Das Orchester wird berechnet: Instrument X will die klassische Sample-Library neu denken
Dreamtonics setzt bei virtuellen Orchesterinstrumenten auf Neural Acoustic Modeling und will damit eine Alternative zu klassischen riesigen Sample-Libraries schaffen.
Text: WILD Redaktion ·

Instrument X spielt akustische Instrumente nicht einfach aus umfangreichen Sample-Bibliotheken ab. Stattdessen berechnet das System auf Grundlage realer Musikeraufnahmen, wie Streicher, Bläser und Saxophone eine vom Nutzer geschriebene Passage interpretieren könnten. Die Komposition bleibt dabei vollständig beim Musiker. Die KI übernimmt nicht das Songwriting, sondern sitzt dort, wo Ausdruck, Artikulation, Dynamik und Performance entstehen.
Dreamtonics bringt mit Instrument X ein neues virtuelles Instrumentensystem auf den Markt, das Streicher, Holzbläser, Blechbläser und Saxophone nicht einfach aus riesigen Sample-Bibliotheken abspielt. Stattdessen arbeitet die Software mit sogenanntem Neural Acoustic Modeling und berechnet daraus eine spielbare Instrumentenperformance.
Das klingt zunächst nach dem nächsten großen KI-Versprechen. Interessant wird Instrument X aber gerade deshalb, weil es nicht selbst komponiert. Die Noten, Harmonien und Arrangements stammen weiterhin vom Musiker. Die KI sitzt an einer anderen Stelle: Sie versucht zu berechnen, wie ein reales Instrument diese vorgegebenen Noten tatsächlich spielen könnte.
🟨 KEINE KI, DIE DIR DEN SONG SCHREIBT
Dreamtonics kennt man vor allem durch Synthesizer V. Mit Instrument X überträgt das Unternehmen nun einen Teil dieses Ansatzes auf akustische Instrumente. Eine eingegebene Note soll nicht lediglich eine vorhandene Aufnahme starten, wie es bei einer traditionellen Sample-Library üblich ist.
Instrument X modelliert unter anderem Legato-Übergänge, Dynamik, Vibrato, Klangfarbe, Atemverläufe und verschiedene Artikulationen. Bei Streichern können beispielsweise unterschiedliche Spieltechniken kombiniert werden, bei Blechbläsern unterstützt das System auch verschiedene Dämpfer.
Wichtig ist die Abgrenzung: Instrument X ist kein Text-to-Music-System wie Suno. Dreamtonics erklärt ausdrücklich, dass die Software keine Musik komponiert oder eigenständig neue Melodien erzeugt. Der Nutzer schreibt weiterhin jede Note selbst.
🟨 WARUM DAS TECHNISCH SPANNEND IST
Klassische hochwertige Orchester-Libraries bestehen teilweise aus enormen Mengen aufgenommener Samples. Ein Musiker spielt einzelne Noten in unterschiedlichen Lautstärken, Artikulationen und Varianten ein. Diese Aufnahmen werden später durch MIDI-Noten und sogenannte Keyswitches abgerufen.
Das funktioniert seit Jahren sehr gut, bringt aber Nachteile mit sich. Große Libraries benötigen viel Speicherplatz, verschiedene Artikulationen müssen verwaltet werden und nicht jeder Übergang zwischen zwei aufgenommenen Samples klingt automatisch wie eine zusammenhängende echte Performance.
Instrument X versucht genau an diesem Punkt einen anderen Weg. Dreamtonics hat reale Session-Musiker aufgenommen und trainiert daraus Modelle, die anschließend nicht nur einzelne Aufnahmen abrufen, sondern den Klang und das Verhalten des Instruments berechnen sollen.
Dabei wurden laut Dreamtonics pro Aufnahmesession zwischen acht und elf Mikrofonpositionen verwendet. Das Unternehmen kombiniert die aufgenommenen Musiker zusätzlich mit einem Modell der räumlichen Akustik. Der Nutzer kann deshalb später unter anderem Spot-Mikrofone, Decca-Tree-Konfigurationen und Raumanteile innerhalb der Software mischen.
🟨 15 INSTRUMENTE ZUM START
Zum Start stehen 15 Instrument Expansions bereit. Enthalten sind Violine, Viola, Cello, Kontrabass, Piccolo, Flöte, Oboe, Klarinette, Fagott, Horn, Trompete, Posaune und Tuba. Dazu kommen Jazz-Altsaxophon und Jazz-Tenorsaxophon.
Damit deckt Instrument X bereits einen großen Teil eines klassischen Orchesters ab, vollständig ist die Besetzung allerdings noch nicht. Weitere Instrumente wären für ein wirklich umfassendes virtuelles Orchester langfristig notwendig.
Interessant ist der Speicherbedarf. Dreamtonics nennt lediglich rund 160 MB pro Instrument Expansion. Gerade im Vergleich zu umfangreichen traditionellen Orchester-Libraries ist das bemerkenswert wenig.
🟨 EINE PERFORMANCE LÄSST SICH NACH DEM EINSPIELEN VERÄNDERN
Besonders spannend wird Instrument X bei der Bearbeitung. Dynamik und Ausdruck lassen sich nachträglich verändern. Artikulationen wie Legato, Staccato oder Tenuto können im Editor gesteuert und teilweise miteinander kombiniert werden.
Dazu kommt die Funktion AI Performance Retakes. Sie verändert nicht die Komposition, sondern erzeugt alternative Interpretationen einer bereits geschriebenen Passage. Dabei können beispielsweise leichte Veränderungen bei Timing, Tonhöhe, Vibrato, Klangfarbe oder Intensität entstehen.
Der Unterschied ist wichtig: Instrument X schreibt dadurch keine neue Melodie. Vereinfacht gesagt bekommt derselbe virtuelle Musiker die gleiche Passage noch einmal und interpretiert sie etwas anders.
Für Produzenten könnte genau das interessant werden. Statt mehrere MIDI-Versionen manuell anzulegen, kann eine vorhandene Passage unterschiedlich interpretiert und anschließend die passendste Version ausgewählt werden.
🟨 AUCH KOMPLEXE AKKORDE AUF EINER SPUR
Ein weiterer Punkt ist die Polyphonie. Überlappende Noten werden innerhalb einer Spur als getrennte Stimmen berechnet. Dadurch sollen sich Akkorde, kontrapunktische Linien und komplexere Arrangements erstellen lassen, ohne für jede einzelne Stimme sofort eine weitere Instanz des Instruments laden zu müssen.
Noten können direkt eingegeben, über MIDI eingespielt oder importiert werden. Auch MusicXML wird unterstützt. Damit lassen sich Partituren aus Notationsprogrammen übernehmen, sofern diese MusicXML exportieren können.
Instrument X steht außerdem als Standalone-Version sowie in den Plugin-Formaten VST3, AU und AAX zur Verfügung und lässt sich damit in viele gängige Produktionsumgebungen integrieren.
🟨 DIE KI LÄUFT AUF DEM EIGENEN RECHNER
Für WILD LAB ist ein Punkt besonders interessant: Die eigentliche Klangerzeugung läuft lokal. Es wird keine Cloud benötigt und laut Dreamtonics ist auch keine dedizierte GPU notwendig.
Als Mindestanforderungen nennt das Unternehmen Windows 11 oder macOS 11 und neuer. Auf dem Mac wird Apple Silicon ab M1 unterstützt. Bei Windows nennt Dreamtonics mindestens einen Intel Core i3-8100 oder AMD Ryzen 5 1600. Dazu kommen mindestens 8 GB Arbeitsspeicher.
Für die Aktivierung wird zunächst eine Internetverbindung benötigt. Anschließend lässt sich eine Offline-Lizenz aktivieren. Instrument X kann allerdings jeweils nur auf einem Gerät gleichzeitig verwendet werden.
🟨 WAS KOSTET DAS NEUE ORCHESTER?
Der Instrument-X-Editor selbst ist beim Kauf einer Instrument Expansion enthalten. Ein einzelnes Instrument kostet derzeit 99 US-Dollar.
Das Paket Orchestral Essentials enthält acht Instrumente und kostet 349 US-Dollar. Die Complete Collection mit allen 15 derzeit verfügbaren Instrumenten liegt bei 649 US-Dollar.
Daneben bietet Dreamtonics kleinere Pakete an. Die String Collection kostet 249 US-Dollar, Woodwinds 279 US-Dollar und Brass 249 US-Dollar. Außerdem können Instrumente über Pick-&-Mix-Angebote kombiniert werden.
Wer das System zunächst ausprobieren möchte, kann eine 14-tägige Testversion verwenden. Die aktuelle Produktseite nennt ebenfalls 14-tägige Trials für die einzelnen Instrument Expansions. In der Testversion gelten Einschränkungen, darunter ein Limit von 150 Noten pro Gruppe und kein Audio-Bouncing.
🟨 DIE SAMPLE-LIBRARY IST NOCH NICHT TOT
So spannend das Konzept klingt, wäre es viel zu früh, Instrument X bereits zum Todesstoß für klassische Sample-Libraries zu erklären.
Eine aufwendig produzierte Orchester-Library bietet teilweise zahlreiche Ensembles, Solisten, Artikulationen, Mikrofonpositionen und besondere Spieltechniken, die über Jahre entwickelt wurden. Instrument X startet dagegen mit 15 einzelnen Instrumenten. Außerdem entscheidet sich die Qualität eines solchen Systems nicht auf dem Datenblatt, sondern letztlich daran, wie glaubwürdig ein Arrangement im fertigen Mix klingt.
WILD hat Instrument X bislang nicht selbst getestet. Aussagen über Klangqualität, Bedienbarkeit oder darüber, ob die berechneten Übergänge einer hochwertigen Sample-Library tatsächlich überlegen sind, wären deshalb momentan verfrüht.
Technisch ist der Ansatz trotzdem bemerkenswert. Besonders die Kombination aus geringem Speicherbedarf, lokaler Berechnung, detaillierter Performance-Steuerung und vollständig selbst geschriebenen Noten unterscheidet Instrument X deutlich von vielen aktuellen KI-Musiksystemen.