Warum Millionen an Tantiemen im Nichts verschwinden und wie du sie dir sicherst
Das Tantiemen-System verstehen, die Registrierung meistern, Geld sichern
Text: WILD Redaktion ·

Hunderte Millionen Dollar an Musik-Tantiemen sind in der Vergangenheit unverlangt liegen geblieben, obwohl sie Rechtsansprüchen entsprachen. Der Grund ist kein fehlendes Einkommen, sondern eine Identitätslücke im System: Songwriter und Künstler haben ihre Rechte nicht an den richtigen Stellen hinterlegt. Dieser Deep Dive erklärt, wie das Tantiemen-System funktioniert, warum Millionenbeträge unverlangt bleiben und was unabhängige Musiker konkret tun können, um ihr Geld zu sichern.
Jedes Mal, wenn ein Song gestreamt, im Radio gespielt oder in einem Film verwendet wird, entsteht ein Anspruch auf Tantiemen. Doch diese Ansprüche verfallen nicht automatisch. Sie müssen angemeldet, zugeordnet und aktiv eingefordert werden. Wer das versäumt, lässt Geld liegen, das rechtlich gesehen bereits ihm gehört.
Konkrete Zahlen verdeutlichen das Ausmaß: Nach Angaben des Ditto-Music-Blogs überwiesen Streamingdienste der Mechanical Licensing Collective (MLC) in den USA bei ihrem Start im Jahr 2021 über 424 Millionen US-Dollar an zuvor unverlangten Tantiemen. Nicht registrierte Songwriter verlieren demnach durchschnittlich etwa 800 US-Dollar jährlich allein an mechanischen Tantiemen.
Beide Zahlen stammen aus dem Leitfaden von Ditto Music vom September 2026, der keine unabhängige Primärquelle nennt. Das Problem ist systemisch und betrifft unabhängige Künstler weltweit.
🟨 DIE ZWEI URHEBERRECHTE IN JEDEM SONG
Bevor Tantiemen erklärt werden können, muss ein grundlegendes Prinzip verstanden werden: Jeder Song enthält zwei vollständig getrennte Urheberrechte. Diese Unterscheidung ist nicht nur theoretisch, sondern bestimmt direkt, wer welche Einnahmen erhält.
Die Master Rights betreffen die konkrete Aufnahme, also die vertonte Version eines Songs. Wer eine Aufnahme produziert, besitzt diese Rechte. Bei einer Plattenfirma liegen sie meist beim Label, bei unabhängigen Künstlern häufig beim Künstler selbst oder bei einem Distributor, sofern vertraglich nicht anders geregelt.
Die Publishing Rights betreffen die Komposition, also den eigentlichen Song: Melodie, Text, Arrangement. Diese Rechte gehören den Songwritern, also den Menschen, die den Song geschrieben haben. Bei gemeinsam geschriebenen Songs teilen sich mehrere Urheber die Publishing Rights.
Diese Trennung ist die Basis für das gesamte Tantiemen-System. Jede der sechs großen Einnahmequellen für Musiker lässt sich einem dieser beiden Rechtebereiche zuordnen. Wer nur ein Rechtsfeld bedient und das andere ignoriert, verschenkt automatisch die Hälfte seines potenziellen Einkommens.
🟨 DIE SECHS EINNAHMEQUELLEN IM ÜBERBLICK
Die erste große Einnahmequelle sind Performance Royalties. Sie entstehen immer dann, wenn ein Song öffentlich aufgeführt wird, sei es im Radio, im Fernsehen, in einem Club, bei einem Konzert oder in einem Restaurant. In den USA werden diese Tantiemen von drei Organisationen verwaltet: ASCAP, BMI und SESAC. Jede dieser Organisationen arbeitet nach eigenen Regeln und mit eigenen Mitgliedschaftsmodellen.
Songwriter müssen sich aktiv bei einer dieser Organisationen registrieren und ihre Werke dort hinterlegen, um in den Genuss dieser Einnahmen zu kommen.
Die zweite Quelle sind Mechanical Royalties. Sie entstehen bei jeder Vervielfältigung eines Songs, also bei jeder Kopie, die technisch hergestellt wird. Im digitalen Zeitalter bedeutet das: jedes Streaming, jeder digitale Download, jede CD-Produktion. In den USA verwaltet die MLC diese Tantiemen, seit sie im Januar 2021 den Betrieb aufgenommen hat.
Anders als bei Performance Royalties werden mechanische Tantiemen nicht automatisch gezahlt. Sie müssen aktiv über die MLC angemeldet und zugeordnet werden.
Sync-Lizenzen bilden die dritte Einnahmequelle. Sie ermöglichen die Nutzung von Musik in Film, Fernsehen, Werbung, Videospielen oder anderen audiovisuellen Medien. Anders als die beiden vorherigen Quellen werden Sync-Lizenzen individuell verhandelt.
Es gibt keinen festen Tarif und keine automatische Auszahlung. Ein Song kann bei einer einzigen Sync-Lizenz so viel einbringen wie sonst in Jahren nicht.
Neighbouring Rights sind die vierte Quelle. Sie betreffen nicht die Komposition oder die Aufnahme direkt, sondern die Leistungen von Interpreten und Produzenten. Wer einen Song singt oder spielt, hat ebenfalls Anspruch auf Tantiemen. In den USA verwaltet SoundExchange diese Rechte, mit direkter Registrierung für Interpreten und Plattenfirmen.
Hinzu kommen Sonderfälle wie Radio-Airplay und digitale Satellitenübertragung, die jeweils eigene Mechanismen und Organisationen haben. Insgesamt entsteht ein komplexes Netz aus verschiedenen Einnahmequellen, die unterschiedliche Registrierungen erfordern.
🟨 DAS PROBLEM: UNVERLANGTE TANTIEMEN IM HUNDERTMILLIONENBEREICH
Nach den im September 2026 veröffentlichten Angaben von Ditto Music überwiesen Streamingdienste der MLC bei deren Start im Jahr 2021 über 424 Millionen US-Dollar an historischen, zuvor unverlangten Tantiemen. Die MLC hat diese Altbestände nach eigenen Angaben zu rund 80 Prozent zugeordnet und mehr als die Hälfte davon ausgezahlt. Ein großer Teil der unverlangten Gelder ist damit kein dauerhaft wachsender Pool mehr, sondern ein Bestand, der kontinuierlich schrumpft.
Die Ursache ist nicht mangelndes Einkommen. Die Tantiemen existieren, sie werden von den Streamingplattformen und Sendern gezahlt, sie landen bei den Organisationen. Was fehlt, ist die Verbindung zwischen diesen Zahlungen und den tatsächlichen Rechteinhabern.
Der Mechanismus ist einfach: Eine Streamingplattform wie Spotify zahlt Tantiemen an die MLC. Die MLC versucht, diese Gelder den richtigen Songs und Songwritern zuzuordnen. Gelingt das nicht, weil Metadaten fehlen oder falsch sind, wandert das Geld in den Pool der unverlangten Tantiemen. Dort bleibt es, bis ein Rechteinhaber sich meldet und nachweist, dass ihm das Geld zusteht.
Durchschnittlich verlieren nicht registrierte Songwriter nach der Schätzung im Ditto-Music-Artikel etwa 800 US-Dollar jährlich allein an mechanischen Tantiemen. Diese Zahl lässt sich nicht unabhängig verifizieren, der Originalartikel nennt keine Primärquelle. Ob die Schätzung heute noch zutrifft, ist offen, denn die MLC hat den Großteil ihrer Altbestände inzwischen zugeordnet.
🟨 WIE ASCAP, BMI, SESAC, MLC UND SOUNDEXCHANGE FUNKTIONIEREN
ASCAP ist ein gemeinnütziger Verband im Besitz seiner Mitglieder. Wer sich dort als Songwriter registriert, wird Mitglied und nicht nur Kunde. BMI ist dagegen kein Mitgliederverband: Die Organisation wurde von US-Rundfunkanbietern gegründet und gehört seit Februar 2024 einer Investorengruppe um die Beteiligungsgesellschaft New Mountain Capital. Beide Organisationen verwalten Performance Royalties und arbeiten bei der Abrechnung im Ausland über lokale Partnergesellschaften zusammen.
SESAC funktioniert anders. Die Organisation ist nicht genossenschaftlich organisiert, sondern selektiv. Wer sich bewirbt, wird nicht automatisch aufgenommen.
SESAC wählt seine Mitglieder aus und kann dadurch eine intensivere Betreuung bieten. Der Nachteil: Nicht jeder Songwriter hat Zugang.
Die MLC wurde auf Grundlage des Music Modernization Act geschaffen, den der US-Kongress 2018 verabschiedet hat. Das U.S. Copyright Office bestimmte die Organisation im Juli 2019, den Betrieb nahm sie am 1. Januar 2021 auf.
Sie verwaltet die Blankettlizenz für digitale Musikdienste und führt monatliche Abrechnungen durch. Die MLC ist dabei nicht für Performance Royalties zuständig, sondern ausschließlich für mechanische Tantiemen.
SoundExchange verwaltet digitale Performance- und Neighbouring Rights. Anders als bei der MLC können sich bei SoundExchange nicht nur Songwriter, sondern auch Interpreten und Plattenfirmen direkt registrieren. Die Organisation führt sowohl digitale Performance-Tantiemen als auch die Neighbouring Rights für die Leistungen von Musikern ab.
🟨 WARUM UNABHÄNGIGE KÜNSTLER BESONDERS GEFÄHRDET SIND
Major-Labels haben Abteilungen, die sich fulltime um Rechteverwaltung und Registrierung kümmern. Sie kennen die Fristen, sie kennen die Organisationen, sie haben Personal, das sich um Metadaten kümmert und regelmäßig die Datenbanken prüft. Unabhängige Künstler haben das selten.
Die Fragmentierung des Systems ist für Einzelkünstler eine systematische Überforderung. Fünf verschiedene Organisationen mit unterschiedlichen Systemen, unterschiedlichen Anforderungen und unterschiedlichen Fristen. Wer gerade noch gelernt hat, wie die MLC funktioniert, muss sich plötzlich mit den Besonderheiten von SoundExchange auseinandersetzen.
Dazu kommen technische Hürden. Die korrekte Zuordnung von Werken und Einnahmen erfordert präzise Metadaten. Jeder Song braucht den richtigen Titel, die richtigen Songwriter-Namen, die richtige Verlagszuordnung. Ein Tippfehler, eine falsche Schreibweise, ein fehlender Mittelname, und die Zuordnung funktioniert nicht mehr.
Für Major-Labels ist das kein Problem, sie haben Systeme und Prozesse, die solche Fehler minimieren. Für unabhängige Künstler, die vielleicht Dutzende Songs selbst verwalten, ist es eine ständige Fehlerquelle.
🟨 DAS PROBLEM DER RECHTENZUORDNUNG BEI STREAMING
Streamingplattformen wie Spotify, Apple Music oder YouTube Music zahlen Tantiemen an die MLC. Die Zuordnung erfolgt über die Metadaten, die bei der Distribution übermittelt werden. Stimmen diese Metadaten nicht mit den Registrierungen bei der MLC überein, wird der Song nicht zugeordnet.
Die MLC führt ein Matching-Verfahren durch, bei dem unverlangte Einnahmen über Kennungen wie den ISRC und über Abgleiche in ihren Datenbanken nachträglich zugeordnet werden sollen. Das Verfahren ist nützlich, aber unvollständig. Auch die beste Datenbank hilft nicht, wenn Rechteinhaber ihre Werke nicht registriert haben: Die Zuordnung von Rechten und Einnahmen erfordert aktive Mitwirkung der Rechteinhaber.
Der Prozess beginnt bei der Distribution. Wer einen Song über einen Distributor wie DistroKid, TuneCore, CD Baby oder einen anderen Anbieter auf Spotify bringt, übermittelt dabei Metadaten. Diese Metadaten müssen nicht nur bei der Streamingplattform ankommen, sondern auch bei der MLC registriert werden. Viele Distributoren bieten mittlerweile an, diese Registrierung zu übernehmen, aber nicht alle tun es automatisch, und nicht alle tun es korrekt.
🟨 SCHRITT FÜR SCHRITT: SO SICHERST DU DEINE TANTIEMEN
Der erste Schritt ist die Registrierung bei einer Performance-Organisation. Songwriter mit US-Bezug müssen eine dieser drei Organisationen wählen: ASCAP, BMI oder SESAC. ASCAP und BMI sind für die meisten unabhängigen Songwriter die realistischeren Optionen, da SESAC selektiv aufnimmt. Die Mitgliedschaft ist in der Regel kostenlos für Songwriter, die ihre Werke selbst veröffentlichen.
Der zweite Schritt ist die Registrierung bei der MLC. Hier müssen die Werke mit korrekten Metadaten hinterlegt werden. Die MLC bietet ein Online-Portal, über das Songwriter ihre Kompositionen registrieren können.
Dabei sind die Namen aller Songwriter, die Anteile, die Verlagszuordnung und weitere Details anzugeben. Je genauer diese Angaben sind, desto besser die Zuordnung der Tantiemen.
Der dritte Schritt ist die Registrierung bei SoundExchange für digitale Performance und Neighbouring Rights. Anders als die MLC fokussiert SoundExchange auf die Aufnahmeseite, also auf Interpreten und Plattenfirmen. Wer als Solokünstler auch seine eigene Aufnahme verwertet, sollte hier registriert sein.
Der vierte Schritt ist die regelmäßige Prüfung der Unclaimed-Royalties-Datenbanken. Die MLC veröffentlicht regelmäßig Listen mit unverlangten Tantiemen, die darauf warten, zugeordnet zu werden. Wer seine Songs dort findet, kann Anspruch anmelden. Auch SoundExchange und die Performance-Organisationen bieten ähnliche Mechanismen.
Der fünfte Schritt betrifft die Wahl des Distributionstools. Wer einen Distributor nutzt, sollte sicherstellen, dass dieser die Metadaten korrekt an die Streamingplattformen übermittelt und im eigenen Namen Registrierungen bei MLC und SoundExchange vornimmt oder den Künstler dabei unterstützt. Nicht alle Distributoren bieten diesen Service, manche verlangen zusätzliche Gebühren, manche überlassen die Registrierung vollständig dem Künstler.
🟨 OFFENE FRAGEN UND SYSTEMISCHE GRENZEN
Das US-System ist nur ein Teil des globalen Tantiemen-Netzes. In Europa, Asien und anderen Regionen gelten eigene Verwertungsgesellschaften mit eigenen Registrierungsanforderungen. In Deutschland ist das GEMA zuständig für Performance Royalties, in Großbritannien PRS for Music, in Frankreich SACEM. Diese Organisationen haben untereinander Partnerschaftsvereinbarungen, aber eine vollständige globale Abdeckung ist nicht garantiert.
Ein Songwriter mit weltweiten Streams muss sich in mehreren Rechtsordnungen gleichzeitig um Registrierung kümmern. Die Registrierung bei ASCAP oder BMI hilft für Performance Royalties aus den USA, aber für mechanische Tantiemen in Europa gibt es bislang keine vergleichbare zentrale Anlaufstelle. Jedes Land hat seine eigenen Regeln und seine eigenen Organisationen.
Die im Ditto-Music-Artikel genannten Zahlen zu unverlangten Tantiemen und durchschnittlichen Verlusten lassen sich nicht unabhängig verifizieren. Die 424 Millionen US-Dollar stammen mit hoher Wahrscheinlichkeit aus MLC-Berichten, die sich auf bestimmte Stichtage beziehen, der Ditto-Artikel nennt jedoch keine genauen Daten. Die durchschnittliche Verlustangabe von 800 US-Dollar jährlich pro Songwriter ist im Originalartikel nicht belegt und könnte auf Schätzungen oder älteren Studien basieren.
Die strukturelle Komplexität des Systems bleibt bestehen, auch wenn einzelne Registrierungsschritte gemacht wurden. Wer die Zeit und die Ressourcen hat, sollte einen Rechteverwalter in Betracht ziehen. Für die meisten unabhängigen Künstler ist das jedoch keine Option. Das System ist durchschaubar, aber es ist nicht einfach, und es erfordert kontinuierliche Aufmerksamkeit, nicht nur eine einmalige Registrierung.
Unabhängige Künstler verdienen ihr Geld vollständig. Das System ist komplex, aber nicht undurchdringlich. Wer die Grundlagen versteht, die Registrierungen vornimmt und regelmäßig die Datenbanken prüft, kann den Großteil der ihm zustehenden Tantiemen sichern.
Was dieser Leitfaden nicht lösen kann, ist die internationale Fragmentierung, die strukturelle Asymmetrie zwischen Major-Labels und Independent-Künstlern, und die technischen Hürden, die mit jeder Registrierung verbunden sind. Aber der erste Schritt ist machbar, und er lohnt sich.