WILD

WILD Special

Unit1 Studio sichert sich 20 Millionen Dollar: Die Zukunft der Avatar-Konzerte wird mobil

Das Londoner Unternehmen hat bewiesen, dass eine Avatar-Show in vier Tagen umziehen kann, und will damit das teure Fixed-Venue-Modell von ABBA Voyage und KISS brechen.

Text: WILD Redaktion ·

Unit1 Studio sichert sich 20 Millionen Dollar: Die Zukunft der Avatar-Konzerte wird mobil

Unit1 Studio hat eine Finanzierung abgeschlossen, die dem Londoner Unternehmen umgerechnet etwa 20 bis 27 Millionen US-Dollar zuführt. Das zentrale Argument: eine Technologie, die Avatar-Konzerte transportfähig macht. Bisher waren solche Shows an fest gebaute Spielstätten gebunden, etwa ABBA Voyage in einer eigens konstruierten Arena in Ost-London oder die geplante KISS-Show in Las Vegas mit geschätzten 200 Millionen Dollar Projektkosten. Unit1 hat nun gezeigt, dass eine komplette Produktion in vier Tagen umziehen kann.

Das Londoner Unternehmen Unit1 Studio wurde 2025 von Barney Wragg gegründet, der zuvor die Really Useful Group von Andrew Lloyd Webber leitete und danach digitale Leitungspositionen bei AEG, EMI und Universal Music Group innehatte. Im Oktober 2025 startete Unit1 offiziell mit dem Ziel, das Geschäft mit Avatar-Konzerten auf eine neue wirtschaftliche Grundlage zu stellen.

Der Ansatz unterscheidet sich grundlegend von den bisherigen Referenzprojekten der Branche. ABBA Voyage läuft in einer eigens gebauten Arena in Ost-London, und Bloomberg vermeldete 2023 eine Auslastung von 99 Prozent sowie Einnahmen von mehr als zwei Millionen Dollar pro Woche.

Die geplante KISS-Avatar-Show in Las Vegas ist mit geschätzten 200 Millionen Dollar Projektkosten und einem Eröffnungsziel 2028 geplant. Unit1 will dieses Fixed-Venue-Modell aufbrechen.

🟨 WAS IST UNIT1 STUDIO UND WOZU DIE FINANZIERUNG

Am 21. September 2026 kündigte Unit1 Studio eine Finanzierung an, die aus einer überzeichneten Eigenkapitalrunde unter Führung von Balderton Capital plus Produktionsfinanzierung für Shows in Entwicklung besteht. Die genaue Höhe ist allerdings nicht eindeutig geklärt.

Mehrere Quellen nennen 20 Millionen US-Dollar, andere berichten von 20 Millionen britischen Pfund, was zum damaligen Kurs etwa 26,7 Millionen US-Dollar entspricht. Die Aufteilung zwischen Eigenkapital und Produktionsfinanzierung hat Unit1 nicht offengelegt.

An der Runde beteiligten sich die bestehenden Investoren Mercuri, Gilston Music und der Künstler-Manager Paul McGuinness. Balderton Capital führt die Runde an, ein Venture-Capital-Unternehmen mit längerer Geschichte im Musikbereich. 2008 investierte Balderton erstmals in Kobalt Music Group, und im Februar 2026 führte die Firma eine Seed-Runde über sechs Millionen Dollar bei Mozart AI an, an der auch Mercuri beteiligt war.

Barney Wragg sagte, ABBA Voyage habe bewiesen, dass das Publikum Avatar-Konzerte liebe, aber Entwicklungs- und Verlegungskosten hätten das Potenzial des Formats verhindert. Daniel Waterhouse, General Partner bei Balderton, formulierte es ähnlich und sprach von einem strukturellen Problem, das allen bekannt gewesen sei, aber niemand gelöst habe. Die Finanzierung soll Unit1 nun in die Lage versetzen, die entwickelte Technologie industrietauglich zu skalieren.

Der Guardian berichtete am 20. September 2026 über eine Summe von 20 Millionen US-Dollar, während Digital Music News von 20 Millionen britischen Pfund und umgerechnet 26,7 Millionen US-Dollar schreibt.

🟨 DER NACHWEIS: DIE KT-TUNSTALL-SHOW IN VIER TAGEN VERLEGT

Den konkreten Beleg für die portierbare Produktion lieferte Unit1 mit der eigenen Pilotshow. Die KT-Tunstall-Avatar-Produktion des Unternehmens war zunächst im Demo-Raum des LED-Verarbeitungsspezialisten Brompton Technology in West-London installiert. Laut Seedtable lief die Demonstration ab Ende 2025 am Teststandort von Brompton Technology in Gunnersbury. Music Ally zufolge war sie später in den früheren Büros in Hammersmith installiert, bevor sie ins Tileyard London verlegt wurde.

Der entscheidende Schritt folgte dann im Rahmen der Finanzierungsankündigung: Unit1 verlegte die komplette Show inklusive der notwendigen Screens in ein eigens gebautes Studio im Tileyard London in King's Cross. Die Verlegung dauerte vier Tage, einschließlich der Neukalibrierung der Show für den neuen Raum. Unit1 bezeichnete dies als Weltneuheit.

Für die Aufnahme der Show wurde KT Tunstall in einem Londoner Studio von Motion-Capture-Kameras gefilmt. Dabei stellte sie einen Auftritt nach, der rund zwei Jahrzehnte zurückliegt, ein Segment bei Later with Jools Holland. Der Avatar aktualisierte ihre aktuellen Gesichtszüge, während die Darbietung digital erfasst wurde. Dieser Prozess zeigt, wie Unit1 eine bestehende Performance als Grundlage für ein neues digitales Format nutzt.

Die Frage, welche Künstler und Shows konkret als nächstes in der Pipeline sind, hat Unit1 nicht beantwortet. Das Unternehmen will Künstler laut Seedtable erst beim Ticketverkauf bestätigen. Eine eigene Produktion von Unit1 befand sich bis zum Prüfzeitpunkt noch nicht im öffentlichen Vorverkauf.

🟨 PORTABILITÄT GEGENÜBER FIXEN SPIELSTÄTTEN: DER UNTERSCHIED ZU ABBA VOYAGE UND KISS

ABBA Voyage läuft in einer eigens dafür gebauten Arena in Ost-London. Pophouse Entertainment, co-gegründet von ABBA-Mitglied Björn Ulvaeus, ist Hauptinvestor und hat das Format industrialisiert. Im März 2025 schloss Pophouse einen ersten Fonds von mehr als 1,2 Milliarden Euro und erwarb im Juli 2026 eine Beteiligung an Iron Maidens Katalog- und Namensrechten.

Die wirtschaftlichen Zahlen von ABBA Voyage sind beeindruckend: Bloomberg berichtete von 99 Prozent Auslastung und mehr als zwei Millionen Dollar wöchentlichen Einnahmen. Das Format funktioniert jedoch nur an diesem einen Standort.

Die geplante KISS-Avatar-Show soll 2028 in Las Vegas eröffnen, verschoben von einem ursprünglichen Ziel 2027. Das Projekt benötigt eine eigens gebaute Spielstätte, ein konkreter Standort wurde nicht bekannt gegeben. Die Kosten wurden mit etwa 200 Millionen Dollar angegeben, während der Pophouse-Deal für das KISS-Projekt mit mehr als 300 Millionen Dollar bewertet wurde.

Beide Produktionen teilen ein gemeinsames Merkmal: Sie erfordern eine massive Investition in eine feste Spielstätte, die nur an einem Ort bespielt werden kann. Das Wirtschaftsmodell funktioniert nur bei ausreichend hoher Auslastung über einen längeren Zeitraum.

Unit1 will dieses Modell durchbrechen. Laut Guardian zielt das Unternehmen darauf, eine kostengünstigere Variante der ABBA-Voyage-Erfahrung anzubieten, ohne dass ein dedizierter Raum nötig ist. Eine Show könnte demnach theoretisch gleichzeitig in mehreren Ländern touren, indem die Produktion an verschiedenen Standorten aufgebaut und wieder abgebaut wird.

Ob und wie das in der Praxis funktioniert, wenn eine Show in Spielstätten wandert, die nicht dafür gebaut wurden, ist bislang nicht erprobt. Keine Unit1-Produktion befand sich zum Prüfzeitpunkt im Verkauf, geschweige denn auf Tour.

🟨 NEUE LEUTE, NEUE PERSPEKTIVEN: TEAM UND BOARD

Unit1 hat das Team erweitert. Greg Meeres Young gehört zum Unternehmen und bringt Erfahrung aus der Filmindustrie mit: Seine Credits umfassen Planet of the Apes und The Lord of the Rings, beides Produktionen mit umfangreicher digitaler Charakterarbeit. Sefki Ibrahim stößt ebenfalls zum Team und war an ABBA Voyage beteiligt.

Beide sollen die visuelle Qualität der Unit1-Avatare auf das Niveau heben, das Kino- und Showproduktionen erwarten.

Als nicht-exekutiver Direktor wurde John Kennedy berufen, ehemaliger Chairman und CEO von Universal Music UK sowie der IFPI. Laut Music Business Worldwide saß Kennedy bereits im Board, als Unit1 im Oktober 2025 startete. Er ist damit kein Neuzugang durch die aktuelle Runde, sondern verstärkt das Unternehmen seit seiner Gründung.

Seine Industrieerfahrung auf höchster Ebene soll strategische Glaubwürdigkeit verleihen und Kontakte in die Major-Label-Welt erschließen. Zusammen mit dem bestehenden Investor Paul McGuinness, langjähriger Manager von U2, verfügt Unit1 über ein Netzwerk, das den Zugang zu etablierten Künstlern erleichtern könnte.

🟨 WAS TATSÄCHLICH PASSIERT: AVATARE AUF LED-SCREENS MIT LIVE-MUSIKERN

Technisch setzt Unit1 auf ein Hybridmodell. Die Shows sollen mit echten Musikern arbeiten, die auf der Bühne Live-Instrumente spielen, während das Publikum einen hochauflösenden LED-Screen sieht, auf dem der digitale Avatar des Künstlers zu sehen ist. Das unterscheidet das Konzept von reinen Playback-Formaten und soll die Authentizität des Live-Erlebnisses erhalten.

Die digitalen Avatare werden per Motion Capture erstellt, wie der Pilotversuch mit KT Tunstall zeigte.

Der erste Demo-Standort war in den Räumen von Brompton Technology eingerichtet, einem Spezialisten für LED-Verarbeitung. Die Kalibrierung für verschiedene Räume gehört zum Kern der Unit1-Entwicklung. Die vier Tage für den Umzug der KT-Tunstall-Show inklusive Neuanpassung deuten darauf hin, dass der Prozess zwar möglich, aber noch nicht vollautomatisiert ist.

Wie schnell und zuverlässig die Technologie in größerem Maßstab funktioniert, muss sich in kommerziellen Produktionen zeigen.

🟨 OFFENE FRAGEN: PREISE, KÜNSTLER, TOURING

Trotz der Finanzierungsankündigung bleiben wesentliche Fragen offen. Welche Künstler und Shows konkret in der Unit1-Pipeline sind, hat das Unternehmen nicht benannt. Die Strategie, Künstler erst beim Ticketverkauf zu bestätigen, erschwert die Einschätzung, wie groß und relevant das tatsächliche Interesse aus der Künstlerwelt ist.

Ob die bisherige KT-Tunstall-Demonstration als Blaupause für kommerziell erfolgreiche Produktionen taugt, ist nicht belegt.

Auch die wirtschaftlichen Rahmendaten bleiben unklar. Die Finanzierungssumme selbst ist je nach Währungsangabe mit 20 Millionen Dollar oder umgerechnet etwa 26,7 Millionen Dollar angegeben. Die Aufteilung zwischen Eigenkapital und Produktionsfinanzierung hat Unit1 nicht offengelegt, sodass unklar bleibt, wie viel tatsächlich in die Technologieentwicklung fließt und wie viel bereits für laufende Shows reserviert ist.

Unbeantwortet bleibt auch, wie eine tourende Avatar-Produktion funktionieren soll, wenn sie in Spielstätten auftritt, die nicht für das Format gebaut wurden, etwa normale Konzerthallen oder Arenaformate mit normaler Bühnentechnik.

Die Frage, ob sich das Publikum für eine Avatar-Show ohne den Originalkünstler auf der Bühne begeistert, wenn keine Knappheitssituation wie bei ABBA Voyage entsteht, ist ebenfalls nicht geklärt. ABBA Voyage profitiert davon, dass die originalen Bandmitglieder nicht mehr auf Tournee gehen können, ein Faktor, der bei aktiven Künstlern wegfällt.

Unit1 will echte Musiker als Teil der Show einsetzen, was einen Unterschied macht, aber ob das ausreicht, um ein zweites Standbein neben dem klassischen Live-Konzert zu etablieren, ist derzeit nicht abzusehen.

🟨 WER HINTER UNIT1 STEHT UND WAS DAS FÜR DIE STRATEGIE HEISST

Balderton Capital ist kein kleiner VC-Nischenspieler, sondern ein etablierter Investor mit Büro in London und Fokus auf europäische Technologieunternehmen. Die Entscheidung, eine Führungsrolle in dieser Runde zu übernehmen, signalisiert, dass Balderton das Avatar-Konzertformat als skalierbares Geschäftsmodell sieht, nicht nur als Nischen-Technologie für Superstars.

Daniel Waterhouse sprach von einem strukturellen Problem, das alle kannten, aber niemand gelöst hatte. Diese Einschätzung deckt sich mit dem Unit1-Ansatz, die Produktionskosten durch Portabilität zu senken und damit das Format für eine breitere Künstlerbasis zugänglich zu machen.

Barney Wragg leitete Andrew Lloyd Webbers Unternehmensgruppe fünf Jahre lang ab Ende 2011 und hatte danach digitale Rollen bei drei Major-Labels. Er kennt also sowohl die Unterhaltungsindustrie als auch die Musikbranche mit ihren Streaming- und Digitalgeschäften.

Das mag erklären, warum Unit1 nicht nur eine technische Lösung entwickelt, sondern das wirtschaftliche Modell neu denkt, weg von der festen Arena, hin zur transportablen Produktion.

🟨 PRAXISNUTZEN FÜR MUSIKER UND CREATOR

Für aktive Musiker könnte das Unit1-Modell relevant werden, wenn es funktioniert. Die Möglichkeit, eine Avatar-Show zu haben, die parallel zur regulären Tournee läuft, könnte ein zweites Einnahmenfeld eröffnen, besonders für Künstler, deren physische Bühnenfähigkeit irgendwann nachlässt oder die aus anderen Gründen nicht mehr so viel live auftreten können.

Für verstorbene Künstler gibt es bereits Konzepte wie die ABBA-Show. Unit1 richtet sich aber auch an aktive Künstler, wie die KT-Tunstall-Zusammenarbeit zeigt.

Für jüngere Acts, die noch nicht die Investitionssumme einer eigenen Avatar-Show stemmen können, könnte Unit1 interessant werden, wenn die Kosten sinken. Ob das Geschäftsmodell das erlaubt, ist offen. Die KISS-Show mit 200 Millionen Dollar Budget zeigt, dass das Format in seiner bisherigen Form nur für Top-Stars mit massivem Investoreninteresse realistisch ist. Wenn Unit1 den Preis für eine Produktion signifikant drücken kann, ohne die Qualität zu opfern, würde sich die Zielgruppe vergrößern.

Für Creator und Produzenten, die an der technischen Umsetzung arbeiten, eröffnet das Unternehmen potenziell einen neuen Markt: Die Entwicklung von Avatar-Shows erfordert Motion-Capture-Spezialisten, LED-Techniker, Softwareentwickler und Showprogrammierer. Mit Greg Meeres Young und Sefki Ibrahim hat Unit1 Fachleute aus der Film- und Showindustrie geholt.

Das deutet darauf hin, dass die Produktionen visuell in der Liga von Blockbuster-Filmen angesiedelt werden sollen.

Ob sich Avatar-Konzerte als eigenständiges Format dauerhaft etablieren oder ob sie eine Nische für ausgewählte Künstler bleiben, wird die kommende Zeit zeigen. Die Finanzierung gibt Unit1 die Mittel, den Beweis anzutreten. Bis die erste Show tatsächlich im Ticketverkauf läuft, bleibt vieles offen.