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STREAMING-BETRUG IM FOKUS: US-COPYRIGHT-OFFICE STARTET ÖFFENTLICHE ABFRAGE

Die Behörde sammelt Informationen zu manipulierten Abrufen und möglichen Gegenmaßnahmen. Generative KI kann solche Systeme vergrößern, ist als kreatives Werkzeug aber nicht mit Betrug gleichzusetzen.

Text: WILD Redaktion ·

STREAMING-BETRUG IM FOKUS: US-COPYRIGHT-OFFICE STARTET ÖFFENTLICHE ABFRAGE

Erfundene Hörer können Geld bewegen, das für tatsächlich gehörte Musik bestimmt ist. Das U.S. Copyright Office will genauer erfassen, wie Streaming-Manipulation funktioniert und welche Maßnahmen dagegen helfen. Ein aktuelles Strafurteil und Angaben von Deezer zeigen unterschiedliche Seiten des Problems.

🟨 WAS DIE BEHÖRDE JETZT SAMMELT

Das U.S. Copyright Office veröffentlichte am 7. Oktober 2026 eine Notice of Inquiry zu Music Streaming Fraud. Damit bittet die Behörde öffentlich um Informationen zu Betrugsmethoden, Auswirkungen auf die Musikbranche und möglichen Lösungen. Den Anstoß gab eine Anfrage des Kongressabgeordneten Scott Fitzgerald vom 21. Mai 2026. Die Abfrage soll zusammen mit eigener Recherche das Verständnis des Kongresses für das Problem verbessern.

Es handelt sich um eine Informationssammlung, nicht um eine neue Strafverfolgung gegen einzelne Musiker oder Plattformen. Die Behörde fragt nach freiwilligen Maßnahmen sowie möglichen gesetzlichen und regulatorischen Ansätzen. Welche Empfehlungen daraus entstehen, steht noch nicht fest. Neue Vorschriften zur Streaming-Vergütung sind mit der Veröffentlichung deshalb noch nicht beschlossen.

🟨 KI-MUSIK UND KÜNSTLICHE ABRUFE SIND ZWEI VERSCHIEDENE FRAGEN

Streaming-Betrug betrifft die Manipulation von Abrufen, etwa durch automatisierte Konten statt tatsächlicher Hörer. Ein KI-generierter Song kann von einem Menschen bewusst gehört werden, während auch eine vollständig menschliche Aufnahme künstlich hochgespielt werden kann. Die Herstellungsweise eines Titels allein beantwortet deshalb nicht, ob seine Streams legitim sind.

Generative KI kann allerdings helfen, für ein Betrugssystem sehr viele unterschiedliche Tracks bereitzustellen. Dadurch lassen sich manipulierte Abrufe auf einen größeren Katalog verteilen. Im Verfahren gegen Michael Smith beschrieb die Staatsanwaltschaft genau diesen Zusammenhang: Die große Songmenge sollte auffällige Abrufzahlen einzelner Titel vermeiden. Das Problem entstand durch die Verbindung mit dem organisierten Betrug, nicht allein durch die Nutzung eines Musikmodells.

🟨 WAS DEEZERS ZAHLEN TATSÄCHLICH AUSSAGEN

Deezer berichtete, dass 2025 je nach Monat bis zu 85 Prozent der Streams auf vollständig KI-generierten Tracks als betrügerisch erkannt wurden. Diese Angabe bezieht sich auf eine bestimmte Gruppe von Abrufen innerhalb der Plattform. Sie bedeutet weder, dass 85 Prozent aller Deezer-Streams manipuliert waren, noch dass derselbe Anteil sämtlicher KI-Songs betrügerisch ist. Die Zahlen stammen aus der Auswertung des Unternehmens und sind keine branchenweite Erhebung.

Eine zweite Kennzahl betrifft die Menge angelieferter Musik. In einer Mitteilung vom 21. Juli 2026 nannte Deezer für Juni durchschnittlich rund 90.000 vollständig KI-generierte Tracks pro Tag; an Spitzentagen überschritten sie die Hälfte der täglichen Neuanlieferungen. Gleichzeitig entfielen laut Unternehmen nur etwa ein bis drei Prozent der gesamten Streams auf vollständig KI-generierte Musik. Uploadmenge und tatsächliche Hörnutzung beschreiben somit unterschiedliche Dinge.

Für die finanzielle Einordnung ist wichtig, dass Deezer erkannte betrügerische Streams nach eigenen Angaben aus der Vergütung herausnimmt. Solche bereits ausgeschlossenen Abrufe dürfen deshalb nicht einfach als ausgezahlter Schaden dargestellt werden. Offen bleibt, wie viel Manipulation unerkannt bleibt und wie sich die Lage zwischen Plattformen unterscheidet.

🟨 DER FALL MICHAEL SMITH

Am 6. Oktober 2026 wurde Michael Smith vor einem US-Bundesgericht zu 18 Monaten Haft verurteilt. Er hatte sich bereits am 19. März der Verschwörung zum elektronisch vermittelten Betrug (conspiracy to commit wire fraud) schuldig bekannt. Zusätzlich ordnete das Gericht eine vermögensrechtliche Einziehung von 8.091.843,64 Dollar und zwei Jahre überwachte Freilassung nach der Haft an. Diese Einziehung ist nicht einfach mit einer Rückzahlung an einzelne geschädigte Künstler gleichzusetzen.

Laut Staatsanwaltschaft lief Smiths Betrug von 2017 bis 2024. Zeitweise setzte er bis zu 10.000 Bot-Konten gleichzeitig ein und ließ Hunderttausende KI-generierte Songs insgesamt Milliarden Mal abrufen. Die Behörde beziffert die so erschlichenen Tantiemen auf mehr als acht Millionen Dollar. Der Fall belegt die Dimension eines konkreten Systems, liefert aber keine Hochrechnung für den gesamten Streamingmarkt.

🟨 WARUM MANIPULATION DIE VERGÜTUNG VERZERRT

Bei einer anteiligen Verteilung von Streaming-Einnahmen beeinflussen die berücksichtigten Abrufe, wie viel an die jeweiligen Rechteinhaber fließt. Werden gefälschte Streams als gültig behandelt, können sie einen Anteil dieser Mittel zu betrügerischen Empfängern verschieben. Entscheidend ist deshalb, welche Abrufe überhaupt in die Abrechnung eingehen.

Die vereinfachte Vorstellung eines einzigen weltweiten Topfes mit einem festen Preis pro Stream greift dabei zu kurz. Die Notice of Inquiry beschreibt unterschiedliche Vergütungswege und diskutierte Verteilungsmodelle. Auch die Einnahmen aus Musikaufnahmen und die Erlöse aus musikalischen Werken müssen getrennt betrachtet werden. Ein pauschaler Dollarbetrag pro gefälschtem Abruf lässt sich aus den recherchierten Angaben nicht ableiten.

🟨 WAS DIE BRANCHE GEGEN BETRUG UNTERNIMMT

Die IFPI stellte am 14. September 2026 ihre Streaming Integrity Initiative vor. Sie fordert fünf grundlegende Maßnahmen von Distributoren: Identitäten und Rechte prüfen, Inhalte kontrollieren, verdächtige Aktivitäten untersuchen, rechtlich zulässige Informationen teilen und die Wirksamkeit der eigenen Systeme messen. Der Ansatz setzt damit an mehreren Stellen zwischen Musikanlieferung und Abrechnung an.

In der veröffentlichten Unterstützerliste stehen unter anderem CD Baby, FUGA, RouteNote und The Orchard. DistroKid, TuneCore, Believe und UnitedMasters werden dort nicht genannt. Das erlaubt eine Aussage über diese Liste, belegt aber nicht, dass die fehlenden Anbieter keine eigenen Maßnahmen gegen Streaming-Betrug einsetzen. Die Teilnahme an einer Initiative und die tatsächliche Wirksamkeit der Betrugsabwehr sind getrennt zu prüfen.

🟨 WIE MUSIKER IHRE PERSPEKTIVE EINBRINGEN KÖNNEN

Erste Stellungnahmen müssen bis zum 23. November 2026 um 23:59 Uhr Eastern Time eingehen. Erwiderungen auf eingereichte Stellungnahmen sind bis zum 21. Dezember 2026 zur selben Uhrzeit möglich. Hinweise zur Einreichung stellt das Copyright Office auf seiner Themenseite bereit, die elektronische Abgabe erfolgt über regulations.gov.

Für unabhängige Musiker sind neben den wirtschaftlichen Schäden auch nachvollziehbare Prüfverfahren relevant. Eine wirksame Betrugsabwehr sollte auffällige Abrufe untersuchen, ohne eine Produktionsmethode pauschal zum Verdachtsbeweis zu machen. Ebenso wichtig sind verständliche Begründungen und Möglichkeiten, fehlerhafte Entscheidungen anzufechten. Diese Anforderungen sind redaktionelle Schlussfolgerungen, keine bereits beschlossenen Regeln aus der Abfrage.