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K-POP TRIFFT HARD DANCE: WIE KATSEYE, LE SSERAFIM UND ILLIT DEN RAVE IN DEN POP HOLEN

Härtere elektronische Produktionen prägen mehrere aktuelle Veröffentlichungen. Der spannende Punkt ist, wie unterschiedlich die Gruppen diese Energie mit Songs, Choreografie und eigener Identität verbinden.

Text: WILD Redaktion ·

K-POP TRIFFT HARD DANCE: WIE KATSEYE, LE SSERAFIM UND ILLIT DEN RAVE IN DEN POP HOLEN

KATSEYEs „PINKY UP“, LE SSERAFIMs „CELEBRATION“ und ILLITs „It’s Me“ stehen für einen auffälligen Moment zwischen Pop und Rave. Ein Remix von Sara Landry und eine gemeinsame Single bringen zusätzliche Verbindungen ins Spiel. Das WILD SPECIAL untersucht die Entwicklung, ohne aus einzelnen Erfolgen eine komplette Neuerfindung des K-Pop abzuleiten.

🟨 EIN FESTIVALAUFTAKT MIT KLARER ABSICHT

Als KATSEYE am 10. April 2026 erstmals bei Coachella auftraten, eröffneten sie ihr Set auf der Sahara-Bühne mit „PINKY UP“. Auch am zweiten Festivalwochenende, dem 17. April, stand die Gruppe dort auf der Bühne. Der Bericht des Weverse Magazine beschreibt die Songwahl als bewussten Auftakt einer neuen Phase. Kreativchef Jay Ihn erklärte darin, der Track solle neben den eigenen Fans auch das allgemeine Festivalpublikum ansprechen.

Dieser Moment eignet sich als Einstieg in eine breitere Entwicklung. Ein großer Auftritt verlangt eine Dramaturgie, die Publikum, Bilder, Bewegung und Musik zusammenführt. Ein hart produzierter Titel kann darin eine bestimmte Funktion erfüllen, ohne den gesamten Charakter einer Gruppe festzulegen. KATSEYEs Set verband laut demselben Bericht entsprechend energiegeladene Nummern mit ruhigeren Passagen und Live-Harmonien.

🟨 DREI VERÖFFENTLICHUNGEN, EIN AUFFÄLLIGER ZEITRAUM

Im April folgten mehrere relevante Releases dicht aufeinander. SOURCE MUSIC veröffentlichte LE SSERAFIMs „CELEBRATION“ am 24. April als Vorabsingle zum zweiten Studioalbum „PUREFLOW“ pt.1. ILLITs viertes Mini-Album „MAMIHLAPINATAPAI“ erschien am 30. April mit dem Titeltrack „It’s Me“. Zusammen mit „PINKY UP“ entstand eine gut sichtbare Häufung härterer elektronischer Popproduktionen im HYBE-Umfeld.

Zeitliche Nähe und verwandte Klangideen belegen jedoch keine zentral angeordnete Konzernstrategie. Dafür wären Aussagen der Verantwortlichen oder belastbare Informationen über die Produktionsentscheidungen erforderlich. Eine Zusammenarbeit mehrerer Gruppen kann geplant sein, während ihre einzelnen Songs trotzdem aus unterschiedlichen kreativen Prozessen entstehen. Beobachtbar ist zunächst die gemeinsame Richtung, nicht jeder interne Grund dafür.

🟨 HARD DANCE ALS GEMEINSAMER RAHMEN

Chartmetrics Analyse vom 7. Oktober ordnet neben diesen Gruppen auch BLACKPINKs „JUMP“ und IVE mit „BANG BANG“ in eine Hinwendung zu härterer Dance-Musik ein. Der dort interviewte Publicist David Lim verbindet die Entwicklung mit energiebetonter Choreografie, internationalen Auftritten und schnell erfassbaren musikalischen Reizen. Er sieht zudem Einflüsse aus dem Clubpop-Umfeld von Charli xcx und früheren elektronischen K-Pop-Veröffentlichungen. Das sind Erklärungen eines Branchenbeobachters, keine experimentell nachgewiesenen Ursachen.

Als Oberbegriff ist Hard Dance für diese Diskussion hilfreicher, als jeden Track vollständig zu Hard Techno zu erklären. The Bias List beschreibt bei „CELEBRATION“ ausdrücklich Hardstyle-Momente und verbindet sie mit einer stark auf Haltung und Sprechgesang setzenden Präsentation. Entscheidend ist also, wo solche Elemente innerhalb eines Popsongs auftauchen. Eine harte Passage kann dessen Wirkung verändern, ohne alle übrigen Bestandteile derselben Stilrichtung zuzuordnen.

🟨 EIN REMIX MACHT DEN AUSTAUSCH KONKRET

Eine bestätigte Verbindung zur Clubmusik ist LE SSERAFIMs Zusammenarbeit mit Sara Landry. „CELEBRATION (Sara Landry Remix)“ erschien laut Apple-Music-Katalog am 6. Mai 2026 bei SOURCE MUSIC. Damit liegt eine eigenständige Veröffentlichung vor, an der sich die Begegnung beider musikalischer Welten konkret festmachen lässt. Der Remix ist mehr als eine bloße Vermutung über stilistische Ähnlichkeiten.

Aus dieser Zusammenarbeit folgt allerdings keine einheitliche Zustimmung einer gesamten Szene. Auch lässt sich ohne entsprechende Aussagen nicht entscheiden, welchen Anteil künstlerisches Interesse und kommerzielle Überlegungen hatten. Für Hörer ist zunächst interessanter, Original und Remix als zwei Bearbeitungen desselben Ausgangsmaterials zu vergleichen. Welche Fassung besser funktioniert, bleibt eine Frage des musikalischen Zusammenhangs und des eigenen Geschmacks.

🟨 GEMEINSAME PROMOTION, UNTERSCHIEDLICHE GESCHICHTEN

Am 12. Juni veröffentlichten LE SSERAFIM, ILLIT und KATSEYE die gemeinsame digitale Single „ICONIC BY MISTAKE“. Die offizielle Weverse-Mitteilung bestätigt die drei beteiligten Gruppen und den Veröffentlichungstermin. Sie belegt die Kooperation, beschreibt aber kein verbindliches Genreprogramm für sämtliche künftigen Releases. Aus einer gemeinsamen Single wird deshalb noch kein vollständiger Beweis für eine langfristige Firmenlinie.

Bei den einzelnen Veröffentlichungen bleiben zudem unterschiedliche Themen erkennbar. SOURCE MUSIC beschreibt „CELEBRATION“ als Auseinandersetzung mit dem Anerkennen und Überwinden von Angst. BELIFT LAB stellt bei „It’s Me“ dagegen die Gefühle nach einem ersten Date und den Wunsch nach einer klareren Beziehung in den Mittelpunkt. Eine ähnliche rhythmische Energie kann damit sehr verschiedene Erzählungen tragen.

🟨 WAS DIE REICHWEITENZAHLEN HERGEBEN

Chartmetric nennt für „PINKY UP“ zum Stand Ende September 1,88 Milliarden TikTok-Aufrufe und für ILLITs „It’s Me“ rund 162 Millionen Spotify-Streams. Die Werte zeigen erhebliche Aufmerksamkeit innerhalb der jeweils erfassten Plattformmetriken. TikTok-Aufrufe sind jedoch keine Zahl einzigartiger Hörer und nicht mit vollständigen Songstreams gleichzusetzen. Ein direkter Vergleich beider Größen würde unterschiedliche Nutzungsformen vermischen.

Auch der Grund für den Erfolg lässt sich daraus nicht isolieren. Veröffentlichungsstrategie, bestehende Fans, Choreografie, Plattformverbreitung und musikalische Gestaltung können gleichzeitig beitragen. Ohne zusätzliche Publikumsdaten bleibt offen, wie viele Menschen über diese Songs erstmals zur jeweiligen Gruppe fanden. Die Behauptung, härtere Beats allein hätten eine neue Zielgruppe erschlossen, wäre deshalb zu weitgehend.

🟨 WARUM DIE KRITIK ÜBER DIE HÄRTE HINAUSGEHT

Die Reaktionen auf „PINKY UP“ waren keineswegs einheitlich. In einer gemeinsamen Besprechung für The FADER verteidigte Tobias Hess die Verbindung aus Gesang, Humor und harter Produktion, während India Roby die verkürzte Struktur und die Ausrichtung auf virale Aufmerksamkeit kritisierte. Beide beschäftigten sich mit demselben Song und kamen zu unterschiedlichen Urteilen. Das macht die Debatte interessanter als die einfache Gegenüberstellung von begeisterten Fans und ablehnenden Clubpuristen.

Ähnlich unterscheidet The Bias List bei „CELEBRATION“ zwischen Produktionsenergie und kompositorischer Ausarbeitung. Die Kritik richtet sich dort vor allem gegen Wiederholung und fehlende melodische Entwicklung. Daraus entsteht eine konkrete musikalische Frage: Trägt der Song auch jenseits seines unmittelbar auffälligen Sounds? Diese Frage lässt sich an Aufbau und Wirkung diskutieren, ohne den Beteiligten echte Begeisterung abzusprechen.

🟨 FÜR PRODUZENTEN ZÄHLT DIE FUNKTION IM SONG

Wer die Entwicklung als Anregung für eigene Musik betrachtet, muss deshalb nicht einfach Tempo oder Verzerrung erhöhen. Interessanter ist die Entscheidung, welche Rolle ein harter Abschnitt im Arrangement übernehmen soll. Er kann einen Kontrast zuspitzen, eine Choreografie tragen oder einen Übergang markieren. Wenn alle Teile dieselbe Intensität haben, verliert auch der stärkste Akzent seinen Bezugspunkt.

Ebenso wichtig bleibt die Identität des jeweiligen Projekts. Eine wiedererkennbare Stimme, ein eigener Text oder eine klare visuelle Idee kann einen vertrauten Produktionsbaustein neu rahmen. Das lässt sich nicht durch die Wahl eines Genrebegriffs ersetzen. Die aktuellen Beispiele bieten deshalb eher unterschiedliche Ansätze zur Verbindung von Pop und Clubenergie als eine fertige Erfolgsformel.