Der Sommer, der fünfzehn Jahre brauchte
Wie Katy Perrys „The One That Got Away“ 2026 zur globalen TikTok-Hymne wurde und warum Musik im Zeitalter des Algorithmus ihr Verfallsdatum verliert.
Text: WILD Redaktion ·

Ein Song von 2011 wird fünfzehn Jahre später zum weltweiten TikTok-Song des Sommers. Mehr als 42 Millionen Videos, über 55 Milliarden Aufrufe und eine neue Generation, die Katy Perrys „The One That Got Away“ teilweise zum ersten Mal entdeckt. Dahinter steckt mehr als Nostalgie, denn der Sommer 2026 zeigt, wie radikal Plattformen unsere Vorstellung davon verändern, wann Musik eigentlich neu, alt oder überhaupt vorbei ist.
Manchmal braucht ein Sommer keinen neuen Song. Manchmal reicht einer, der bereits fünfzehn Jahre auf der Welt ist und plötzlich wieder so gegenwärtig wirkt, als wäre er gerade erst veröffentlicht worden. Im Sommer 2026 geschah genau das mit Katy Perrys „The One That Got Away“, einem Titel aus einer Popära, in der TikTok noch nicht existierte und Erfolg nach völlig anderen Regeln funktionierte.
TikTok erklärte den Song am 1. September offiziell zum Global Song of the Summer 2026 und gleichzeitig zur Nummer eins seiner US-Sommerliste. Mehr als 42 Millionen Videos verwendeten den Titel, diese Videos erzeugten zusammen mehr als 55 Milliarden Aufrufe. Der Song kehrte weltweit in die Charts zurück, verbrachte laut TikTok 21 Wochen in den Billboard Global 200 und hat inzwischen mehr als 1,8 Milliarden Streams auf Spotify erreicht.
Das Bemerkenswerte daran ist nicht einfach, dass ein alter Hit noch einmal erfolgreich wurde. Solche Wiederentdeckungen hat Popmusik immer gekannt. Bemerkenswert ist vielmehr, wie selbstverständlich ein Song aus dem Jahr 2011 im Jahr 2026 neben aktuellen Veröffentlichungen auftauchen, von Millionen Menschen neu verwendet werden und schließlich einen ganzen Sommer prägen kann.
🟨 EIN SOMMER AUS DEM JAHR 2011
„The One That Got Away“ stammt aus Katy Perrys Album „Teenage Dream“ und wurde 2011 als Single veröffentlicht. Der Song gehörte zu einer Zeit, in der der klassische Lebenslauf eines Hits noch relativ übersichtlich wirkte: Veröffentlichung, Promotion, Radio, Charts, Musikvideo, Tour und irgendwann der Übergang in den Katalog.
Fünfzehn Jahre später funktioniert diese Zeitlinie nicht mehr so eindeutig. Für einen Teil des heutigen TikTok-Publikums ist „The One That Got Away“ keine nostalgische Erinnerung, sondern eine Entdeckung. Wer den Song 2011 nicht wahrgenommen hat, kann ihm 2026 genauso unmittelbar begegnen wie einem Titel, der erst in dieser Woche erschienen ist.
Genau darin steckt eine der großen Veränderungen digitaler Musikkultur. Ein Song altert weiterhin auf dem Kalender, aber er muss im Alltag seines Publikums nicht alt wirken. Sobald er wieder Teil von Videos, Trends, persönlichen Geschichten oder neuen kulturellen Momenten wird, entsteht ein neuer Zusammenhang.
Der Song selbst verändert sich nicht. Die Welt um ihn herum tut es.
🟨 DER ALGORITHMUS KENNT KEIN VERÖFFENTLICHUNGSDATUM
Früher war Aktualität ein wesentlicher Teil der musikalischen Verteilung. Radiosender arbeiteten mit Neuerscheinungen und Rotationen, Plattenläden hatten Neuheitenregale, Magazine berichteten über aktuelle Veröffentlichungen und Labels planten Kampagnen rund um klar definierte Releasefenster.
TikTok funktioniert anders. Das Empfehlungssystem berücksichtigt unter anderem Nutzerinteraktionen, verwendete Sounds, Informationen über Inhalte und das Verhalten der Menschen auf der Plattform. Für einen Song bedeutet das: Sein Veröffentlichungsjahr allein entscheidet nicht darüber, ob er erneut sichtbar werden kann.
Das heißt nicht, dass TikTok alte Musik grundsätzlich bevorzugt. Die Plattform kann genauso neue Künstler, aktuelle Songs und bislang unbekannte Titel innerhalb kurzer Zeit groß machen. Der entscheidende Unterschied liegt woanders: Alte und neue Musik können plötzlich um dieselbe Aufmerksamkeit konkurrieren.
Ein Song aus dem Jahr 1991 kann auf demselben Bildschirm erscheinen wie einer aus dem Jahr 2026. Für den Feed existiert kein historischer Abstand zwischen beiden. Entscheidend ist, ob Menschen reagieren, weiterschauen, einen Sound verwenden, ihn teilen oder damit etwas Eigenes erschaffen.
Genau deshalb ist Katy Perrys Erfolg größer als ein gewöhnliches Comeback. „The One That Got Away“ musste nicht als neue Single erscheinen, um wieder Teil der Gegenwart zu werden. Die Gegenwart hat den Song zurückgeholt.
🟨 DIE VERGANGENHEIT BESETZT DIE US-TOP-4
Wie außergewöhnlich der Sommer 2026 tatsächlich war, zeigt sich erst beim Blick auf die weiteren Plätze der amerikanischen TikTok-Liste. Music Business Worldwide hat sie anhand der von Luminate verwendeten Katalogdefinition betrachtet. Als Katalogmusik gelten dort Titel, die zum Zeitpunkt ihrer Nutzung älter als 18 Monate sind.
Nach dieser Definition bestanden die kompletten ersten vier Plätze von TikToks US Songs of the Summer aus Katalogtiteln.
Auf Platz zwei landete Mac Millers „Cinderella“ mit Ty Dolla $ign. Der Titel erschien 2016 auf dem Album „The Divine Feminine“. Platz drei ging an Lenny Kravitz mit „It Ain’t Over ’Til It’s Over“, veröffentlicht 1991. Malcolm Todds „Earrings“ aus dem April 2024 erreichte Platz vier.
Damit stammten die vier erfolgreichsten Titel nicht aus einem gemeinsamen Veröffentlichungsjahr, nicht aus derselben musikalischen Epoche und nicht einmal aus demselben Jahrzehnt. Zwischen Lenny Kravitz und Katy Perry liegen zwanzig Jahre, zwischen Perry und Malcolm Todd weitere dreizehn.
Was früher wie eine Zusammenstellung aus mehreren Jahrzehnten ausgesehen hätte, war 2026 schlicht die aktuelle Sommerliste einer der einflussreichsten Musikplattformen der Welt.
🟨 GROSSBRITANNIEN REIST NOCH WEITER ZURÜCK
Auch in Großbritannien zeigte sich ein ähnliches Phänomen. Dort wurde „Do You Mind“ von Kyla und DJ Paleface zum TikTok Song of the Summer. Der UK-Garage-Titel stammt ursprünglich aus dem Jahr 2008 und erzeugte im Sommer mehr als 543 Millionen Videoaufrufe aus rund 644.000 Kreationen.
Auf Platz zwei folgte Oasis mit „Wonderwall“. Der Song erschien 1995 auf „(What’s the Story) Morning Glory?“ und bekam während der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 erneut enorme Aufmerksamkeit. TikTok berichtete von einem massiven Anstieg der Suchanfragen nach dem Titel während des Turniers.
Auch „Champagne Supernova“ aus demselben Oasis-Album tauchte in der britischen Top 10 auf. Insgesamt waren fünf der zehn erfolgreichsten britischen TikTok-Sommertitel bereits vor 2010 veröffentlicht worden.
Damit wird aus einem kuriosen Katy-Perry-Comeback ein Muster. Die Vergangenheit taucht nicht gelegentlich zwischen neuen Veröffentlichungen auf. Sie kann ganze Ranglisten mitbestimmen.
🟨 DAS IST KEIN EINZELFALL MEHR
Schon 2025 hatte TikTok gezeigt, wie weit diese Zeitreise reichen kann. Der Global Song of the Year war damals „Pretty Little Baby“ von Connie Francis, ursprünglich veröffentlicht im Jahr 1962. Zwischen der Aufnahme und ihrer weltweiten Wiederentdeckung lagen mehr als sechs Jahrzehnte.
Ein Song aus den frühen Sechzigern wurde damit nicht nur nostalgisch erinnert. Er wurde Teil einer Plattformkultur, deren größter Nutzeranteil Jahrzehnte später geboren wurde.
2026 setzt sich dieses Prinzip fort. Katy Perry, Mac Miller, Lenny Kravitz, Kyla, DJ Paleface und Oasis stammen aus völlig unterschiedlichen musikalischen Welten. Was ihre Songs verbindet, ist nicht ihr Alter, sondern ihre Fähigkeit, in einem neuen Zusammenhang wieder zu funktionieren.
Popgeschichte wird dadurch weniger chronologisch. Sie liegt gleichzeitig verfügbar auf Streamingplattformen, in Videodatenbanken und digitalen Archiven. Vergangenheit wartet dort nicht mehr darauf, dass jemand eine Jubiläumsedition veröffentlicht.
Manchmal reicht ein neuer Zusammenhang, und ein alter Song steht wieder mitten in der Gegenwart.
🟨 WENN NOSTALGIE GAR KEINE NOSTALGIE IST
Der Begriff Nostalgie erklärt nur einen Teil dieser Entwicklung. Für Menschen, die „The One That Got Away“ bereits 2011 gehört haben, kann die Rückkehr des Songs Erinnerungen an eine bestimmte Lebensphase auslösen. Der Titel bringt einen Moment zurück, der bereits einmal existiert hat.
Für einen jüngeren TikTok-Nutzer kann genau derselbe Song etwas vollkommen anderes sein. Wer ihn 2026 erstmals entdeckt, erinnert sich nicht an seine damalige Veröffentlichung, an Charts oder Musikfernsehen. Es gibt keine persönliche Vergangenheit, die zurückkehrt.
Für diesen Menschen ist der Song neu.
Das macht die Diskussion über Katalogmusik so interessant. Für ein Label ist „The One That Got Away“ ein fünfzehn Jahre alter Titel. Für eine Streamingplattform ist er ein längst veröffentlichter Track mit einer langen Nutzungsgeschichte. Für jemanden, der ihn gerade zum ersten Mal hört, ist er vielleicht seit dreißig Sekunden Teil seines Lebens.
Alle drei Perspektiven können gleichzeitig stimmen.
🟨 DER KATALOG IST KEIN ARCHIV MEHR
Für die Musikindustrie ist diese Entwicklung wirtschaftlich enorm relevant. Katalogmusik ist längst nicht mehr nur der Bestand, der nach dem Ende einer Veröffentlichungskampagne kontinuierlich Streams sammelt. Sie ist zu einem der wichtigsten Bereiche des Streaminggeschäfts geworden.
Music Business Worldwide errechnete auf Basis von Luminate-Daten bereits für das erste Halbjahr 2025, dass Katalogtitel 75,8 Prozent aller Audio-Streams in den USA ausmachten. Fast drei Viertel des Konsums entfielen damit auf Musik, die nach der verwendeten Definition nicht mehr als aktuell galt.
Auch Katy Perrys eigener Katalog zeigt, welche Summen inzwischen mit solchen Rechten verbunden sind. Litmus Music erwarb 2023 Perrys Beteiligungen an Master-Lizenzeinnahmen sowie ihre Publishing-Rechte an fünf Alben, darunter „Teenage Dream“. Branchenquellen bezifferten den damaligen Deal auf rund 225 Millionen US-Dollar.
Ein Song wie „The One That Got Away“ ist deshalb nicht einfach eine alte Aufnahme, die irgendwo im Archiv liegt. Er ist ein dauerhaft verfügbares wirtschaftliches Gut, dessen zukünftige Bedeutung kaum vorhersehbar ist.
Ein Titel kann jahrelang vergleichsweise ruhig laufen und danach durch eine Serie, ein Meme, einen Creator, einen Film, einen Konzertmoment oder einen TikTok-Trend innerhalb weniger Wochen wieder globale Aufmerksamkeit bekommen.
Der Katalog ist damit längst kein Friedhof vergangener Hits mehr. Er ist ein ständig verfügbares Reservoir möglicher neuer Ereignisse.
🟨 AUS DEM ALTEN SONG ENTSTEHT NEUES MATERIAL
Katy Perry reagierte auf die neue Aufmerksamkeit nicht nur mit Kommentaren. Das Revival führte auch zu einem Director’s Cut von „The One That Got Away“, versehen mit neuer Narration von Stevie Nicks. Damit bekam nicht nur der Song eine neue Bühne, sondern auch das visuelle Material seiner ursprünglichen Ära einen weiteren Kontext.
Perry selbst bezeichnete die Entwicklung als surreal. Sie verwies darauf, dass man bei Musik nie genau wisse, wo ein Song irgendwann landen oder wann jemand ihn entdecken werde. Außerdem spielte „The One That Got Away“ bereits im Umfeld ihres „Lifetimes Tour“-Konzertfilms wieder eine Rolle, bevor die TikTok-Dynamik den Titel noch einmal in eine andere Größenordnung brachte.
Das unterscheidet dieses Comeback von einer klassischen Wiederveröffentlichung. Nicht zuerst die Industrie entschied, dass der Song erneut groß werden sollte, und suchte danach ein Publikum. Zuerst entstand neue Aufmerksamkeit, anschließend reagierten Künstler, Plattform und Rechteinhaber auf diese Entwicklung.
Der Katalog wird dadurch nicht nur wieder abgespielt. Er produziert neue Ereignisse.
🟨 DIE SCHWIERIGE FRAGE FÜR NEUE MUSIK
Was für ältere Songs faszinierend klingt, stellt neue Musik vor eine unbequeme Frage. Wenn praktisch die gesamte digital verfügbare Popgeschichte jederzeit wieder Teil der Gegenwart werden kann, mit wem konkurriert dann ein neuer Song eigentlich?
Nicht nur mit den Veröffentlichungen dieser Woche.
Ein unbekannter Künstler kann heute einen Titel veröffentlichen und gleichzeitig um Aufmerksamkeit gegen Katy Perry von 2011, Oasis von 1995, Lenny Kravitz von 1991 oder Connie Francis von 1962 kämpfen.
Natürlich bedeutet das nicht, dass neue Musik keine Chance mehr hat. Gerade TikTok hat immer wieder gezeigt, dass bislang unbekannte Künstler innerhalb kurzer Zeit ein riesiges Publikum erreichen können. Auch die Sommerauswertung 2026 enthält aktuelle Musik und neue Namen.
Aber der Wettbewerb hat sich verändert. Ein Song bekommt keinen besonderen Schutzraum, nur weil er gerade erschienen ist. Aktualität allein garantiert keine Aufmerksamkeit.
Ein neuer Titel muss etwas auslösen. Menschen müssen ihn entdecken, verwenden, teilen oder in ihre eigene Welt übernehmen. Dasselbe gilt allerdings auch für einen Song, der bereits dreißig Jahre alt ist.
Damit konkurriert neue Musik nicht länger hauptsächlich mit neuer Musik.
Sie konkurriert mit Musik.
🟨 DIE MUSIKINDUSTRIE VERLIERT IHRE UHR
Jahrzehntelang war die Musikindustrie an eine relativ klare Zeitrechnung gewöhnt. Eine Single erschien, bekam Aufmerksamkeit, erreichte möglicherweise die Charts und wanderte anschließend in den Katalog. Der Song blieb verfügbar, aber sein großer Moment galt irgendwann als beendet.
Streaming begann diese Grenze aufzulösen, weil praktisch die gesamte Musikgeschichte dauerhaft verfügbar wurde. Plattformen wie TikTok gehen noch einen Schritt weiter. Sie verbinden diese Verfügbarkeit mit einem Empfehlungssystem, das alten Songs jederzeit neue Situationen, neue Bilder und neue Zielgruppen geben kann.
Dadurch verliert Musik ihr klassisches Verfallsdatum.
Ein Song kann aus den Charts verschwinden und fünfzehn Jahre später zurückkehren. Ein Musikvideo kann erneut relevant werden. Ein Publikum, das beim ursprünglichen Release noch gar nicht erreichbar war, kann Jahre später zu einem entscheidenden Treiber eines Titels werden.
Das verändert auch die Bedeutung des Wortes Comeback. Katy Perry musste für den größten TikTok-Song des Sommers 2026 keinen neuen Song veröffentlichen. Einer ihrer alten Songs fand einen neuen Weg zurück in die Gegenwart.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Geschichte dieses Sommers.
Nicht „The One That Got Away“ kam fünfzehn Jahre zu spät.
Unsere Vorstellung davon, wann ein Song vorbei ist, stammt möglicherweise aus einer Musikwelt, die es so längst nicht mehr gibt.