb vorerst kaum zum festen Instrumentarium von CHILLIJIL gehören.
🟨 Zusammenarbeit heißt auch widersprechen dürfen
Hinter den teils düsteren Songs liegt ein Familienalltag mit Hund, Katze, Schule und Beruf. Gemeinsam besuchen Jil und Lars je nach Zeit und Lust eine DJ Academy und nehmen Gesangsstunden. Lars interessiert sich außerdem für Reisen, Fahrzeuge, Geschichten und neue technische Möglichkeiten. Über Situationskomik und ihre unterschiedlichen Sichtweisen können beide lachen, während Überheblichkeit, Unzuverlässigkeit und fehlende Wertschätzung sie ärgern.
Bei der Arbeit helfen ihnen Neugier und Beharrlichkeit, manchmal stehen ihnen ihre Eigenschaften aber auch im Weg. Lars kann sich im Perfektionismus verlieren, während Jils schnelles Urteil gelegentlich zu früh kommt. Er hört dann noch einmal genauer hin, sie erinnert ihn daran, dass Musik unmittelbar überzeugen muss. Aus einem Vorschlag und dem Widerspruch des anderen entsteht so mitunter eine Lösung, die keiner allein gefunden hätte.
Dabei lernen sie, einander auch als kreative Partner ernst zu nehmen. Lars hat erfahren, dass sein Alters- und Erfahrungsvorsprung nicht bedeutet, automatisch recht zu haben. Jil vertraut ihrem ästhetischen Urteil zunehmend stärker. Diese Veränderung ihrer Beziehung nennen sie selbst einen der wichtigsten Erträge des Projekts.
🟨 Die Zukunft soll Jil offenstehen
Für die nächsten Schritte wünschen sie sich mehr Live- und DJ-Elemente, reale Instrumentalisten und ungewöhnliche Stimmen. Filmischere Bilder, Projektionen und KI-Visuals könnten dabei mit Jils DJ-Performance verbunden werden. Gleichzeitig arbeiten sie daran, den eigenen Gesang so weit zu entwickeln, dass die technische Unterstützung bei den Stimmen möglichst gegen null geht. Hohe oder besonders schnelle Passagen gelingen ihnen heute noch nicht ohne Hilfe.
Regelmäßige Radio- und Playlist-Präsenz sowie ausgewählte Auftritte gehören ebenfalls zu ihren Zielen. Ein größeres Festival oder Medienformat wäre ein Traum, doch Jils Berufswunsch bleibt davon unberührt. Für Lars wäre der Weg gelungen, wenn sie später mit Mut, Fähigkeiten und schönen Erinnerungen auf diese Zeit zurückblickt. Der Gedanke, dass ein ganzer Raum einen ihrer in Wildhaus begonnenen Songs mitsingen könnte, bleibt ein zusätzlicher musikalischer Wunsch.
Wem CHILLIJIL in zehn Jahren gehört und wie es dann klingt, muss heute nicht entschieden werden. Jil soll das Projekt weiterführen, verändern, beenden oder daraus etwas Eigenes entwickeln dürfen. Ihr Rat an das jüngere Ich lautet, nicht auf das perfekte Alter oder die Zustimmung aller zu warten und zugleich aufmerksam zu bleiben, wem man vertraut. Lars würde sich selbst mitgeben, die eigene Arbeit nicht dauerhaft zu verschenken, in der Hoffnung, andere würden ihren Wert irgendwann von allein erkennen.