WILD

WILD Special

DER ZUFALL HAT EINEN REDAKTIONSPLAN

Wenn WILD ein Thema setzt und bei KiBeat.com erstaunlich oft kurz darauf sehr ähnliche Fragen, Schwerpunkte und Geschichten auftauchen

Text: WILD Redaktion ·

DER ZUFALL HAT EINEN REDAKTIONSPLAN

Einmal kann alles passieren. Zweimal wird es interessant. Wenn sich Themen, Blickwinkel und größere Fragestellungen aber immer wieder wenige Tage nach WILD an anderer Stelle wiederfinden, entwickelt selbst der Zufall irgendwann einen ziemlich zuverlässigen Veröffentlichungskalender. Ein WILD SPECIAL über DistroKid, Suno, Künstleridentitäten, NOVA und die erstaunliche Geschwindigkeit redaktioneller Inspiration.

Es gibt wunderbare Zufälle. Man denkt an jemanden und plötzlich klingelt das Telefon, man sucht seit Wochen einen bestimmten Song und fünf Minuten später läuft er irgendwo im Radio. Oder eine Redaktion veröffentlicht einen ausführlichen Artikel, entwickelt daraus eine ziemlich spezielle Fragestellung und wenige Tage später entdeckt eine andere Redaktion erstaunlicherweise genau dasselbe Thema und häufig sogar dieselbe größere Geschichte dahinter. Kann passieren, bei WILD offenbar sogar ziemlich regelmäßig.

🟨 DER KALENDER WIRD LANGSAM INTERESSANT

Bevor jemand bereits die juristischen Textbausteine aus der Schublade holt, WILD behauptet ausdrücklich kein Plagiat. Wir behaupten keine wörtliche Übernahme, keine geheime Absprache und wir verfügen selbstverständlich auch über keine versteckte Kamera im Redaktionszimmer von KiBeat.com. Nachrichten gehören niemandem, öffentliche Quellen können von jeder Redaktion ausgewertet werden und gerade in einer kleinen, schnelllebigen KI-Musikszene werden zwangsläufig verschiedene Medien über dieselben Entwicklungen berichten.

Interessant wird es für uns erst dann, wenn nicht nur die Meldung ähnlich ist, sondern wiederholt auch die größere redaktionelle Frage dahinter. Deshalb haben wir irgendwann aufgehört, lediglich die einzelnen Artikel zu lesen, und angefangen, die Veröffentlichungsdaten nebeneinanderzulegen. Seitdem besitzt unser Kalender einen bemerkenswert trockenen Humor.

🟨 DISTROKID, CVC UND DIE ERSTE ZEITREISE

Am 4. August veröffentlichte WILD den Beitrag „DistroKid vor dem Eigentümerwechsel – Was der Einstieg von CVC für unabhängige Artists bedeuten könnte“. Dabei ging es nicht nur um eine Unternehmensübernahme, sondern vor allem um die Frage, was der Einstieg eines Finanzinvestors für das Geschäftsmodell, unabhängige Künstler und die Zukunft eines der wichtigsten offenen Musikvertriebe bedeuten könnte. Drei Tage später erschien bei KiBeat.com der Beitrag „DistroKid vor dem Closing – Was wissen Artists bisher und was nicht?“.

Natürlich kann man innerhalb weniger Tage völlig unabhängig auf denselben Distributor, dieselbe Übernahme und dieselben offenen Fragen stoßen. DistroKid ist schließlich kein Geheimclub, und eine solche Übernahme ist selbstverständlich ein relevantes Branchenthema. WILD legte den Vorgang deshalb zunächst lediglich unter „interessant“ ab. Dass dieser Ordner später noch ziemlich voll werden würde, wussten wir zu diesem Zeitpunkt nicht.

🟨 SUNO TAKES CONTROL, UND DER KALENDER GLEICH MIT

Am 6. August beschäftigte sich WILD intensiv mit der nächsten Entwicklungsstufe bei Suno. Kontrolle, Kennzeichnung, Watermarking, massenhafte Inhalte, Distribution, Rechteinformationen und die Frage, wie aus einem nahezu grenzenlosen KI-Werkzeug zunehmend ein reguliertes Produktionssystem werden könnte, standen dabei im Mittelpunkt. Einen Tag später erschien bei KiBeat.com „SUNO TAKES CONTROL“.

Auch hier gilt selbstverständlich, dass Suno ein hochaktuelles Thema war und jede Redaktion mit Schwerpunkt KI-Musik darüber berichten konnte. Auffällig war für uns weniger die bloße Beschäftigung mit Suno als vielmehr die Bündelung ähnlicher Fragen rund um Kontrolle, Transparenz und die zunehmende Regulierung des kreativen Prozesses. Wir legten deshalb vorsorglich einen zweiten Zettel in unseren inzwischen langsam interessanter werdenden Kalender.

🟨 DEINE MUSIK IST MEHR ALS EINE AUDIODATEI

Am 7. August fragte WILD in „Wie gläsern wird der KI-Song wirklich?“ danach, wie detailliert künftig Herkunft, Entstehungsprozess und KI-Einsatz eines Songs dokumentiert werden könnten. Am 3. September folgte unser Beitrag „Musixmatch Pro for Labels: Der strategische Umbau des Lyrics-Geschäfts“, bei dem es erneut nicht nur um Liedtexte ging, sondern auch um Metadaten, Rechteinformationen, Identität, Zuordnung und den wachsenden Datenkörper hinter einer Musikveröffentlichung. Am 13. September erschien bei KiBeat.com schließlich „Deine Musik ist mehr als nur eine Audiodatei“.

Dort begegneten uns anschließend wieder Lyrics, Rechteverwaltung, KI-Transparenz, Herkunft, Prozessdokumentation, Versionen, ISRC und die Idee eines umfassenderen digitalen Musikpasses. Auch diese Themen gehören natürlich zur aktuellen Entwicklung der Musikindustrie und können unabhängig voneinander aufgegriffen werden. Unser Kalender begann zu diesem Zeitpunkt trotzdem langsam, selbstständig Seiten umzublättern.

🟨 DISTROKID II: JETZT MIT WELTHERRSCHAFT

Dann kam Universal Music Group. WILD veröffentlichte am 17. September um 08:00 Uhr den großen Deep Dive „UNIVERSAL MUSIC VERKLAGT DISTROKID: DIE 52-SEITIGE KLAGE UND IHRE TRAGWEITE“. Wir gingen tief in die Klageschrift, betrachteten DistroKids Marktstellung, die neue Streaming Integrity Initiative, den Einstieg von CVC und vor allem die möglichen Folgen für unabhängige Künstler sowie den offenen Zugang zur Musikdistribution.

Am selben Tag erschien bei KiBeat.com „Auf dem Weg zur Weltherrschaft über die Musik?“. Dort wurde aus UMG gegen DistroKid ebenfalls die größere Frage nach Gatekeepern, Kontrolle, Compliance, der Zukunft offener Distribution und möglichen neuen Eintrittsbarrieren für kleine Creator. An diesem Punkt überprüften wir kurz, ob WILD versehentlich einen gemeinsamen Redaktionskalender freigegeben hatte, konnten dafür allerdings keinerlei Hinweise finden. Schade eigentlich, das hätte einiges ziemlich bequem erklärt.

🟨 DEIN NAME, FREMDER SONG, ZWEI TAGE SPÄTER

Am 21. September um 08:00 Uhr veröffentlichte WILD „DEIN NAME, FREMDER SONG: WIE KÜNSTLERPROFILE ZUR ANGRIFFSFLÄCHE WERDEN“. Ausgangspunkt war die Recherche von 404 Media über Lathe of Heaven, doch unsere eigentliche Geschichte ging deutlich weiter. Uns interessierte nicht nur, ob ein Song mit KI erzeugt wurde, sondern wer überhaupt berechtigt ist, eine Veröffentlichung mit einer bestehenden Künstleridentität zu verbinden.

Wir trennten deshalb KI-Erkennung ausdrücklich von Identitätsprüfung und erklärten, warum ein sicher verwaltetes Künstlerkonto noch lange nicht garantiert, dass niemand fremde Musik unter demselben Artist-Namen anliefert. Außerdem stellten wir die Frage, welche Verantwortung künftig Distributoren und Streamingplattformen bei dieser Zuordnung tragen. Am 23. September erschien bei KiBeat.com „Wenn plötzlich ein fremder Song auf deinem Spotify-Profil erscheint“.

Wieder ging es um Lathe of Heaven und die Recherche von 404 Media. Wieder wurde zwischen KI-Musik und Künstleridentität unterschieden, wieder standen Verifizierung, Distributor-Prüfung und der Schutz eines bestehenden Künstlerprofils im Mittelpunkt. Natürlich stammen die grundlegenden Fakten aus derselben öffentlich verfügbaren Geschichte, bemerkenswert bleibt für uns jedoch, dass aus derselben Nachricht erneut eine sehr ähnliche größere redaktionelle Fragestellung entwickelt wurde. Unser Kalender beantragte daraufhin vorsorglich Überstundenausgleich.

🟨 NOVA UND DIE SECHSTÄGIGE ERLEUCHTUNG

WILD beschäftigte sich am 18. September mit Lunacy NOVA und der Idee hinter einer Plattform, die nicht einfach nur virtuelle Instrumente anbietet. Unser Schwerpunkt lag auf dem größeren Konzept, nach dem Musiker perspektivisch eigene Instrumente beziehungsweise Plugin-Ideen entwickeln können. Gerade dieser Builder und die mögliche Veränderung des klassischen Plugin-Modells machten das Thema für uns interessant.

Am 24. September erschien bei KiBeat.com „Lunacy Nova: Diese Plattform will Plugins neu erfinden“. Bereits der Teaser erklärte, fünf kostenlose Instrumente seien lediglich der Anfang und das eigentliche Ziel gehe deutlich weiter. Auch hier kann selbstverständlich jeder dieselbe Produktankündigung lesen und zu ähnlichen Schlussfolgerungen gelangen. Unser Kalender wollte anschließend trotzdem anfangen, Lottozahlen vorherzusagen, was wir ihm aus journalistischen Gründen untersagt haben.

🟨 WAS JOURNALISMUS DARF

Damit wir uns nicht missverstehen, andere Medien dürfen selbstverständlich über jedes dieser Themen schreiben. WILD besitzt weder DistroKid noch Suno, Spotify, Musixmatch, Lunacy Audio oder irgendeinen Teil der internationalen Musikindustrie. Wir haben auch kein Patent darauf, Zusammenhänge zu erkennen oder aus einer Meldung eine größere Frage zu entwickeln.

Journalismus lebt gerade davon, dass verschiedene Redaktionen dieselben Ereignisse beobachten und unterschiedlich einordnen. Genau dieses „unterschiedlich“ macht Medienlandschaften normalerweise interessant. Deshalb interessiert uns weniger, dass bei KiBeat.com dieselben Nachrichten auftauchen, sondern vielmehr die wiederholte zeitliche Nähe in Kombination mit teilweise sehr ähnlichen größeren Schwerpunktsetzungen. Das ist keine Plagiatsbehauptung, sondern zunächst einmal eine Chronologie.

🟨 CAROLA, KIBEAT UND DIE KUNST DES GUTEN TIMINGS

Die betreffenden Beiträge bei KiBeat.com wurden wiederholt von Carola veröffentlicht. Auch das ist zunächst lediglich eine öffentlich sichtbare Information und keine Bewertung. Ebenso öffentlich sichtbar sind Veröffentlichungsdaten, Überschriften und Inhalte der jeweiligen Beiträge.

Wir könnten nun ausführlich darüber spekulieren, wann wer welchen Artikel gelesen hat und wo eine Idee tatsächlich entstanden ist. Das tun wir bewusst nicht, denn wir wissen es schlicht nicht. Vielleicht interessiert sich dieselbe Autorin einfach erstaunlich zuverlässig wenige Tage später für dieselben Themen und häufig auch für ähnliche größere Fragestellungen. Das wäre selbstverständlich möglich und zweifellos ein bemerkenswert gutes redaktionelles Rhythmusgefühl.

🟨 WILD HAT DESHALB EINEN NEUEN SERVICE

Wir haben lange überlegt, wie wir mit dieser Entwicklung umgehen sollen. Themen geheim halten wäre Unsinn, Artikel absichtlich später veröffentlichen noch größerer Unsinn. Unsere Ideen in einem Tresor zu verwahren und nur noch unter notarieller Aufsicht über kommende Themen zu sprechen, wäre wiederum etwas überdimensioniert für eine Musikzeitung.

Also machen wir genau das Gegenteil und arbeiten einfach weiter. WILD recherchiert, WILD veröffentlicht und wer einige Tage später zufällig ebenfalls dieselbe größere Geschichte entdeckt, darf das selbstverständlich tun. Wir möchten lediglich darum bitten, unseren Redaktionskalender nicht nachzubestellen. Der ist inzwischen vergriffen.

🟨 DER SCHÖNSTE TEIL DER GANZEN GESCHICHTE

Eigentlich müsste uns das Ganze ärgern, und manchmal tut es das auch. Irgendwann kippt Ärger allerdings in Humor, besonders wenn sich ähnliche Abläufe mehrfach wiederholen. Wenn eine kleine unabhängige Musikzeitung regelmäßig Themen auswählt, die wenige Tage später offenbar auch anderswo spannend genug für ausführliche Beiträge sind, sagt das möglicherweise mindestens genauso viel über WILD aus wie über irgendjemanden sonst.

Vielleicht liegen wir mit unserer Themenauswahl einfach ziemlich häufig richtig. Vielleicht erkennen wir Geschichten früh, vielleicht schauen andere Redaktionen sehr aufmerksam auf dieselbe Branche oder vielleicht besitzt der Zufall tatsächlich einen hervorragend gepflegten Kalender. Wir werden vermutlich nie erfahren, welche Erklärung am Ende die richtige ist.

Eines wissen wir allerdings ziemlich sicher: WILD wird weiterhin recherchieren, fragen, einordnen und bewusst dort hinschauen, wo die offensichtliche Meldung längst nicht mehr die interessanteste Geschichte ist. Geschwindigkeit allein macht noch keinen Journalismus, entscheidend bleibt die Frage, welchen Zusammenhang eine Redaktion erkennt und welche Perspektive sie daraus entwickelt. Falls euch dieser Gedanke demnächst irgendwo bekannt vorkommt, keine Sorge. Kann Zufall sein.