Sanremo 2027 verbietet KI in Wettbewerbssongs, erstmals menschliche Kreativität als Pflicht
Das 77. Festival schreibt in seinem Reglement: Künstliche Intelligenz darf den menschlichen Beitrag nicht ersetzen, verändern oder verfälschen
Text: WILD Redaktion ·

Das Sanremo-Festival setzt erstmals klare Grenzen für den Einsatz Künstlicher Intelligenz. In seinem Reglement für die 77. Ausgabe im Februar 2027 heißt es unmissverständlich: Die Wettbewerbssongs müssen Ausdruck menschlicher Kreativität sein. Auf Betreiben des italienischen Musikindustrieverbands FIMI wurde die Regelung verbindlich verankert.
Das Reglement des 77. Sanremo-Festivals, das vom 16. bis 20. Februar 2027 im Teatro Ariston stattfindet, enthält eine Premiere: Erstmals in der langen Geschichte des italienischen Musikwettbewerbs wird der Einsatz von Künstlicher Intelligenz explizit begrenzt.
Die Wettbewerbssongs müssen Ausdruck menschlicher Kreativität sein, heißt es in dem am 18. September 2026 auf der RAI-Website veröffentlichten Regelwerk.
Konkret untersagt das Reglement den Einsatz von KI-Systemen oder -Werkzeugen bei Idee, Komposition von Musik und Texten sowie Realisierung der Wettbewerbssongs, sofern dieser Einsatz die Ersetzung, Veränderung oder Verfälschung des menschlichen kreativen Beitrags mit sich bringt. Das Verbot ist damit nicht absolut formuliert, aber es setzt eine klare Grenze: Der menschliche Anteil an der Entstehung eines Songs muss deutlich überwiegen und darf durch KI nicht verzerrt werden.
Die 77. Ausgabe sieht 24 Künstlerinnen und Künstler in einer einzigen Kategorie namens Campioni vor. Die bisherige Kategorie Nuove Proposte mit eigener Wertung und eigenem Sieger ist entfallen.
Die Wettbewerbssongs müssen unveröffentlicht sein, in italienischer Sprache vorliegen und dürfen eine Länge von höchstens drei Minuten und dreißig Sekunden nicht überschreiten. Künstlerische Vorschläge müssen bis zum 23. November 2026 eingereicht werden, das Cast der 24 Künstler darf ab dem 29. November 2026 bekanntgegeben werden.
Das Reglement wurde am 21. September 2026 in einer Pressekonferenz unter Beteiligung der RAI-Führung und von Stefano De Martino, dem künstlerischen Leiter des Festivals, vorgestellt.
🟨 WARUM DIE FIMI DAS THEMA AUF DIE AGENDA SETZTE
Die Initiative für die KI-Beschränkungen kam nicht aus dem Nichts. Sie geht auf die Federazione Industria Musicale Italiana zurück, den italienischen Musikindustrieverband, dessen CEO Enzo Mazza die Entscheidung der RAI ausdrücklich begrüßte. In einem Interview mit DDay.it im August 2026 hatte Mazza bereits den Kern seiner Position formuliert: Nicht die völlige Abwesenheit generativer Werkzeuge sei der entscheidende Punkt, sondern die Vorherrschaft des menschlichen kreativen Beitrags.
Nach der Veröffentlichung des Reglements bekräftigte er diese Haltung und erklärte, generative KI werde zweifellos Teil des Sektors sein, müsse aber transparent genutzt werden, ohne die menschliche Kreativität zu ersetzen, die in einem Lieder- und Textwettbewerb zentral bleiben müsse.
Der AGCOM-Kommissar Massimiliano Capitanio unterstützte die Regelung und bezeichnete die neuen KI-Regeln als Signal zum Schutz von Kreativität und Originalität der italienischen Musik. Die Debatte wird auch international geführt. Die Korea Music Copyright Association, kurz KOMCA, hat ihre im August 2026 geöffnete Registrierung KI-unterstützter Werke wenige Wochen später bereits wieder zurückgenommen und ist zu einer Null-Toleranz-Politik gegenüber KI zurückgekehrt.
In Australien wiederum gelten für Aufnahmen, die mit generativer KI entwickelt wurden, seit einiger Zeit Kriterien für die Aufnahme in die ARIA-Charts, die jenen in Italien ähneln: ein autorisierter und rechtmäßiger KI-Dienst, eine substanziell menschliche Erstellung und keine Manipulation von Streams oder Charts. Ob die italienischen FIMI/NIQ-Chartkriterien zum aktuellen Prüfzeitpunkt bereits vollständig in Kraft sind und welche Übergangsfristen gelten, ist dabei nicht abschließend geklärt.
🟨 INTELLIGENZA ARTIGIANALE: DE MARTINOS VISION UND DIE FRAGE DER DURCHSETZBARKEIT
Stefano De Martino, künstlerischer Leiter von Sanremo 2027, hat für seine Vision einen Begriff geprägt, der zum Motto des Festivals geworden ist: intelligenza artigianale. In einer Zeit, in der alle schnell etwas Künstliches herstellen könnten, sei die handwerkliche Arbeit, also die Zeit, die jemand für das Erlernen eines Instruments, des Singens oder des Schreibens aufgewendet habe, der eigentliche Mehrwert eines Werks, erklärte er in einem Interview mit Vanity Fair.
Das klingt nach einer klaren Haltung, doch bei der Frage, wie sich diese Haltung praktisch durchsetzen soll, werden die Konturen unscharf.
Das Reglement räumt RAI und Stefano De Martino das Recht ein, bei Bedarf jedes verfügbare technologische Mittel einzusetzen, um einen möglichen KI-Einsatz bei Idee, Komposition und Realisierung der Wettbewerbssongs zu prüfen und zu bewerten. Auf die direkte Frage, wie KI im Wettbewerb konkret aufgespürt werden solle, verwies De Martino auf den Einsatz aller verfügbaren Software-Programme und Fachleute.
Welche konkreten Instrumente dabei zum Einsatz kommen sollen, welche Fachleute eingebunden werden und ob diese bereits benannt oder ausgewählt sind, bleibt zum aktuellen Prüfzeitpunkt unbekannt. Ein eigenes Anfechtungsverfahren für den Verdacht auf KI-Einsatz sieht das Reglement ebenso wenig vor wie beim Kriterium der Neuheit der Songs.
Unklar ist auch, welche Konsequenzen ein nachgewiesener Verstoß nach sich ziehen würde. Das Reglement formuliert ein Verbot, benennt aber keine Sanktionen für den Fall, dass es gebrochen wird. Die Durchsetzung bleibt damit ein offener Punkt, und es ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht absehbar, wie die künstlerische Leitung und die RAI-Verantwortlichen diese Lücke schließen wollen.
🟨 DIE SERATA PERFORMANCE UND DER NEUE WEG NACH EUROVISION
Mit dem Reglement 2027 führt Sanremo eine Neuerung ein, die auf den ersten Blick unabhängig von der KI-Debatte erscheint, bei genauerem Hinsehen aber durchaus damit zusammenhängt: die sogenannte Serata Performance. Sie findet am Freitag, den 19. Februar 2027, statt und bietet den 24 Künstlern die Gelegenheit, ihren Wettbewerbssong in neuem Arrangement, mit anderer Darbietungsform oder verändertem Bühnenbild ein zweites Mal aufzuführen.
Das Ergebnis dieser Aufführung entscheidet darüber, wer Italien beim Eurovision Song Contest 2027 vertritt, der für Mai angesetzt ist. Erstmals in der Geschichte des Festivals geht der Eurovision-Platz damit nicht automatisch an den Gesamtsieger von Sanremo.
Bei der Serata Performance stimmen zwei Jurys mit je fünfzig Prozent Gewicht ab: die Giuria Popolare, die Televoto und Online-Voting umfasst, sowie eine neue Internationale Expertenjury. Das kombinierte Ergebnis zählt nicht zur Gesamtwertung des Festivals.
Neu ist auch das Online-Voting: Über die RaiPlay-App können Zuschauer kostenlos abstimmen, wobei ein Nutzer maximal drei Stimmen abgeben kann. Die App hat nach Angaben des Projektleiters Claudio Fasulo 23 Millionen registrierte Nutzer. Wie das Online-Voting dabei prozentual zum klassischen Televoto gewichtet wird, war zum Prüfzeitpunkt noch nicht abschließend festgelegt.
Die Einführung der Serata Performance könnte als Versuch gelesen werden, die Live-Performance als das eigentliche Unterscheidungsmerkmal menschlicher Kunst hervorzuheben: nicht der fertige Song zählt, sondern die Interpretation, die Bühnenpräsenz, die Darbietung, die sich nicht so ohne Weiteres von einer Maschine simulieren lässt.
🟨 KI-AVATARE UND DIE PARALLELE REALITÄT: NEURO-SAMA UND EVIL NEURO IN LOS ANGELES
Während in Italien über die Grenzen von KI in der Musik diskutiert wird, passiert anderorts bereits, was das Sanremo-Reglement zu verhindern sucht. Die KI-Avatare Neuro-sama und Evil Neuro, die plattformübergreifend auf rund drei Millionen Follower kommen, haben ein Konzert im The Vermont Hollywood in Los Angeles angekündigt. Der Auftritt ist für den 19. Dezember 2026 vorgesehen, also rund zwei Monate vor dem Sanremo-Festival und mehrere Monate vor dem Eurovision Song Contest 2027.
Das Konzert war zum Zeitpunkt der Berichterstattung bereits ausverkauft. Fans hatten innerhalb von etwa einem Tag über tausend Tickets erworben.
Die Veranstaltung folgt damit einem Muster, das in der Musikbranche zunehmend Aufmerksamkeit findet: virtuelle Acts, die auf Basis von Künstlicher Intelligenz entwickelt wurden und als eigenständige Künstler auftreten, mit Fanbasen, die durchaus real und engagiert sind. Ob Neuro-sama und Evil Neuro beim Konzert tatsächlich in physischer Form auftreten oder als digitale Projektion, war zum aktuellen Prüfzeitpunkt nicht bekannt.
Die Grenze zwischen technischer Demonstration und echtem Konzerterlebnis verschwimmt hier auf eine Weise, die das Sanremo-Reglement in seiner Wirkung vorwegnimmt und gleichzeitig in Frage stellt.
Wenn KI-Avatare in Los Angeles binnen eines Tages tausend Tickets verkaufen, während ein italienisches Festival versucht, KI aus seinen Wettbewerbssongs herauszuhalten, zeigt das, wie unterschiedlich schnell verschiedene Teile der Musikwelt auf denselben technologischen Wandel reagieren.
🟨 DER INTERNATIONALE KONTEXT: REGULIERUNG TRIFFT AUF MARKTDYNAMIK
Die Sanremo-Regelung steht nicht isoliert. Sie ist Teil einer internationalen Debatte, in der Regulierungsbehörden, Musikindustrieverbände und Plattformen jeweils eigene Antworten auf die Frage suchen, wie viel KI die Musik verträgt. Die KOMCA-Entscheidung in Südkorea ist dabei ein besonders deutliches Beispiel für einen schnellen Schwenk: Nachdem die Registrierung KI-unterstützter Werke im August 2026 zunächst geöffnet worden war, wurde dieser Weg wenige Wochen später wieder geschlossen.
Die Rückkehr zur Null-Toleranz-Politik signalisiert, dass selbst in einem Markt, der technologisch als besonders aufgeschlossen gilt, die Bedenken gegenüber einer vollständigen Öffnung überwiegen.
In Italien selbst definieren die FIMI/NIQ-Chartkriterien bereits seit einiger Zeit Rahmenbedingungen für die Streaming-Distribution: Aufnahmen, die mit generativer KI entwickelt wurden, müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllen, um in die offiziellen Charts aufgenommen zu werden. Diese Kriterien betreffen die Nutzung autorisierter und rechtmäßiger KI-Dienste, die substanziell menschliche Erstellung des Werks und das Verbot der Manipulation von Streams oder Charts.
Ob diese Kriterien zum aktuellen Prüfzeitpunkt bereits vollständig in Kraft sind, ist jedoch nicht abschließend geklärt. Es bleibt eine Grauzone, die auch das Sanremo-Reglement nicht auflöst.
Die Regulierung bewegt sich insgesamt auf einem Terrain, das sich rasant verändert. Technologische Werkzeuge zur KI-Erkennung werden entwickelt, doch ihre Zuverlässigkeit ist umstritten. Die kreative Nutzung von KI-Anwendungen durch Musiker ist vielfältig und reicht von der Arrangement-Unterstützung bis zur Stimmgenerierung.
Wo genau die Grenze zwischen erlaubter Werkzeugnutzung und dem verbotenen Ersatz menschlicher Kreativität verläuft, wird in den kommenden Monaten und Jahren auszuloten sein. Das Sanremo-Reglement setzt ein Zeichen, aber es hinterlässt auch offene Fragen, die größer sind als das Festival selbst.
🟨 WAS BLEIBT: OFFENE FRAGEN UND EIN DEUTLICHES ZEICHEN
Das Sanremo-Festival 2027 hat mit seinem Reglement eine Position bezogen, die in dieser Deutlichkeit neu ist. Ein großer Musikwettbewerb, bei dem der Gewinner der Serata Performance Italien beim Eurovision Song Contest vertritt, schreibt erstmals verbindlich fest, dass der menschliche kreative Beitrag nicht durch KI ersetzt, verändert oder verfälscht werden darf.
Die Initiative kam von der italienischen Musikindustrie über die FIMI, die künstlerische Leitung hat sie übernommen und in ein Festival-Reglement gegossen. Doch die praktische Umsetzung bleibt ungeklärt.
Weder das Reglement selbst noch die Pressekonferenz vom 21. September 2026 benennen konkrete Erkennungsinstrumente, ein Anfechtungsverfahren oder Sanktionen. Stefano De Martino verwies auf den Einsatz aller verfügbaren Software-Programme und Fachleute, ohne Details zu nennen. Es ist eine ehrliche Antwort, aber keine ausreichende.
Die internationale Entwicklung zeigt gleichzeitig, dass der Markt nicht auf dieselbe Bremse tritt. KI-Avatare füllen Veranstaltungsorte, Musikindustrieverbände in verschiedenen Ländern handeln unterschiedliche Policies aus, und die technologischen Werkzeuge entwickeln sich in einem Tempo, das regulatorischen Entscheidungen davonziehen kann.
Was das Sanremo-Reglement dennoch leistet, ist eine klare Ansage: Menschliche Kreativität ist in einem Liederwettbewerb nicht verhandelbar. Das ist ein Statement, das über Italien hinaus wirkt, auch wenn die Frage, wie es durchgesetzt werden soll, vorerst offen bleibt.