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CRUX & THE ALLY RIOTS: Ihre Gedanken. Ihre Regeln. Ihr Punk.

Sanne verbindet 42 Jahre Punk mit KI, persönlichen Erfahrungen und einem Assistenzprojekt für autistische Menschen. Eine Geschichte über Selbstbestimmung, unbequeme Fragen und den Wunsch, die eigenen Songs eines Tages vor einer Livebühne mitzusingen.

Text: WILD Redaktion ·

CRUX & THE ALLY RIOTS: Ihre Gedanken. Ihre Regeln. Ihr Punk.

Mit CRUX & THE ALLY RIOTS by Sanne macht eine Punkette aus Pirmasens ihre Gedichte und Erfahrungen hörbar. Sie erzählt von ihrer Autismusdiagnose, von Liebe, Verlust und Sarkasmus, erklärt ihre Arbeit mit KI und sucht Menschen, die ihre Musik auf die Bühne und ihr Herzensprojekt JETTY in die Umsetzung bringen.

🟨 SANNE HAT ETWAS ZU SAGEN

„Ich bin Sanne, und ich bin Punkette seit 42 Jahren, Autistin schon immer und Mutter seit 1998 für den Rest meines Lebens.“ So stellt sich die Frau hinter CRUX & THE ALLY RIOTS by Sanne vor. Die 54-Jährige aus Pirmasens bezeichnet ihre Songs als vertonte Gedichte. Darin verarbeitet sie persönliche Erfahrungen, Liebe, Verlust, politische Überzeugungen und ihren bisweilen ziemlich unverblümten Sarkasmus.

Beruflich arbeitet Sanne als Sales Engineer im B2B-Projektgeschäft für elektronische Bauteile, Module und Systeme. Zu ihrem Hintergrund gehören außerdem eine Qualifikation als Elektrofachkraft für ausgewählte Tätigkeiten, ein Bachelor of Arts im Handel und der Abschluss als staatliche Betriebswirtin mit dem Profil Gesundheitsökonomie. Sie ist Eltern-Medien-Mentorin und seit 2026 Autismus-Coach. Dass man irgendwann zu alt zum Lernen sein soll, kann sie nicht nachvollziehen.

🟨 EINE KASSETTE UND EINE KLEINE SUBKULTURELLE WELT

Mit zwölf Jahren kam Sanne in ein autonomes Jugendzentrum und begegnete dort Punks und Metalheads. Ihre erste Kassette brachte Bowie, Venom, Slayer, Trio und Slime zusammen. Besonders Toxoplasma und Bad Religion begeisterten sie nachhaltig, später kamen Alien Sex Fiend, Velvet Underground, Straßenjungs und Die Toten Hosen hinzu. Musik wurde dort für sie zu einer Ausdrucksform, mit der sich Meinungen und Lebensgefühl vermitteln ließen.

Deutschpunk begleitet sie bis heute, darunter Dritte Wahl, WIZO und Ton Steine Scherben, deren Musik sie als Punk-Poesie empfindet. „Abend in der Stadt“ von Aufbruch lief unzählige Male; auch COR und Friedemann, The Pogues, Lion’s Law und Pascow nennt sie als Bezugspunkte. Im Moshpit begeistert sie sich ebenso für Stomper 98, Slime mit Tex, Sondaschule und Butterwegge. Dazu kommen Einflüsse von Fehlfarben, Ideal, Pink Turns Blue, Leonard Cohen und Jewish Monkeys.

Folk Punk, Ska Punk, Hardcore, Punk Rap und klassischer Punkrock gehören für Sanne selbstverständlich nebeneinander. Eine neue Musikrichtung zu erfinden ist nicht ihr Anspruch, wohl aber, ihre eigenen Gedanken und Erlebnisse darin unterzubringen. Auch ihre Heimatstadt beschäftigt sie: Wegen Dee Dee Ramones Verbindung zu Pirmasens wünscht sie sich dort ein Ramones- oder Punk-Museum. Vorbehalten wegen seiner negativen Äußerungen über die Stadt begegnet sie mit dem Wunsch, diese Geschichte aufzuarbeiten.

🟨 WIE AUS GEDICHTEN MUSIK WURDE

Sanne schrieb schon als Kind Gedichte, auch wenn diese nach ihrem Empfinden selten in neurotypische Muster passten. Es gab Gitarrenunterricht, etwas Blockflöte in der Schule und eine kurze Chorerfahrung. Gitarre war allerdings nicht ihr bevorzugtes Instrument, und die Versuche am elektronischen Keyboard führten ebenfalls nicht unmittelbar zur eigenen Musik. Darüber scherzt sie heute, ihr Vater habe den Hausarrest aufgehoben, damit sie möglichst schnell von dem Instrument wegkomme.

Musik im Kopf zu haben und sie tatsächlich umsetzen zu können, lagen für sie lange weit auseinander. Mit KI eröffnete sich schließlich die Möglichkeit, ihre Texte selbst musikalisch zu gestalten. Der Wunsch nach eigenen Songs wuchs dabei mit der Erkenntnis, dass sie dazu nun in der Lage war. Ihre ersten Ergebnisse überzeugten sie allerdings überhaupt nicht: Sie empfand sie als generisch und zu sehr darauf ausgerichtet, möglichst gefällig zu sein.

Deshalb arbeitete sie sich weitgehend selbstständig in die Werkzeuge ein und dokumentierte ihre Erfahrungen. Ihre erste offizielle Veröffentlichung wurde das Album „Parrot Party Times“, das ihr Lebensgefährte inzwischen „das frühe Album“ nennt. Manche Entscheidungen würde sie heute anders treffen, als Fehler betrachtet sie es trotzdem nicht. Es gehört für sie zu einer Entwicklung, in der sie auch den Upload auf Streamingplattformen und den öffentlichen Umgang mit ihrer Musik erlernte.

🟨 PRÄZISE VORGABEN STATT BELIEBIGER ERGEBNISSE

Sannes Produktionsweise hängt mit ihrer Arbeit an JETTY zusammen, einem geplanten Assistenzsystem für autistische Menschen. Dafür beschäftigte sie sich damit, wie KI über längere Interaktionen hinweg an Vorgaben festhalten kann. Emotional anspruchsvolle Songs wurden zugleich zu einem Prüfbereich für ihre Architektur. Sie wollte erkennen, wann ein Modell Regeln beibehält und wann es beginnt, von der ursprünglichen Richtung abzuweichen.

Vor dem eigentlichen Musiktool setzt sie eine selbst gepromptete Architektur auf Basis von Gemini ein. Deren Details möchte sie nicht offenlegen, ihre Erkenntnisse hat sie jedoch in einem ausführlichen Handbuch gesammelt. Darin hält sie den von ihr angestrebten „Goldstandard“ fest. Schwierigkeiten entstehen nach ihrer Erfahrung unter anderem dann, wenn frühere Informationen in langen Chatverläufen nicht mehr berücksichtigt werden.

Text, Stimme, Attitüde, Tempo, Stil und Instrumentierung gibt Sanne selbst vor. Ebenso beschäftigt sie sich mit dem Klang einzelner Instrumente, der Strophenaufteilung, Solopassagen und dem Ende eines Stücks. Bei „Corn in a bowl“ setzte sie ausdrückliche Pauseninformationen ein, damit gewünschte Stille nicht mit zusätzlichen Tönen gefüllt wurde. Instrumente trennt sie in ihren Anweisungen, um einen undifferenzierten Gesamtklang zu vermeiden.

Besonders aufwendig war „Another synaptic default“, in dem Takt und Melodie wechseln, während der Song seinen Zusammenhang behalten soll. Bereits passende Abschnitte spielte sie wieder ein und bearbeitete anschließend die weiteren Teile. Ob ein Remix, eine vollständige Neueingabe oder die Weiterarbeit mit dem bisherigen Song sinnvoll ist, entscheidet sie nach der Aufgabe. Das Stück kostete sie einige schlaflose Nächte und steht für sie besonders deutlich für ihre inzwischen erreichten Möglichkeiten.

Andere Songs sitzen nach zwei oder vier Runden. Meist beginnt die Arbeit mit einer spontanen Beobachtung, einer Erinnerung oder einem Gefühl, bevor sie sehr strukturiert wird. Ihr Gespür für Muster und ihr Hyperfokus helfen ihr dabei, verlangen ihr aber auch viel Kraft ab. Fertig ist ein Song, wenn sie ihn langfristig selbst hören möchte; überzeugt er sie nicht, legt sie ihn auf Eis.

🟨 DIE GESCHICHTE BESTIMMT DEN KLANG

Anfangs dachte Sanne, ein wiedererkennbares Projekt brauche immer gleich klingende Stimmen. Inzwischen erkennt sie die Identität der Allys stärker in ihrer Ausdrucksweise und den Erfahrungen, die dahinterstehen. Die Vocals sollen im Vordergrund bleiben, damit die Texte ihren Platz bekommen. Geige beziehungsweise Violine und Panflöte tauchen ebenfalls gern auf, ohne dass sie daraus eine feste Zutatenliste machen möchte.

Ihre Musik darf kraftvoll, verletzlich, romantisch oder unbequem sein. Wie sie klingt, ergibt sich aus dem jeweiligen Inhalt. „Tel Aviv Flower“ erzählt mit Sprechgesang eine Geschichte ihrer Familie in Israel. „Bergbau des Lebens“ entstand dagegen nach einem Bericht über Bergmannschöre im Saarland und die Folgen der Schließungen für eine ganze Region; das Steigerlied spielt dabei im Refrain eine Rolle.

In „Life is best when it is quiet“ verbindet Sanne einfache Musik mit gegensätzlichen Schilderungen. Damit möchte sie ihre Beklemmung angesichts von Krieg, Aufrüstung und Wehrpflichtdebatten ausdrücken. „Quivering venes“ behandelt Drogenexzesse mit einer skurrilen Leichtigkeit, deren Verharmlosung gerade das Unbehagen hervorrufen soll. Solche Gegensätze interessieren sie ebenso wie das Wiederaufstehen nach Niederlagen oder die Verbindung von Mythologie und Punkrock.

🟨 DIE DIAGNOSE UND EIN NEUER BLICK AUF DAS EIGENE LEBEN

Die Autismusdiagnose hat Sannes Selbstverständnis tief verändert. Sie erklärte ihr sowohl die intensive Hingabe an bestimmte Interessen als auch das Gefühl, sich manchmal ausgerechnet unter vielen Menschen besonders einsam zu fühlen. Ihr bisheriger Lebensweg wurde dadurch für sie verständlicher. Ihrem jüngeren Ich würde sie deshalb heute raten, sich auf Autismus testen zu lassen.

Persönlich zu schreiben kostete sie zunächst Überwindung. Inzwischen spricht sie öffentlich über autistisches Erleben, schmerzhafte Erfahrungen und ihre Herkunft, auch wenn sich Menschen in ihrem Umfeld gelegentlich um sie sorgen. Ihre Hoffnung ist, anderen Autisten damit Mut zu machen, sich nicht ständig verstellen zu müssen. Musik erlaubt ihr, mehrere Gefühle gleichzeitig auszudrücken, ohne jedes davon einzeln erklären zu müssen.

„Monkey at the end“ hört sie heute anders als zu seiner Entstehung. Sie verbindet das Stück mit einem frühen, tieferen Eingeständnis nach ihrer Diagnose und der Erkenntnis, dass manche darin beschriebenen Schwierigkeiten ihre eigenen sind. „Goldenes Kleid“ gehört für sie zu den Liedern, in denen Trauer und schmerzhafte Erfahrungen ihren Platz finden. In „Rosenhecken“ und „Golden Swan“ steckt auch die Angst um ihre Kinder.

Bei „Rosenhecken“ betont Sanne, dass wahre Begebenheiten zugrunde liegen. Die Gewalt, der Menschen begegnen können, die nicht in gesellschaftliche Erwartungen passen, erschreckt sie als Mutter besonders. Gleichzeitig hat sie den Eindruck, dass diese Gefahr teilweise verdrängt wird. Das Lied berührt damit eine Sorge, die für sie weit über die Musik hinausreicht.

🟨 FAMILIE UND DAS RECHT AUF DEN EIGENEN WEG

Neben der Diagnose nennt Sanne die Schwangerschaft mit ihrem ersten Kind als entscheidenden Einschnitt. Verantwortung und Zukunft bekamen damals eine andere Bedeutung. Die Vorstellung, angesichts gesellschaftlicher oder ökologischer Probleme einfach aufzugeben, kann sie deshalb nicht nachvollziehen. Für die nachfolgenden Generationen soll eine lebenswerte Zukunft möglich bleiben.

Zusammenhalt kennt sie besonders aus ihrer mütterlichen Familie. Sie beschreibt eine einfache Arbeiterfamilie, die wegen ihrer kommunistischen Haltung während der NS-Zeit in ihrem Heimatort den Beinamen „Spartacus“ erhalten habe. Das Haus ihrer Großeltern erinnert sie als einen Ort voller Wärme, an dem viel gelacht wurde und jeder willkommen war, der sich anständig verhielt. Egoismus und Überheblichkeit stehen dem entgegen, was sie dort erlebt hat.

Wie viel es ihr bedeutet, Dinge auf ihre eigene Weise zu schaffen, erklärt sie mit einer gestrichenen Wand. Früher überließ sie handwerkliche Aufgaben häufig ihrem damaligen Partner, weil ihr eigener Weg umständlich wirkte und sie wenig Geduld mit sich hatte. Später musste sie Lösungen finden, auch wenn dafür eine kleinere Farbrolle, mehr Reinigung und Farbe in den Haaren nötig waren. Entscheidend war am Ende das gelungene Ergebnis.

Eigener Handlungsspielraum wurde ihr auch durch eine lange von Sucht geprägte Beziehung wichtig, auf die sich „Corn in a bowl“ bezieht. Sie möchte selbst entscheiden können, was sie aushält und welche Konsequenzen sie daraus zieht. Vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden, widerspricht diesem Bedürfnis. Wenn sich bei ihren Kindern eine Krise anbahnt, lässt sie allerdings nach eigener Beschreibung alles stehen und liegen und wird zur „Mega-Glucke“.

🟨 ZUGVERSPÄTUNGEN, EIER UND EIN VERÖFFENTLICHTES MISSVERSTÄNDNIS

Wenn es Sanne schlecht geht, hilft ihr häufig ein lebensbejahender, ziemlich direkter Sarkasmus. „German Bahn“ entstand aus einer eigenen Zugfahrt und einer verzweifelten Nachricht an ihren Freund, für den Song entsprechend zugespitzt. Sie findet, das Stück habe mehr Aufmerksamkeit verdient. Am liebsten würde sie es bei Verspätungen an jedem Bahnsteig aus den Mobiltelefonen der Fahrgäste hören.

„Hard Eggs“ hat ebenfalls einen ernsten Ausgangspunkt. In einer finanziell schwierigen Phase konnte sie sich keine Eier leisten. Daraus wurde später ein gemeinsamer Running Gag, bei dem teure Konsumartikel in Eier umgerechnet werden. Dieser Humor gehört für sie zum Umgang mit Situationen, die im Moment ihres Erlebens alles andere als lustig sind.

Die Veröffentlichung von „Dadadada Pulse“ verdankt sich einem Missverständnis. Sanne fragte ihren Freund, welchen Song er gut genug für eine Veröffentlichung finde, doch beide redeten vollständig aneinander vorbei. Nur deshalb erschien das Stück, und beide lachen noch heute darüber. Bei „Offene Wunden“ wiederum überrascht sie bis heute, wie stark die Hörer darauf reagieren.

Besonders viel bedeutet ihr die in ihren Antworten als „Tiny Brew Hymne gegen AdD“ bezeichnete Veröffentlichung. Um Unterstützung zu bitten fällt ihr schwer, deshalb berührte sie die schnelle Zustimmung von Bernd von Tiny Brew zur Veröffentlichung und zur Nutzung seines Namens. Darin sieht sie Zusammenhalt gegen Rechts über Altersgrenzen, Subkulturen und unterschiedliche Lebensweisen hinweg. „Strunzdumm“ richtet sich dagegen gegen Menschen, die ihr wegen des KI-Einsatzes den Kunstbegriff absprechen, und macht zugleich Aspekte ihres musikalischen Promptings hörbar.

🟨 KI NUTZEN HEISST FÜR SIE AUCH, FRAGEN ZU STELLEN

Der Zusatz „AI-based“ gehört bewusst zum Projektnamen. Sanne legt ihr Werkzeug offen und steht für die Auswahl, die Aussagen und die Folgen ihrer Arbeit ein. Den selbst erlernten Umgang mit KI betrachtet sie als Fähigkeit, die sie nicht verstecken möchte. Eine pauschale Abwertung dieser Musik bei gleichzeitiger selbstverständlicher KI-Nutzung im Alltag empfindet sie als Doppelstandard.

Kritik an beliebiger Massenproduktion, mangelnder Transparenz und Ressourcenverschwendung kann sie dagegen nachvollziehen. Wasser- und Energieverbrauch, Wärmeentwicklung und die Standorte der Infrastruktur beschäftigen sie ebenso wie soziale Folgen. Die Abhängigkeit von amerikanischen Anbietern sieht sie kritisch und wünscht sich europäische Rechenzentren. Wer wirtschaftlich von KI profitiere, müsse aus ihrer Sicht auch Verantwortung für Nachteile übernehmen, die nicht mit einem monatlichen Nutzungsbeitrag abgegolten seien.

Für ihre eigene Arbeit folgt daraus, durch präzise Vorgaben möglichst wenige Generierungsrunden zu benötigen. Auch musikalisch greift sie das Thema auf: Für „Veritas about the Green“ ließ sie ihre Veritas genannte KI-Architektur mit Wochennachrichten arbeiten. Der Text entstand nach ihrer Aussage nahezu vollständig durch die KI und beschäftigt sich mit Greenwashing und dem Umgang mit der Erde. Dabei stellt sie die Frage, ob Menschen auch dann zuhören, wenn ihnen ein Ergebnis nicht gefällt.

Sanne fordert KI-Bildung in Schulen und einen Zugang zu Wissen, der nicht vom Geldbeutel abhängt. Teure Qualifizierungen betrachtet sie als problematisch, wenn dadurch vor allem bereits privilegierte Menschen weitere Vorteile erhalten. Regeln zu Vergütung, Transparenz und Verantwortung sollen nach ihrer Vorstellung nicht allein von Plattformen festgelegt werden. Sie möchte die Entwicklung mitgestalten, statt sie ausschließlich Unternehmen und anderen Machtzentren zu überlassen.

Sicherheitsrisiken, militärische Nutzung und die Abhängigkeit sensibler Einrichtungen von digitalen Systemen bereiten ihr ebenfalls Sorgen. Sie fragt sich, wer fortgeschrittene Fähigkeiten kontrolliert und ob mögliche Begrenzungen tatsächlich für alle gelten würden. Für militärische KI wünscht sie sich ein Verbot, auch wenn sie dessen Umsetzung selbst für wenig wahrscheinlich hält. Als weiterführende Lektüre nennt sie Rainer Mühlhoffs „Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus“.

Bei den Rechten anderer Musikschaffender fordert sie Beteiligung, wenn KI erkennbar auf deren Werken aufbaut. Eigene Bezüge benennt sie offen: eine fremde Melodie bei „Quivering venes“, übernommene Textpassagen bei „Bei mir biste scheyn“ und den textlichen Bezug zu Leonard Cohen bei „Suzanne in the Moshpit“. Für Cover zahlt sie nach eigener Aussage Gebühren über DistroKid. Korrekte Angaben und faire Lizenzierung sind für sie Teil dieser Verantwortung.

🟨 EINE POLITISCHE HALTUNG, DIE NICHT VERHANDELBAR IST

Antifaschismus und Menschenwürde sind für Sanne feste Überzeugungen. Sie möchte diese auch dann nicht zurückstellen, wenn gefälligere Musik womöglich mehr Reichweite und Einnahmen bringen könnte. Provokation ist für sie kein Freibrief für Menschenfeindlichkeit. Als übergeordneten Begriff für das, wofür sie mit ihrem Projekt steht, nennt sie Humanismus.

Am liebsten würde sie mit ihren Texten auch Menschen erreichen, die ihre Ansichten bislang nicht teilen, ausdrücklich auch AfD-Wähler. Sie weiß allerdings, wie leicht politische Musik vor allem innerhalb der eigenen Gruppe gehört wird. Künstler, die öffentlich für Vielfalt und eine gerechte Gesellschaft eintreten, schätzt sie sehr. Inzwischen engagiert sie sich bei Omas gegen Rechts und spricht mit großem Respekt über die älteren Mitstreiter.

Verletzend findet sie Hassbotschaften gegen KI-Musiker, besonders wenn diese aus einer Szene kommen, von der sie Toleranz erwartet. Auch die Erfahrung, dass Unterstützung unter Freunden und teilweise in der Familie nicht selbstverständlich ist, musste sie erst verarbeiten. Daraus lernte sie, sich deutlicher zu behaupten. Wer ihr erklären möchte, was Punk sein darf, wird bei ihr deshalb auf wenig Zustimmung treffen.

🟨 WAS DIE REAKTIONEN ANDERER BEWIRKEN

Ihr erster Unterstützer war ihr Freund. Später kamen ermutigende Rückmeldungen aus dem Punkumfeld hinzu, etwa von Jente von Tante Inge auf Facebook. Gerade wegen des dort teilweise engen Verständnisses von DIY bedeuten ihr solche öffentlichen Zeichen viel. Besonders berühren sie Musiker aus der Szene, die sich hinter ihr Projekt stellen.

Eine besondere Anerkennung war die Aufnahme eines Songs in die Musiktipps der Autismus Selbsthilfe Südwest. Damit erreichte ihre Musik eine Gemeinschaft, mit der sie eigene Erfahrungen verbindet. „Neurodivergenter Fluch“ soll auch vermitteln, mit einem belastenden Alltag nicht allein zu sein. Reizüberflutung, Schwierigkeiten beim Essen oder ein Hyperfokus, der den Tag bestimmt, sind für sie unmittelbar vertraute Themen.

Erfolg misst Sanne vor allem daran, was ihre Musik bei Menschen auslöst. Streamingzahlen können Aufmerksamkeit und Ausschüttungen ermöglichen, bestimmen für sie aber nicht den eigenen Wert. Sie freut sich über Reaktionen, Widerspruch und Menschen, die ihre Songs teilen. Eine bestimmte Deutung möchte sie niemandem vorschreiben.

Dass gute Inhalte nicht automatisch gehört werden, erlebt sie deutlich. Fehlende Reichweite nennt sie auch als Grund, sich an WILD gewandt zu haben. Ihre Rolle umfasst dabei Schreiben, technische Arbeit, inhaltliche Entscheidungen und Öffentlichkeitsarbeit. Auf eine einzelne Bezeichnung wie Musikerin, Produzentin oder Creator möchte sie sich nicht reduzieren lassen.

🟨 JETTY BRAUCHT MENSCHEN, DIE DAS KONZEPT UMSETZEN

JETTY soll autistische Menschen dabei unterstützen, mit Reizüberflutung umzugehen und längerfristig geeignete Strategien zur Reizreduktion zu entwickeln. Sanne bezeichnet das Vorhaben als ihr Herzensprojekt und Lebenswerk. Wer verstehen möchte, warum ihr das so wichtig ist, findet nach ihrer Aussage auch in „Grüne Fee im Hyperfokus“ und „Bell ring please“ einen Zugang. Ihre Diagnose, die kreative Arbeit und das Assistenzkonzept liefen in dieser Lebensphase zusammen.

Mit ihren Veröffentlichungen sind bereits kleine Einnahmen entstanden. Die Erträge aus „Wenn ein Mensch mit Engeln fliegt“ möchte sie vollständig der Krebsforschung in Heidelberg zukommen lassen. Alle weiteren Erträge sollen in JETTY fließen. Die Musik kann damit nach ihrer Vorstellung auch zur Umsetzung eines konkreten Vorhabens beitragen.

Derzeit fehlen ihr ausreichende Finanzierung und die Softwarekompetenz, um ihr Konzept selbst zu programmieren. Sie sucht Menschen mit Erfahrung in KI und Datenbanken, die sich das Projekt zutrauen und anfangs über eine andere Einnahmequelle abgesichert sind. Vorgesehen ist eine Beteiligung für die Mitwirkenden. Auch die späteren Nutzer sollen profitieren: Mit steigender Nutzerzahl soll das Assistenzsystem nach ihrem Modell günstiger werden.

Dass sie Anerkennung für Architektur und Konzept erhält, aber noch niemand die Programmierung übernommen hat, belastet sie. Trotzdem arbeitet sie weiter und nutzt dafür unter anderem LinkedIn, Facebook und Instagram. Zwischen Beruf, Beziehung, Familie sowie Hund, Katzen und Schildkröten bleibt wenig freie Zeit. Auf das bisher entwickelte Konzept und die erarbeiteten Fähigkeiten ist sie unabhängig von öffentlicher Aufmerksamkeit stolz.

🟨 DIE SONGS SOLLEN AUF DIE BÜHNE

Zum Zeitpunkt ihrer Antworten entwickelt und veröffentlicht Sanne keine neue Musik. Ihre Aufmerksamkeit gilt JETTY und den vorhandenen Songs, die sie bekannter machen möchte. Sie sieht keinen Sinn darin, sich einem ständigen Veröffentlichungsdruck zu unterwerfen. Wenn es für die Allys wieder etwas Dringendes zu sagen gibt, kann sie sich neue Musik jederzeit vorstellen.

Ihr nächster musikalischer Wunsch richtet sich an andere Musiker. Punkbands und ausdrücklich auch kleine antifaschistische Bands dürfen sich melden, wenn sie ihre Stücke spielen möchten. Sanne bewundert die Arbeit, die Musiker in ihre Fähigkeiten investieren, und würde ihre Songs gern durch sie auf einer Bühne erleben. Bei einem solchen Konzert selbst mitzutanzen wäre für sie eine große Freude.

In drei Jahren würde sie am liebsten hören, wie „Schweine, die den Mond berühren“ auf antifaschistischen Demonstrationen mitgebrüllt wird. Privat möchte sie ihre Familie in Israel wieder besuchen, besonders ihre beiden Cousins und den gemeinsamen Austausch vermisst sie. Sie wünscht sich Frieden dort und an anderen Orten. Aufrüstung und Gedanken an Grenzschließungen stehen diesem Wunsch entgegen.

Was von ihren Liedern bleiben soll, formuliert Sanne ohne große Erfolgsansprüche: dass sie ehrlich waren, Haltung hatten und jemandem etwas gegeben haben, selbst wenn es nur drei gute Minuten waren. Sich selbst beschreibt sie mit den Worten „Standhaft. Neurodivergent. Gerecht.“ Den WILD-Lesern gibt sie zum Abschluss mit: „Punkrock gibt dir die Chance, im größten Chaos da draußen dein Anker zu sein und deine Haltung zu zeigen, deshalb Punk on.“