Warum Universal Music auf KI-Fan-Creation setzt und was das für die Musikbranche bedeutet
Der dritte Deal in vier Monaten zeigt: Die Majors kämpfen nicht mehr nur gegen KI, sie lizenzieren sie
Text: WILD Redaktion ·

Universal Music Group hat in weniger als vier Monaten drei Deals für Fan-Kreation abgeschlossen. Mit Spotify, Hook und nun ElevenLabs verschiebt sich die Strategie: Statt Plattformen nur zu verklagen, wird lizenziert, investiert und Patentschutz aufgebaut. Pex-Daten zeigen, dass 2023 bereits 38 Prozent der TikTok-Songs modifiziert waren. Die Deals sollen diese Grauzone legalisieren und vergüten, doch was das für unabhängige Künstler bedeutet, bleibt offen.
Am 10. September 2026 gaben Universal Music Group und ElevenLabs eine mehrjährige Lizenzvereinbarung bekannt. ElevenLabs baut dafür eine eigenständige Fan-Plattform für Remixes, Mashups und neue Track-Interpretationen auf.
Betrieben wird sie separat von der bestehenden ElevenMusic-App und der Music API. Es ist der erste Deal von ElevenLabs mit einem Major-Label überhaupt, wie beide Unternehmen betonten.
Die Vereinbarung ist der dritte Fan-Creation-Deal von Universal in unter vier Monaten: Zunächst folgte im Mai 2026 ein Deal mit Spotify für ein kommendes KI-Cover- und Remix-Tool, im August 2026 kam Hook für Fan-Creations in sozialen Medien hinzu. Alle drei Deals setzen auf Opt-in für UMG-Künstler und beinhalten Umsatzbeteiligung.
Sir Lucian Grainge, Chairman und CEO von Universal, sagte, die spannendsten Möglichkeiten von KI und Musik seien jene, die Künstler, Songwriter und Fans in den Mittelpunkt stellten. Eine Beteiligung von Universal an ElevenLabs wurde nicht offengelegt, ebenso wenig die finanziellen Bedingungen oder ein Startdatum der Fan-Plattform.
🟨 DREI DEALS IN WENIGER ALS VIER MONATEN
Die Geschwindigkeit ist bemerkenswert. Zwischen Mai und September 2026 hat Universal Music Group drei separate Vereinbarungen für Fan-Kreation unterzeichnet. Der Deal mit Spotify im Mai 2026 sieht ein kostenpflichtiges Premium-Add-on vor, das KI-generierte Cover und Remixes ermöglicht.
Bei Hook handelt es sich nach Angaben beider Unternehmen nicht um die Erstellung neuer Tracks, sondern um Tools, mit denen Fans offizielle Aufnahmen remixen, clippen und mit Effekten versehen können, jeweils lizenziert, attribuiert und nachverfolgt. Gaurav Sharma, Gründer und CEO von Hook, sagte, der größte Consumer-Anwendungsfall für Musikerstellung sei nicht das Erzeugen eigener Songs in Konkurrenz zu Künstlern, sondern der Ausdruck über geliebte Künstler und Songs. Zu den Geldgebern von Hook gehört Waverley Capital, mitbegründet von Edgar Bronfman Jr.
Der nun angekündigte Deal mit ElevenLabs erweitert dieses Ökosystem um eine eigenständige Plattform, die über die bestehende Musik-KI-Infrastruktur von ElevenLabs hinausgeht. Die Reihenfolge der Deals deutet auf eine bewusste Strategie hin: Universal bindet verschiedene Plattformen und Nutzungsszenarien ein, statt auf einen einzelnen Anbieter zu setzen. Ob dahinter ein systematischer Aufbau eines Lizenzierungsnetzwerks oder eine Reaktion auf den Druck von Plattformen und Nutzern steht, lässt sich aus den vorliegenden Informationen nicht abschließend klären.
🟨 WAS DIE PEX-DATEN ÜBER TIKTOK ENTHÜLLEN
Die Pex-Studie von 2024 liefert einen zentralen Hintergrund für diese Deals. Die Analyse untersuchte rund 100 Millionen Tracks und stellte fest, dass 38,03 Prozent der 2023 auf TikTok identifizierten Songs geschwindigkeits- oder tonhöhenmodifiziert waren. Im Jahr zuvor waren es 24,55 Prozent. Der Anstieg um mehr als 13 Prozentpunkte in einem Jahr zeigt, dass die Modifikation von Musik auf Social-Media-Plattformen kein Nischenphänomen ist, sondern sich zu einem Massenphänomen entwickelt hat.
Noch aufschlussreicher: Weniger als 1 Prozent der identifizierten Uploads wies die Modifikation im Titel aus. Das bedeutet, dass die große Mehrheit der veränderten Songs für Nutzer nicht als solche erkennbar ist. Pex betonte in dem Bericht, modifizierte Audio-Remixes würden häufig Tantiemezahlungen von Rechteinhabern zu anderen Creators umleiten. Wenn ein Nutzer einen Song beschleunigt oder in der Tonhöhe verändert, erkennen automatisierte Erkennungssysteme den Originaltrack oft nicht mehr korrekt.
Die Tantiemen fließen dann ab, ohne dass der ursprüngliche Rechteinhaber vergütet wird. Genau diese Grauzone wollen die Deals von Universal formalisieren und vergüten. Statt die Praxis zu unterbinden, wird sie lizenziert und in ein nachvollziehbares System überführt. Fraglich ist nur, ob dieses System die Interessen von independent Künstlern und kleineren Rechteinhabern genauso bedient wie die der großen Major-Labels.
🟨 ELEVENLABS: BEWERTUNG, FINANZIERUNG UND RECHTLICHE BAUSTELLEN
Die Dimension von ElevenLabs ist beeindruckend. Im Februar 2026 schloss das Unternehmen eine Serie-D-Finanzierung über 500 Millionen US-Dollar ab, angeführt von Sequoia Capital. Die Bewertung lag bei 11 Milliarden US-Dollar.
Das entsprach laut Music Business Worldwide rund drei Vierteln der Marktkapitalisierung von Warner Music Group zu Beginn des Septembers 2026, als WMG beim Nasdaq-Schluss am 1. September 2026 auf 14,6 Milliarden US-Dollar kam.
Die Gesamtfinanzierung von ElevenLabs belief sich damit auf 781 Millionen US-Dollar über fünf Runden seit der Gründung 2022. Piotr Dąbkowski und Mati Staniszewski gründeten das Unternehmen, das in den USA inkorporiert ist, seinen Sitz in London hat und Büros in New York City, Warschau und San Francisco unterhält.
Laut GetLatka überschritt ElevenLabs im April 2026 500 Millionen US-Dollar Annual Recurring Revenue. Das Unternehmen selbst nannte für Ende 2025 350 Millionen US-Dollar ARR, während der CEO gegenüber TechCrunch 330 Millionen US-Dollar für denselben Zeitraum angab. Die Diskrepanz wurde nicht aufgeklärt. Auf der rechtlichen Seite gibt es mehrere offene Fragen.
ElevenLabs einigte sich im November 2025 in einem Sprachklon-Verfahren in Delaware. Eine am 11. Mai eingereichte Sammelklage in Illinois wirft dem Unternehmen vor, ohne Einwilligung biometrische Stimmabdrücke extrahiert zu haben. Dieser Vorwurf ist weiterhin anhängig.
ElevenLabs hat nach eigenen Angaben Musiklizenzvereinbarungen mit Merlin, dem Verlag Kobalt und Believe abgeschlossen. Die genauen Konditionen dieser Vereinbarungen sind nicht öffentlich.
🟨 MUSIC V2.5 UND DER TIMING-ZUFALL
Einen Tag nach der Ankündigung der UMG-Lizenzvereinbarung, am 11. September 2026, veröffentlichte ElevenLabs das Musikmodell Music v2.5. Das Unternehmen erklärte, der UMG-Deal sei getrennt von Music v2.5 und keine Musik von UMG-Künstlern sei zum Training des Modells verwendet worden. Music v2.5 ist in ElevenCreative, der Plattform für Marketing- und Medienunternehmen, und über die Music API verfügbar.
Das Modell löste Music v2 ab, das am 26. Mai 2026 veröffentlicht wurde und neben der neuen Version weiterhin live bleibt. Für Music v2.5 führte ElevenLabs einen Blindtest mit 47.885 Paaren durch, in dem das Modell nach Unternehmensangaben in der Mehrheit der Fälle bevorzugt wurde.
Begleitet wurde der Release von zwei weiteren Produkteinführungen: Composer, ein Song-Editor nach Abschnitten, und Muse, ein konversationeller Co-Writer für ElevenMusic, der am 27. August 2026 eingeführt wurde.
Die zeitliche Nähe der Ankündigungen wirft Fragen auf. Zwar ist es üblich, dass Technologieunternehmen mehrere Produkte parallel entwickeln und vermarkten. Doch der Umstand, dass ElevenLabs wenige Stunden nach einem der größten Lizenzdeals der Musikbranche ein neues KI-Musikmodell vorstellte, könnte den Eindruck erwecken, die Unternehmen nutzten die erhöhte Aufmerksamkeit gezielt für eigene Ankündigungen. Universal und ElevenLabs wiesen dies nicht explizit zurück.
Suno wiederum startete zwei Tage vor Music v2.5, am 9. September 2026, sein Modell v6 und stellte am selben Tag seine vorherigen Modelle ein. Suno-Chief-Product-Officer Jack Brody sagte am 9.
September 2026, die zum Training von v6 verwendeten Daten enthielten keine Daten von UMG oder Sony Music Entertainment. Dieser Hinweis war keine Selbstverständlichkeit, sondern eine direkte Reaktion auf die laufenden rechtlichen Auseinandersetzungen.
🟨 PARALLELBEWEGUNG: KLAGEN, INVESTIEREN, PATENTIEREN
Die Fan-Creation-Deals stehen nicht isoliert. Universal Music Group verfolgt parallel mehrere Strategien gegenüber KI-Plattformen. Im Oktober 2025 einigte sich Universal mit Udio auf eine Ausgleichszahlung, neue Lizenzen und die Zusammenarbeit an einer Abo-Plattform. Dort sollen Nutzer Musik in einer als lizenziert und geschützt bezeichneten Umgebung anpassen, streamen und teilen können.
Das ist ein wesentlicher Unterschied zu den laufenden Klagen. Denn parallel zu den Deals läuft das Verfahren gegen Suno weiter. UMG Recordings, Capitol Records und Sony Music Entertainment bleiben Kläger.
Suno räumte in einer Einreichung vom 1. September 2026 ein, YouTube-Audio für das Training beschafft zu haben, während das Unternehmen weiterhin Fair Use geltend macht.
Die Beweisaufnahme (fact discovery) im Verfahren gegen Suno schließt am 30. September 2026. Zum Zeitpunkt dieser Zusammenfassung befand sich das Verfahren also noch in einer entscheidenden Phase. Ein weiteres Element der parallelen Strategie ist das Investieren.
Im August 2025 beteiligte sich Universal zusammen mit Sony Music Group und WMG an einer Serie-B-Finanzierung über 76 Millionen US-Dollar für Stability AI. Bereits im Oktober 2025 hatte sich Universal mit Stability AI verbündet, um Musikwerkzeuge zu entwickeln. Stabilitys Stable Audio 3.0 erreicht Produzenten über ein Plug-in für eine Digital Audio Workstation.
Im Juli 2025 ging aus der Liquidax-Capital-Partnerschaft von Universal Music IP Holdings hervor, die im August mehr als 24 KI-Musik-Patente vorstellte, mit weiteren 50 anhängigen Patenten. Die ersten beiden Lizenznehmer von Music IP Holdings sind GRAI und Udio.
Universal klagt also nicht nur, sondern lizenziert auch, investiert in KI-Unternehmen und baut ein Patentportfolio auf, das in Zukunft als Einnahmequelle oder als Druckmittel dienen kann. Das ist nicht naiv, sondern pragmatisch. Die Frage ist nur, wem dieser Pragmatismus nützt.
🟨 WAS DAS FÜR UNABHÄNGIGE KÜNSTLER BEDEUTET
Die Deals von Universal mit Spotify, Hook und ElevenLabs haben eines gemeinsam: Sie betreffen in erster Linie das Repertoire der Major-Labels. Die Umsatzbeteiligung ist für Künstler vorgesehen, die bei Universal oder einem verbundenen Verlag unter Vertrag stehen. Für unabhängige Künstler, die über Distributoren wie TuneCore, CD Baby oder DistroKid veröffentlichen, bieten die Deals keine direkte Vergütung.
Auch die Frage, welche Songs auf der geplanten Fan-Plattform von ElevenLabs verfügbar sein werden, ist offen. Die Lizenzvereinbarung zwischen Universal und ElevenLabs lässt offen, ob das Repertoire aller Major-Labels oder nur Universal einbezogen wird. Denkbar ist, dass Universal eine Vorreiterrolle einnimmt und weitere Labels folgen. Denkbar ist aber auch, dass die Fan-Plattform zunächst nur einen Teil des Marktes abdeckt.
Die Pex-Daten zeigen, dass der Markt für modifizierte Musik auf TikTok bereits groß ist und überwiegend von kleineren und unabhängigen Creators genutzt wird. Wenn diese Nutzer künftig für die Verwendung von Tracks vergüten müssen, könnte das die Kosten für Fan-Kreation erhöhen. Ob die Plattformen diese Kosten tragen oder an die Nutzer weitergeben, ist nicht absehbar.
Klar ist: Wer als unabhängiger Künstler von Fan-Remixes profitiert hat, weil seine Tracks ohnehin nicht identifiziert wurden, könnte künftig leer ausgehen. Denn lizenzierte und nachverfolgte Nutzung bedeutet auch, dass die Tantiemen korrekt zugeordnet werden. Ob das für kleinere Künstler ein Vorteil oder Nachteil ist, hängt davon ab, ob die Nachverfolgung funktioniert und ob die Vergütungssätze angemessen sind.
🟨 SUNO UND DAS TRAININGS-MATERIAL
Das Verfahren gegen Suno bleibt der offene Rechtsstreit, der die Branche seit über einem Jahr beschäftigt. Suno hat sich in einer Einreichung vom 1. September 2026 erstmals konkret zum Trainingsmaterial geäußert: Das Unternehmen räumte ein, YouTube-Audio für das Training beschafft zu haben. Gleichzeitig macht Suno weiterhin Fair Use geltend.
Die Kläger UMG Recordings, Capitol Records und Sony Music Entertainment fordern Schadensersatz und Unterlassung. Die Beweisaufnahme endet am 30. September 2026.
Bis dahin können beide Seiten Dokumente und Zeugenaussagen sammeln. Wie das Gericht entscheidet, ist völlig offen.
Suno erreichte im Juni 2026 eine Bewertung von 5,4 Milliarden US-Dollar über eine eigene Serie D in Höhe von 400 Millionen US-Dollar. Das Unternehmen ist also finanziell gut ausgestattet, um einen langen Rechtsstreit zu führen. Suno-Chief-Product-Officer Jack Brody legte am 9. September 2026 Wert auf die Feststellung, dass die zum Training von v6 verwendeten Daten keine Daten von UMG oder Sony Music Entertainment enthielten.
Das ist einerseits eine Entlastung für das neue Modell, andererseits ändert es nichts am laufenden Verfahren über die älteren Modelle. Suno hat seine früheren Modelle am 9. September 2026 eingestellt und auf v6 umgestellt. Was mit den aus den älteren Modellen generierten Tracks passiert, die möglicherweise unter Verletzung des Urheberrechts entstanden sind, bleibt offen.
🟨 DER GRÖSSERE TREND: VOM VERBIETEN ZUM LIZENZIEREN
Die Deals zwischen Universal und den drei Plattformen markieren einen Wendepunkt in der Geschichte der Musikbranche im KI-Zeitalter. Noch 2024 und in der ersten Jahreshälfte 2025 dominierten juristische Auseinandersetzungen das Bild. Klagen gegen Suno und Udio, protestierende Künstler bei großen Labels, Debatten über Stimmklonen und Urheberrecht. Dann kam die Wende.
Zunächst einigte sich Universal mit Udio auf einen Vergleich und neue Lizenzen. Dann folgten die Deals mit Spotify, Hook und ElevenLabs. Parallel investierten die Majors in KI-Technologie statt nur dagegen zu klagen.
Stability AI erhielt 76 Millionen Dollar von Universal, Sony und Warner. Music IP Holdings meldete Patente an und lizenzierte sie an Dritte.
Das Muster ist klar: Die Musikbranche hat erkannt, dass sich KI nicht verbieten lässt. Also wird sie eingebunden, reguliert und monetarisiert. Ob das ein guter Deal für Künstler ist, hängt davon ab, wie die Konditionen ausfallen. Bisher sind die wesentlichen Fragen nicht beantwortet.
Wie hoch sind die Lizenzgebühren, die ElevenLabs an Universal zahlt? Wie wird die Umsatzbeteiligung für Künstler berechnet? Wer entscheidet, welche Songs für Fan-Remixes freigegeben werden? Und was passiert mit Künstlern, die nicht bei Universal unter Vertrag stehen, aber trotzdem von der Nutzung ihrer Musik auf der Plattform betroffen sind?
Solange diese Fragen offen bleiben, bleibt der Fortschritt ambivalent. Sicher ist nur: Die Zeit des ausschließlichen Verbots ist vorbei. Die Frage ist jetzt, wer die Regeln schreibt.