Die Mauer aus Musik: Warum Independent-Künstler um Aufmerksamkeit kämpfen wie nie
150.000 neue Tracks täglich, und ein erheblicher Teil bleibt praktisch ungehört. Was die Zahlen für unabhängige Musiker bedeuten.
Text: WILD Redaktion ·

Täglich werden nahezu 150.000 neue Tracks auf Streaming-Plattformen hochgeladen, fast fünfzig Prozent mehr als noch 2022. Die Masse an Musik ist so groß, dass ein erheblicher Teil davon praktisch ungehört bleibt. Gleichzeitig mischt KI-generierte Musik die Zahlen weiter auf. Was bedeutet das für unabhängige Künstler, die um Aufmerksamkeit kämpfen?
Tag für Tag, Minute für Minute schwillt die Bibliothek auf Spotify, Apple Music, Deezer und allen anderen Streaming-Diensten weiter an. Luminate, einer der führenden Anbieter von Musik- und Unterhaltungsdaten, trackt nach eigenen Angaben nahezu 340 Millionen Aufnahmen auf seiner Plattform. Und täglich kommen neue hinzu. Rob Jonas, CEO von Luminate, bezifferte in einem Interview mit Billboard die Zahl der täglichen Neu-Uploads auf Streaming-Plattformen auf nahezu 150.000 Tracks.
Das ist ein deutlicher Anstieg gegenüber den seit etwa 2022 genannten Werten von über 100.000 Songs pro Tag. Die Wachstumsrate liegt bei nahezu fünfzig Prozent innerhalb weniger Jahre.
Jonas beschrieb die Situation unverblümt: Das Durchbrechen und das Erreichen eines Publikums seien "really hard". Ein Satz, der in seiner Schlichtheit mehr über die Realität des modernen Musikmarkts aussagt als jede Langzeitstudie.
🟨 FAST EIN VIERTEL ALLER MUSIK ERHÄLT KEINE NENNENSWERTEN STREAM-ZAHLEN
Die schiere Masse der täglich hinzukommenden Musik ist nur eine Seite des Problems. Die andere Seite ist die Unsichtbarkeit, in die der Großteil dieser Produktionen sofort wieder eintaucht. Laut Luminate haben rund zwanzig Prozent aller auf Streaming-Plattformen verfügbaren Musik in den letzten Quartalen kaum Hörer erhalten. Das ist keine Randerscheinung, sondern ein strukturelles Phänomen.
Luminates eigene Jahresenddaten für 2025 legen das Ausmaß offen: Von 253 Millionen in diesem Jahr getrackten ISRCs, also den eindeutigen Kennungen für einzelne Musikstücke, erzeugten 55,3 Millionen null Streams. Weitere 65,2 Millionen kamen auf gerade einmal ein bis zehn Streams. Zusammen sind das mehr als 120 Millionen Tracks, die de facto unentdeckt blieben.
Selbst wenn man die Gesamtmenge der jemals auf Streaming-Diensten verfügbaren Musik als Bezugsgröße nimmt, zeigt sich, dass ein erheblicher Teil der produzierten Musik in einem Raum verschwindet, den niemand betritt. Es ist eine Mauer aus Musik, hinter der Millionen von Tracks darauf warten, gehört zu werden, und die es nie werden.
Dabei ist es wichtig zu beachten, dass die von Luminate getrackten 253 Millionen ISRCs und die von Jonas genannten nahezu 340 Millionen Aufnahmen nicht unbedingt dieselbe Menge abbilden. Die Differenz erklärt sich wahrscheinlich durch unterschiedliche Erfassungszeitpunkte oder unterschiedliche Definitionen dessen, was in die jeweilige Zählung einfließt.
Auch ein direkter Vergleich der genannten zwanzig Prozent kaum gehörter Musik mit dem Jahresenddaten-Anteil von 21,9 Prozent Null-Streams ist methodisch nicht ohne Weiteres möglich, da unterschiedliche Zeiträume und Erfassungskriterien zugrunde liegen können. Das ändert nichts daran, dass die Größenordnung erschreckend ist: Mehr als jeder fünfte Track, der auf einer Streaming-Plattform landet, wird praktisch nicht gehört.
🟨 KI-GENERIERTE MUSIK ALS UNSICHTBARER FAKTOR
Hinter den offiziellen Upload-Zahlen verbirgt sich ein Phänomen, das die Statistiken weiter verzerrt und die Situation für menschliche Künstler zusätzlich verschärft: KI-generierte Musik. Deezer meldete, dass es auf Spitzenwerten im Juni 2026 täglich rund 90.000 vollständig KI-generierte Tracks auf der Plattform gab. Das waren mehr als die Hälfte der täglichen Neu-Uploads bei Deezer an diesen Spitzenwerttagen. Apple Music erklärte laut Music Ally, dass KI-generierte Musik mittlerweile mehr als ein Drittel seiner täglichen Uploads ausmacht.
Suno, ein auf KI-Musik spezialisiertes Unternehmen, schätzte in einer Investorenpräsentation aus dem Jahr 2025, dass auf der Plattform täglich rund sieben Millionen Songs generiert werden. Diese Zahlen verdeutlichen, dass ein erheblicher Teil dessen, was täglich auf Streaming-Dienste hochgeladen wird, nicht von Menschen gemacht ist.
Die Suno-Zahl von sieben Millionen generierten Songs täglich bezieht sich dabei auf den Stand der 2025er Präsentation und kann sich seither verändert haben. Unklar bleibt auch, ob Deezers 90.000 KI-generierte Tracks einen anhaltenden Durchschnitt oder nur einen Spitzenwert an einem einzelnen Tag im Juni 2026 darstellen.
Luminate selbst ist nach eigener Aussage noch nicht in der Lage, KI-generierte Musik im breiteren Streaming-Ökosystem präzise zu messen. Jonas bezeichnete die Identifizierung von KI-Musik als „incredibly hard problem". Das Unternehmen hat nach Angaben von Music Ally zwar eine eigene Technologie zur Kennzeichnung KI-generierter Songs und Künstler vorgestellt, doch operativ im Einsatz und belastbar in der Wirkung ist sie nach Jonas' Aussage noch nicht.
Luminate versucht nach eigenen Angaben, Signale verschiedener Streaming-Dienste zu aggregieren, um KI-Musik zu identifizieren. Aber kein einzelnes Unternehmen werde dieses Problem allein lösen, räumte Jonas ein.
Luminate versucht nach eigenen Angaben, Signale verschiedener Streaming-Dienste zu aggregieren, um KI-Musik zu identifizieren. Aber kein einzelnes Unternehmen werde dieses Problem allein lösen, räumte Jonas ein.
Das bedeutet: Die offiziellen Upload-Zahlen von 150.000 Tracks täglich enthalten aller Voraussicht nach einen nicht quantifizierten Anteil an KI-Musik, der die Lage für menschliche Künstler weiter verdunkelt. Es ist ein unsichtbarer Faktor, der die Mauer aus Musik nicht nur höher, sondern auch undurchsichtiger macht.
🟨 DER KATALOG SAUGT AKTUELLE MUSIK NACH UNTEN
Die Konkurrenz für neue Musik kommt dabei nicht nur aus der Flut täglicher Neuerscheinungen und aus KI-Laboren. Sie kommt auch aus der Vergangenheit. Luminate berichtete, dass aktuelle Musik im ersten Halbjahr 2026 nur 34 Prozent der Audio-Streams ausmachte. Das bedeutet: Zwei Drittel aller Streams gehen an Musik, die nicht als aktuell gilt, sondern zum Katalog gehört.
Bei diesem Begriff scheiden sich die Geister. Es bleibt im Dunkeln, wie Luminate „aktuelle Musik" in seinem Bericht genau definiert. Handelt es sich um Veröffentlichungen der letzten zwölf Monate, der letzten drei Jahre, oder liegt eine andere Kategorisierung zugrunde?
Die offene Frage schmälert nicht die Aussagekraft der Zahl, aber sie mahnt zur Vorsicht bei der Interpretation. Fest steht: Der Katalog, also die Gesamtheit der älteren Musik, dominiert das Streaming-Geschehen mit einem Anteil von rund 66 Prozent.
Diese Dominanz ist kein statisches Phänomen. Sie wird durch kulturelle Ereignisse immer wieder neu belebt. Ein eindrückliches Beispiel lieferte die Serie „Fallout", deren Soundtrack obskure Musik aus den 1950er- und 1960er-Jahren ins Bewusstsein einer neuen Generation spielte. Rob Jonas zufolge erfuhren einige dieser Tracks Steigerungen von 400 Prozent, 500 Prozent oder sogar 1.000 Prozent nach ihrer Verwendung in der Serie.
Ein einzelner Serienmoment konnte also mehr Aufmerksamkeit auf Jahrzehnte alte Musik lenken, als die meisten aktuellen Veröffentlichungen in ihrer gesamten Lebensdauer generieren. Das ist keine Schicksalsfrage und kein Argument gegen aktuelle Musik, sondern ein Fakt, der die Kräfteverhältnisse im Streaming-Markt schonungslos offenlegt. Für Independent-Künstler, die Woche für Woche neue Musik veröffentlichen, um algorithmisch relevant zu bleiben, ist das eine zusätzliche Hürde.
Der Katalog ist kein passiver Gegenpart. Er wird aktiviert, durch Serien, durch Social-Media-Trends, durch Nostalgiewellen und durch algorithmische Empfehlungen, die lieber das Bewährte fördern als das Unbekannte.
🟨 DAS GEGENGEWICHT: SPOTIFY, DIY-KÜNSTLER UND „FRESH FINDS FORWARD"
So düster das Bild wird, wenn man nur auf die Masse und die Unsichtbarkeit schaut, es gibt eine Gegenbewegung. Spotify gab an, dass mehr als ein Drittel der Künstler, die 2025 mindestens 10.000 US-Dollar an Tantiemen von Spotify erhielten, DIY waren oder ihre Karriere auf diese Weise begonnen hatten.
Das bedeutet: Independent-Künstler sind nicht systematisch ausgeschlossen. Sie arbeiten nur in einem Umfeld, in dem sich die Art und Weise, wie man sich durchsetzt, verändert.
Spotify startete zudem das Programm „Fresh Finds Forward", das jährlich rund 10.000 aufstrebende unabhängige Künstler unterstützt. Die Fresh-Finds-Playlists haben in den vergangenen zehn Jahren mehr als 80.000 Künstlern in 127 Ländern geholfen, neue Hörer zu finden. Diese Zahlen deuten darauf hin, dass das Spielfeld nicht vollständig ungleich ist und dass es konkrete Mechanismen gibt, die unbekannten Künstlern helfen können, aus dem Rauschen herauszutreten.
Allerdings bleiben mehrere Fragen offen. Die Angaben zu DIY-Künstlern, zu den jährlich unterstützten 10.000 Künstlern und zu den 80.000 Künstlern in 127 Ländern stützen sich bislang vor allem auf die Darstellung von RouteNote. Offizielle Spotify-Primärquellen, die diese Zahlen im Detail bestätigen, liegen nach aktuellem Kenntnisstand nicht öffentlich vor. Es ist auch unklar, seit wann das Programm „Fresh Finds Forward" genau läuft und ob die genannten 10.000 Künstler pro Jahr eine offiziell bestätigte Größe sind.
Die grundsätzliche Botschaft jedoch, dass Independent-Künstler über Spotify Wege zum Publikum finden, ist durch die Existenz der Fresh-Finds-Programme und die genannten Spotify-Angaben belastbar. Die Plattform hat ein Interesse daran, neue Stimmen zu fördern, weil sie genau davon lebt, dass Nutzern immer wieder neue Musik vorgeschlagen wird, die sie noch nicht kennen.
Das Geschäftsmodell von Spotify basiert darauf, dass Menschen weiterhören. Und dafür braucht es Künstler, die noch nicht etabliert sind.
🟨 WAS TATSÄCHLICH OFFEN BLEIBT
Die Daten von Luminate und den Streaming-Diensten zeichnen ein klares Bild von einem Markt in Schieflage. Die Masse der täglich hochgeladenen Musik ist so groß, dass der einzelne Track statistisch kaum eine Chance hat, gehört zu werden.
KI-generierte Musik fügt dieser Masse eine weitere Dimension hinzu, die sich mangels verlässlicher Erkennungstechnologie nicht genau beziffern lässt. Der Katalog der älteren Musik saugt Stream-Kontingente ab, die sonst an aktuelle Veröffentlichungen gehen könnten. In diesem Umfeld sind Independent-Künstler mit einem strukturellen Nachteil unterwegs, der sich nicht wegdiskutieren lässt.
Aber es wäre zu einfach, daraus eine Geschichte des Scheiterns zu machen. Die Spotify-Daten zeigen, dass DIY-Künstler Wege finden, Tantiemen im vierstelligen Bereich zu generieren. Programme wie Fresh Finds Forward zeigen, dass Plattformen Mechanismen entwickeln, um neue Stimmen zu fördern.
Die Frage ist, ob diese Mechanismen ausreichen, um die wachsende Flut zu kompensieren. Luminates eigene Technologie zur Erkennung von KI-Musik steckt noch in den Anfängen. Die offene Frage, wie KI-generierte Musik sauber von menschlicher Musik getrennt werden kann, ist nicht nur ein technisches Problem.
Es ist eine Frage der Fairness, der Transparenz und der Definition davon, was Musik überhaupt ausmacht. Bis diese Fragen beantwortet sind, bleibt die Mauer aus Musik für Independent-Künstler das, was sie derzeit ist: eine enorme Hürde, die nur mit Geduld, Strategie und einem gewissen Maß an Glück zu überwinden ist.