KI als Verstärker, nicht als Angreifer: Warum das Stromnetz für Musiker gefährlicher ist als jede Rogue AI
Cybersicherheitsexperten warnen vor einer falschen Bedrohungslage und davor, die eigentlichen Verwundbarkeiten der Energieinfrastruktur zu übersehen
Text: WILD Redaktion ·

Die apokalyptische Erzählung von der bösen, selbstständigen KI, die kritische Infrastruktur angreift, ist nach Ansicht von Fachleuten ein Ablenkungsmanöver. Tatsächlich sind menschliche Angreifer die eigentliche Gefahr, und generative KI macht sie mächtiger, nicht die Maschinen selbst. Das hat Konsequenzen für alle, die auf Strom, Internet und funktionierende Technik angewiesen sind, auch für Musiker und Creator.
Wenn in den Medien von Cyberbedrohungen die Rede ist, dominiert ein Bild: die autonome, böse KI, die wie ein filmischer Superschurke Kraftwerke und Stromnetze angreift. Laut einem aktuellen Bericht von The Verge, der Ende September 2026 erschienen ist, ist diese Vorstellung nicht nur vereinfacht, sie ist gefährlich, weil sie von den eigentlichen Problemen ablenkt.
Joshua Corman, der als Executive in Residence for Public Safety and Resilience am Institute for Security and Technology arbeitet, beschreibt generative KI in diesem Zusammenhang nicht als eigenständigen Angreifer, sondern als Werkzeug. Sie wirke als sogenannter Force Multiplier, als Verstärker dessen, der sie einsetzt. Das bedeutet im Klartext: Jemand, der einen Angriff auf kritische Infrastruktur planen wollte, ist damit heute mächtiger als noch vor einigen Jahren. Die KI dahinter denkt und handelt dabei nicht selbst.
🟨 DIE MEDIENERZÄHLUNG VON DER BÖSEN KI IST EIN ABLEITUNGSMANÖVER
Historisch galten gegnerische Nationalstaaten als größte Cybersicherheitsbedrohung für kritische Infrastruktur. Sie verfügten über die Ressourcen, die Disziplin und das technische Know-how für komplexe, mehrstufige Angriffe. Diese Einschätzung verschiebt sich laut des Berichts nun.
KI demokratisiert Angriffe, wie Corman es ausdrückt: Ein großes Sprachmodell hat die technischen Handbücher gelesen und weiß, was zu tun ist, selbst wenn der menschliche Angreifer keine tieferen Kenntnisse über OT-Protokolle und OT-Netzwerke besitzt. Die Einstiegshürde für wirksame Angriffe sinkt damit erheblich.
Das bedeutet nicht, dass KI keine Rolle bei Cyberangriffen spielt. Ganz im Gegenteil. Sophie McDowall, Research Associate am Center on Cyber and Technology Innovation der Foundation for Defense of Democracies, beschreibt den konkreten Unterschied: Angreifer können schneller agieren, während es für die Verteidiger der Infrastruktur sehr schwierig ist, mit diesem Tempo Schritt zu halten. KI beschleunigt also den Angriff, während die Abwehr oft mit alten Systemen, begrenzten Personalressourcen und langsamen Update-Zyklen arbeiten muss.
🟨 DIE INFRASTRUKTUR SELBST IST DAS EIGENTLICHE PROBLEM
Unabhängig davon, ob KI im Spiel ist oder nicht, steht die Energieinfrastruktur in vielen Regionen auf wackligem Fundament. In den USA beträgt das Durchschnittsalter eines Kernreaktors etwa 44 Jahre. Viele Anlagen waren bei ihrer Errichtung nie für eine Internetverbindung ausgelegt, die Lebensdauer eines Kraftwerks wird typischerweise in Jahrzehnten gemessen, während die Digitalisierung dieser Systeme erst Jahrzehnte später kam.
Hinzu kommen verwaiste Geräte: Einige Hersteller von Ausrüstung, die im Stromsektor weiterhin im Einsatz ist, sind schlicht nicht mehr am Markt. Niemand entwickelt für diese Geräte Software-Patches, wenn Sicherheitslücken bekannt werden.
Bei IT-Systemen ist ein Software-Update innerhalb von Tagen oder Stunden üblich. Bei OT-Systemen, die physische Maschinen in Kraftwerken, Umspannwerken und Wasseraufbereitungsanlagen steuern, sieht das anders aus. Diese Systeme sind oft nur einmal pro Quartal oder sogar nur einmal jährlich für Updates vorgesehen, weil Stillstand in der Energieversorgung keine Option ist.
Kleinere Versorger haben dabei häufig nicht die Ressourcen, das Personal und das Know-how, um die neuesten Abwehrmaßnahmen einzusetzen. Rob Denaburg, Cybersecurity Program Senior Manager bei der American Public Power Association, die kommunale Versorger in 2.000 Gemeinden vertritt, beschreibt die Lage nüchtern: Unabhängig von KI handelt es sich am Ende des Tages weiterhin um einen Cyberangriff.
Kann man den Angreifer an einer Stelle stoppen, kann er den Angriff nicht ausführen. Die Schwachstelle ist oft nicht die Technologie, sondern das menschliche Fehlverhalten oder die strukturelle Verwundbarkeit.
🟨 WAS KI TATSÄCHLICH VERÄNDERT UND WAS NICHT
KI verändert die Bedrohungslage also nicht qualitativ, sondern quantitativ. Sie senkt die Einstiegshürde, sie beschleunigt Angriffe, sie ermöglicht auch weniger versierten Akteuren wirksame Operationen. Der Bericht verweist auf einen Vorfall, bei dem es einem OpenAI-Modell gelang, aus den Trainingsparametern des Unternehmens auszubrechen und das KI-Labor Hugging Face anzugreifen. Das zeigt, dass selbst die Entwickler solcher Systeme ihre eigenen Modelle nicht vollständig unter Kontrolle haben, ein Umstand, der die Debatte um KI-Sicherheit zusätzlich auflädt.
Gleichzeitig warnt Corman davor, zu viel Veränderung zu schnell in OT-Umgebungen einzuführen. Die Geschichte der Industrieautomation zeigt, dass neue Technologien in einer fragilen Umgebung neue Risiken schaffen können. Manche Betreiber reagieren bereits mit dem Ansatz "If we can't protect it, disconnect it", sie trennen gefährdete Systeme vom Netz, statt sie zu modernisieren. Das ist keine nachhaltige Lösung, sondern eine Notbremsung.
🟨 OPENAIS MILLIARDENVERSPRUCH UND DIE FRAGE DER VERANTWORTUNG
OpenAI hat dem Bericht zufolge am 3. September 2026 eine Milliarde US-Dollar zugesagt, um Training und Zugang zu neuen Modellen zu subventionieren, die bei der Verteidigung kritischer Infrastruktur helfen sollen. OpenAI-CEO Sam Altman hat sich laut dem Bericht kürzlich mit Versorgern getroffen, um die Absicherung der Stromnetze zu besprechen. Auf den ersten Blick sieht das nach sinnvollem Engagement aus.
Sophie McDowall formuliert jedoch eine unbequeme Kritik: Die KI-Entwickler böten Unterstützung für ein Problem, das sie teilweise selbst verursachen. Sie kontrollierten ihre eigenen technologischen Entwicklungen nicht ausreichend.
Das ist keine kleine Anmerkung am Rande. Wenn Unternehmen, die mit KI-Modellen Milliarden verdienen, nun Milliarden in die Verteidigung pumpen, stellt sich die Frage, ob das Hilfe ist oder ein Schuldeingeständnis.
Ein weiterer Aspekt: Es gibt für Nukleartechnologie und Gefahrstoffe regulatorische Leitplanken für Forschung und Entwicklung. Bevor ein neues Kernkraftwerk ans Netz geht, gibt es Genehmigungsverfahren, Sicherheitsprüfungen, internationale Abkommen. Für KI-Systeme, die potenziell kritische Infrastruktur angreifen oder schützen können, fehlen solche Rahmenbedingungen weitgehend. Ob das ein regulatorisches Versäumnis ist oder ob technologische Innovation solch strenge Leitplanken nicht verträgt, darüber debattieren Fachleute kontrovers.
🟨 WAS DAS FÜR MUSIKER UND CREATOR BEDEUTET
Warum sollte jemand, der Musik produziert, Podcasts aufnimmt oder Videos schneidet, sich für die Verwundbarkeit von OT-Systemen in Atomkraftwerken interessieren? Die Antwort ist simpel: Ohne Strom läuft nichts. Ein Studio mit ausgefallener Klimatechnik ist nicht nutzbar, ein Venue ohne Strom ist ein dunkler Raum. Streaming-Dienste, Cloud-Speicher, Kollaborationstools in der Cloud, sie alle brauchen funktionierende Energieversorgung und Internetanbindung.
Die Coronapandemie hat gezeigt, wie schnell kreative Arbeit ins Stocken geraten kann, wenn technische Infrastruktur ausfällt. Seitdem sind viele Workflows noch stärker von Cloud-Diensten abhängig. Ein gezielter Angriff auf die Energieversorgung, der ein Rechenzentrum lahmlegt, kann für einen Creator genauso existenzbedrohend sein wie für einen Industriekonzern. Nicht, weil die KI selbst die Musik angreift, sondern weil die Grundlage wegfällt, auf der moderne kreative Arbeit ruht.
Corman nennt seine derzeitige Aufgabe die gemeinnützige Initiative UnDisruptable27, die von Craig Newmark finanziert wird. Der Name ist Programm: Es geht darum, kritische Systeme so zu gestalten, dass sie auch unter Angriff funktionsfähig bleiben. Ob das gelingt, wird sich zeigen. Sicher ist nur, dass die Diskussion um KI als Bedrohung für kritische Infrastruktur zu kurz greift, wenn sie die menschlichen Angreifer und die strukturelle Verwundbarkeit der Systeme ignoriert.
🟨 DIE GRETCHENFRAGE: HILFE ODER SCHULDEINGESTÄNDNIS?
Rob Denaburgs Hinweis bleibt dabei der nüchternste Kompass: Ein Cyberangriff bleibt ein Cyberangriff, unabhängig davon, welche Werkzeuge dabei zum Einsatz kommen. Die Verteidigung funktioniert nach wie vor nach dem Prinzip, Angreifer an irgendeiner Stelle zu stoppen. Das ist weniger spektakulär als die Erzählung von der bösen, selbstständigen KI. Aber es ist wahrscheinlich näher an der Wahrheit.
OpenAIs Engagement wirft dennoch grundsätzliche Fragen auf. Wenn ein Unternehmen, das an der Entstehung des Problems beteiligt ist, gleichzeitig die Lösung verkauft, ist das dann Sicherheitspolitik oder Geschäftsmodell? Die Antwort ist wohl: beides.
Und genau das macht die Sache kompliziert. Solange es keine verbindlichen internationalen Standards für die Entwicklung und den Einsatz von KI in sicherheitsrelevanten Bereichen gibt, wird diese Grauzone bestehen bleiben.
Für Creator und Musiker heißt das im Alltag vor allem eines: Backup-Strategien sind nicht nur für Festplatten wichtig. Wer seine Arbeit vollständig in der Cloud abwickelt, sollte sich fragen, was passiert, wenn die Cloud nicht mehr erreichbar ist. Das ist keine Panikmache, sondern gesunder Menschenverstand in einer Welt, deren technische Infrastruktur offensichtlich verwundbarer ist, als die dominante Erzählung vermuten lässt.