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MATTHEW HERBERT MACHT AUS ARMUT EINEN BEAT – UND AUS EINEM ALBUM EINE HANDLUNGSAUFFORDERUNG

Für sein neues Konzeptalbum verwandelt Matthew Herbert Nudeln, Konserven, Windeln und Toilettenpapier in elektronische Musik. Hinter dem ungewöhnlichen Produktionsprinzip steckt keine Klangspielerei, sondern eine präzise Kritik an der britischen Lebensmittelarmut.

Text: WILD Redaktion ·

MATTHEW HERBERT MACHT AUS ARMUT EINEN BEAT – UND AUS EINEM ALBUM EINE HANDLUNGSAUFFORDERUNG

Ein Album aus Dingen, die bei britischen Tafeln besonders dringend gebraucht werden: Matthew Herbert macht den Einkaufskorb zum Instrument und die Download-Seite zur politischen Aufgabe. Das Ergebnis stellt eine unbequeme Frage: Kann elektronische Musik mehr leisten, als Not sichtbar zu machen?

🟨 EIN ALBUMTITEL WIE EINE ANKLAGESCHRIFT

Matthew Herbert nennt sein neues Werk nicht einfach nach einem Gefühl, einem Ort oder einer musikalischen Idee. Der Titel „theukhasmorefoodbanksthanbranchesofmcdonalds.com“ ist zugleich eine Internetadresse und eine zugespitzte politische Aussage: Im Vereinigten Königreich gibt es mehr Ausgabestellen für Lebensmittelhilfe als McDonald’s-Restaurants. Das Album erscheint am 16. Oktober 2026 und besteht ausschließlich aus Klängen alltäglicher Produkte, die bei Lebensmittelhilfen besonders häufig gebraucht werden. Dazu gehören Nudeln, Frühstücksflocken, Dosenobst, Hygieneartikel, Windeln und Toilettenpapier.

Schon dieser Titel zwingt dazu, zwei Systeme miteinander zu vergleichen, die normalerweise getrennt betrachtet werden. Auf der einen Seite steht eine weltweit standardisierte Fast-Food-Kette, auf der anderen ein weitgehend dezentrales Netz aus Wohltätigkeitsorganisationen, Kirchengemeinden und unabhängigen Initiativen. Der Vergleich ist plakativ, aber nicht aus der Luft gegriffen: Die britische Parlamentsbibliothek erfasste für 2025 insgesamt 1.556 Ausgabestellen im Trussell-Netzwerk und mindestens 1.172 weitere unabhängige Lebensmittelbanken. Zusammengenommen sind das mindestens 2.728 Standorte, wobei unterschiedliche Erhebungen und Definitionen zu leicht abweichenden Gesamtzahlen führen können.

🟨 WENN DER EINKAUFSKORB ZUM INSTRUMENT WIRD

Herbert ordnet das Album um zehn besonders häufig nachgefragte Artikel aus dem Umfeld britischer Lebensmittelhilfen. Jeder Track geht von einem solchen Gegenstand aus, und sämtliche musikalischen Elemente werden aus dem jeweiligen Material gewonnen. Eine Nudelpackung kann zur Percussion werden, eine Dose zum Resonanzkörper und das Rascheln einer Verpackung zum Ausgangspunkt für Hi-Hats, Flächen oder rhythmische Störungen. Der erste veröffentlichte Titel „pasta (is not a luxury)“ bringt das Konzept bereits auf den Punkt: Grundnahrungsmittel werden hier nicht als ästhetische Kuriosität behandelt, sondern als Zeichen dafür, dass selbst Alltägliches für viele Menschen nicht selbstverständlich ist.

Technisch bleibt Herbert nicht bei einfachen Feldaufnahmen stehen. Im Gespräch mit PAN M 360 beschrieb er einen langen Bearbeitungsprozess, in dem die aufgenommenen Geräusche geschnitten, stark beschleunigt oder verlangsamt, mit granularer Synthese zerlegt, gefiltert, erneut aufgenommen und wieder gesampelt werden. Manche Klänge seien erst in der dreißigsten Verarbeitungsgeneration zu ihrer endgültigen Form gelangt. Dadurch ist das fertige Material nicht immer sofort als Dose, Nudel oder Toilettenpapier erkennbar, trägt seine reale Herkunft aber weiterhin als konzeptionellen Kern in sich.

🟨 BEI HERBERT IST DIE QUELLE TEIL DER KOMPOSITION

Der Ansatz passt zu einer Arbeitsweise, die Herbert seit Jahrzehnten verfolgt. Auf „Plat du Jour“ untersuchte er 2005 die industrialisierte Lebensmittelproduktion mit Aufnahmen aus Lieferketten, Landwirtschaft und Konsum; bei anderen Projekten wurden ein Schwein, ein Clubabend oder Instrumente aus einem Pferdeskelett zur klanglichen Grundlage. Entscheidend ist dabei nicht bloß, dass ungewöhnliche Geräusche verwendet werden. Herbert versucht, Herkunft, Verarbeitung und Bedeutung eines Klangs so miteinander zu verbinden, dass die Produktionsmethode selbst zur Aussage wird.

Genau deshalb wäre es zu kurz gegriffen, dieses neue Album als Sammlung origineller Küchen-Samples zu beschreiben. Die verwendeten Gegenstände sind keine beliebige Soundbibliothek, sondern Produkte, um die Hilfsorganisationen konkret bitten. Ihre Geräusche stehen für Mangel, Scham, Abhängigkeit und die oft unsichtbare Arbeit freiwilliger Helfer, zugleich werden sie in bewegliche elektronische Musik übersetzt. Die entscheidende ästhetische Spannung entsteht daraus, dass das Material tanzen lassen kann, obwohl sein gesellschaftlicher Kontext alles andere als leicht ist.

🟨 DIE ZAHLEN HINTER DEM PROJEKT

Aktuelle Daten zeigen, warum Herbert das Thema gerade jetzt aufgreift. Nach einer repräsentativ gewichteten YouGov-Erhebung im Auftrag der Food Foundation lebten im Juni 2026 rund 12,2 Prozent der britischen Haushalte in Ernährungsunsicherheit; ein Jahr zuvor waren es 11,3 Prozent. Betroffen waren nach Hochrechnung 6,5 Millionen Erwachsene und 2,2 Millionen Kinder, bei Haushalten mit Kindern lag der Anteil sogar bei 16,7 Prozent. Die zugrunde liegende Definition umfasst kleinere oder ausgelassene Mahlzeiten, Hunger ohne anschließendes Essen sowie ganze Tage ohne Nahrung, wenn Geld oder Zugang fehlen.

Diese Werte dürfen nicht mit der Zahl ausgegebener Lebensmittelpakete gleichgesetzt werden. Ein Paket ist keine einzelne Person, und die Statistiken des Trussell-Netzwerks decken nicht sämtliche unabhängigen Angebote ab. Für 2025 meldete Trussell dennoch 2,6 Millionen Notfallpakete, darunter 912.000 für Kinder; gleichzeitig lebten laut britischen Sozialdaten vier Prozent der Bevölkerung in einem Haushalt, der innerhalb eines Jahres eine Lebensmittelbank genutzt hatte. Das Album reagiert damit nicht auf ein abstraktes Randproblem, sondern auf eine Infrastruktur, die für einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung zur letzten Absicherung geworden ist.

🟨 EIN KOSTENLOSER DOWNLOAD, DER NICHT GRATIS SEIN SOLL

Herbert koppelt die Veröffentlichung an ein ungewöhnliches Vertrauensmodell. Über die Internetadresse im Albumtitel lässt sich das Werk kostenlos freischalten, nachdem Nutzer in einem Kontrollfeld bestätigen, gespendet und an ihren örtlichen Parlamentsabgeordneten geschrieben zu haben. Wer außerhalb Großbritanniens lebt, soll eine vergleichbare Organisation am eigenen Wohnort unterstützen und einen politischen Vertreter kontaktieren. Die Seite kontrolliert diese Angaben nicht, sondern setzt bewusst auf Ehrlichkeit.

Damit verändert sich der Download von einer reinen Transaktion zu einer kleinen politischen Handlung. Geld soll nicht an Herbert fließen, sondern an Organisationen, die gegen Lebensmittelarmut arbeiten; seine eigene Arbeitszeit und die Studiokosten stellt er nach Angaben des Projekts unentgeltlich bereit. Sollten später Einnahmen durch Lizenzen oder andere Nutzungen entstehen, sollen diese an entsprechende Graswurzelorganisationen in Großbritannien und international gehen. Das Team kündigt an, die Empfänger offenzulegen, doch konkrete spätere Einnahmen und ihre Verteilung lassen sich naturgemäß erst nach der Veröffentlichung überprüfen.

🟨 POLITISCHE KUNST MUSS IHRE EIGENEN WIDERSPRÜCHE AUSHALTEN

Das Projekt löst die Lebensmittelarmut selbstverständlich nicht, und ein Album kann strukturelle Sozialpolitik nicht ersetzen. Es besteht zudem immer das Risiko, dass das Leid anderer zum eindrucksvollen Konzept für ein kulturell interessiertes Publikum wird, das sich nach einer Spende moralisch entlastet fühlt. Herbert versucht diesem Vorwurf zu begegnen, indem er auf Gewinne verzichtet, konkrete Handlungen verlangt und die betroffenen Hilfsstrukturen direkt unterstützt. Ob daraus dauerhaftes Engagement entsteht oder nur ein kurzer Moment der Aufmerksamkeit, hängt jedoch weniger vom Sounddesign als vom Verhalten des Publikums ab.

Auch Herberts politische Ursachenanalyse sollte nicht mit den gesicherten Daten vermischt werden. Auf der Projektseite verbindet er die Zunahme von Lebensmittelbanken und Milliardären direkt mit der Austeritätspolitik mehrerer Regierungen. Dass sich soziale Ungleichheit, Lebensmittelunsicherheit und der Ausbau der Hilfsangebote parallel entwickelt haben, ist gut dokumentiert; eine einzelne, vollständig belegte Ursache ergibt sich daraus jedoch nicht automatisch. Für einen fairen Blick muss deshalb getrennt werden zwischen überprüfbaren Zahlen, Herberts Interpretation dieser Zahlen und der künstlerischen Zuspitzung im Albumtitel.

🟨 WAS PRODUZENTEN AUS DEM PROJEKT MITNEHMEN KÖNNEN

Für Musikproduzenten ist das Album auch jenseits seiner Botschaft interessant, weil es Sampling nicht als Suche nach möglichst spektakulären Geräuschen behandelt. Herbert beginnt mit einer strengen Quellenregel und zwingt sich anschließend, aus einem sehr begrenzten Material Bass, Rhythmus, Textur und Dramaturgie zu entwickeln. Granulare Bearbeitung, Resampling und extreme Geschwindigkeitsänderungen dienen dabei nicht als Selbstzweck, sondern übersetzen die Eigenschaften des Ausgangsobjekts in eine musikalische Form. Der kreative Wert entsteht aus der Begrenzung und aus dem Wissen, warum genau dieser Klang verwendet wird.

Gleichzeitig zeigt das Projekt, wie schnell Kontext verloren gehen kann. Wer einen stark bearbeiteten Beat hört, erkennt nicht automatisch, dass seine Bestandteile aus Hygieneprodukten oder Lebensmittelspenden stammen. Deshalb braucht diese Musik Titel, Begleittexte, eine Website und eine Veröffentlichungsstrategie, die ihre Herkunft sichtbar halten. Ein politisches Sample wird erst dann politisch wirksam, wenn seine Geschichte nicht in der Effektkette verschwindet.