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SPOTIFY ZIEHT DIE PERSONA-GRENZE

KI-Musik darf bleiben. Doch wer als fotorealistischer Künstler gar nicht existiert, verliert einen entscheidenden Teil des Spotify-Algorithmus.

Text: Andreas Arndt ·

SPOTIFY ZIEHT DIE PERSONA-GRENZE

Es klingt zunächst nach dem nächsten Schlag gegen KI-Musik: Spotify führt ein neues „AI Persona“-Badge ein und schließt die Musik entsprechend gekennzeichneter Künstler weitgehend aus seinen Empfehlungen aus.

In sozialen Netzwerken wurde daraus innerhalb kürzester Zeit eine deutlich einfachere Botschaft: Spotify blockiere jetzt KI-Künstler oder gehe grundsätzlich gegen KI-Musik vor.

Genau das passiert jedoch nicht.

Spotify zieht eine andere Grenze. Nicht zwischen menschlich produzierter und KI-generierter Musik, sondern zwischen realen Künstlern, die KI verwenden, und fotorealistischen künstlichen Identitäten, die selbst den Künstler darstellen sollen. Diese Unterscheidung dürfte für die Zukunft der KI-Musik wesentlich bedeutender werden als das kleine Badge, das ab Mitte September auf ersten Profilen auftauchen soll.

SPOTIFY FRAGT NICHT ZUERST: WIE WURDE DIE MUSIK GEMACHT?

Die wichtigste Aussage steht beinahe unscheinbar in Spotifys eigener Erklärung: Das AI-Persona-Badge bezieht sich auf die öffentliche Identität eines Artists und nicht darauf, wie dessen Musik entstanden ist.

Damit trennt Spotify zwei Dinge, die in der aktuellen Diskussion ständig miteinander vermischt werden.

Ein real existierender Musiker kann KI für Lyrics, Instrumente, Vocals, Produktion, Sounddesign oder andere kreative Prozesse einsetzen. Daraus wird nicht automatisch eine AI Persona. Für die Produktionsweise entwickelt Spotify mit den KI-Songinfos ein separates System. Dort kann KI bestimmten Rollen eines Tracks zugeordnet werden, etwa Lyrics, Vocals, Instrumentals oder Produktion. Das Label gilt also nicht pauschal für den gesamten Künstler.

Eine AI Persona beginnt für Spotify an einer anderen Stelle: bei der Frage, wer der Öffentlichkeit als Künstler präsentiert wird.

WAS SPOTIFY UNTER EINER „AI PERSONA“ VERSTEHT

Die Definition ist erstaunlich konkret. Spotify bezeichnet als AI Persona einen Künstler, dessen öffentliche Identität einen KI-generierten fotorealistischen Menschen darstellt. Relevant sind dabei unter anderem Künstlername, Profilbild, Header, Album-Artwork und andere visuelle Elemente, mit denen diese Identität aufgebaut wird.

Das entscheidende Wort lautet dabei: fotorealistisch.

Spotify richtet die neue Regel also nicht pauschal gegen jede virtuelle Kunstfigur, jeden Avatar oder jede gezeichnete Band. Nach dem derzeitigen Wortlaut steht zunächst die künstlich erzeugte Person im Mittelpunkt, die aussieht, als könne sie tatsächlich irgendwo als realer Mensch existieren.

Genau deshalb wäre es falsch, aus der neuen Regel abzuleiten, sämtliche virtuellen Künstler seien plötzlich betroffen. Eine stilisierte Comicfigur, ein offensichtlich animierter Avatar und ein fotorealistischer KI-Mensch sind nicht dasselbe. Wie Spotify komplizierte Grenzfälle langfristig bewertet, wird sich allerdings erst zeigen, wenn das System tatsächlich im größeren Maßstab eingesetzt wird.

DAS BADGE IST NICHT DIE EIGENTLICHE SANKTION

Das kleine Symbol neben einem Künstlernamen dürfte für viele zunächst wie eine harmlose Transparenzmaßnahme aussehen.

Die wesentlich größere Veränderung passiert jedoch unsichtbar im Hintergrund.

Spotify erklärt ausdrücklich, dass Musik von AI Personas grundsätzlich nicht in redaktionelle oder algorithmische Empfehlungen aufgenommen wird. Eine Ausnahme besteht, wenn ein Hörer bereits bewusst Interesse an diesem Künstler gezeigt hat, beispielsweise indem er dem Profil folgt.

Das bedeutet nicht, dass die Musik gelöscht wird.

Die Songs bleiben auf Spotify. Sie können gesucht, aufgerufen und abgespielt werden. Bestehende Fans können einem Künstler weiterhin folgen. Doch genau jener Mechanismus, mit dem Streamingplattformen neue Musik außerhalb einer bestehenden Fanbasis sichtbar machen, wird erheblich eingeschränkt.

Das ist keine Sperre.

Es ist ein Discovery-Nachteil.

Und für einen kleinen oder neu aufgebauten Künstler kann genau dieser Unterschied gewaltig sein. Wer bereits hunderttausende Fans mitbringt, kann Menschen direkt auf sein Profil schicken. Wer dagegen darauf angewiesen ist, über Spotify überhaupt erst entdeckt zu werden, verliert einen der wichtigsten Wachstumskanäle der Plattform.

„AI PERSONA“ UND „LIKELY AI PERSONA“ SIND NICHT DASSELBE

Spotify führt zwei Varianten des Badges ein.

„AI Persona“ bedeutet, dass ein Künstler sein Profil selbst über Spotify for Artists als künstliche Persona deklariert hat.

„Likely AI Persona“ bedeutet dagegen, dass Spotify das Profil selbst geprüft und als wahrscheinlich KI-generierte Identität eingestuft hat.

Damit verlässt sich Spotify ausdrücklich nicht allein auf freiwillige Angaben.

Das Unternehmen will Profile selbst untersuchen und dabei insbesondere darauf achten, ob Name, Bilder und die gesamte öffentliche Darstellung eine fotorealistisch generierte Identität vermitteln. Spotify beginnt zunächst mit Artists, die bestimmte Reichweitenschwellen erreicht haben. Nicht jedes winzige Künstlerprofil wird also sofort manuell durch ein Prüfteam laufen.

Ab dem Rollout sollen die Kennzeichnungen unter anderem direkt am Künstlernamen, im About-Bereich, in der mobilen Suche und neben Künstlernamen innerhalb von Playlist-Titellisten erscheinen. Das Badge bleibt damit nicht irgendwo versteckt in den Einstellungen, sondern wird Teil der sichtbaren Künstleridentität auf Spotify.

WER FALSCH EINGESTUFT WIRD, KANN WIDERSPRECHEN

Besonders wichtig für reale Künstler: Spotify kann sich irren.

Wenn Spotify selbst eine „Likely AI Persona“-Kennzeichnung vergibt, soll der betroffene Künstler über Spotify for Artists informiert werden. Anschließend gibt es zwei Möglichkeiten: Die Einstufung kann bestätigt oder angefochten werden. Wer nichts tut, behält das „Likely AI Persona“-Badge.

Spotify weist außerdem darauf hin, dass ein Profil später erneut geprüft werden kann, wenn beispielsweise Künstlername, Profilbild, Bio oder andere Identitätsmerkmale geändert werden.

Für reale Musiker, die KI lediglich für ihre Bildbearbeitung oder Produktion verwenden, dürfte deshalb eines künftig immer wichtiger werden: eine nachvollziehbare Künstleridentität.

Eigene Website, verknüpfte Social-Media-Accounts, reale Fotos, Auftritte, Presseberichte und andere nachvollziehbare Spuren eines tatsächlich existierenden Artists können dabei eine völlig neue Bedeutung bekommen.

Das passt auch zu Spotifys verändertem Verifizierungssystem. Dort nennt das Unternehmen eine klar erkennbare Künstlerpräsenz innerhalb und außerhalb der Plattform als Merkmal und erklärt zugleich, dass Profile, die hauptsächlich AI-generierte Artists oder AI Personas repräsentieren, beim Start nicht für die neue Spotify-Verifizierung infrage kommen.

DER GROSSE IRRTUM: „KI-MUSIK WIRD NICHT MEHR EMPFOHLEN“

Genau hier liegt momentan das größte Missverständnis.

Spotify sagt nicht:

„Ein Song wurde mit Suno oder einer anderen KI erstellt, also fliegt er aus den Empfehlungen.“

Spotify sagt vielmehr:

„Dieses Künstlerprofil repräsentiert eine fotorealistische KI-generierte Person, die nicht auf einem realen Menschen basiert, deshalb behandeln wir die Identität als AI Persona.“

Das ist ein fundamentaler Unterschied.

Ein realer Musiker kann theoretisch einen stark KI-gestützten Song veröffentlichen und trotzdem ein menschlicher Artist bleiben.

Umgekehrt könnte hinter einer virtuellen Persona ein komplettes Team menschlicher Songwriter, Produzenten und Musiker arbeiten. Wenn die öffentliche Künstleridentität trotzdem ein fotorealistischer KI-Mensch ist, kann das Profil nach Spotifys Definition eine AI Persona sein.

Spotify trennt damit erstmals sehr sichtbar die Ebenen Werk und Urheberidentität.

Das dürfte die Diskussion über KI-Musik erheblich verändern.

DIE NEUE WÄHRUNG HEISST VERTRAUEN

Spotify begründet die Einführung mit Rückmeldungen seiner Nutzer. Hörer hätten deutlich gemacht, dass sie es nicht mögen, wenn ein Künstlerprofil menschlich wirkt und sich später herausstellt, dass die dargestellte Person KI-generiert ist.

Damit geht es nicht primär um die Qualität der Musik.

Es geht um Erwartung und Transparenz.

Ein Hörer soll wissen können, ob er gerade einem realen Menschen, einer offen virtuellen Kunstfigur oder einer fotorealistischen künstlichen Persona folgt.

Das ist strategisch bemerkenswert. Spotify hätte KI-Inhalte anhand ihrer Produktionsweise kategorisieren können. Stattdessen beginnt das Unternehmen dort, wo Nutzer emotional wahrscheinlich wesentlich stärker reagieren: bei der Frage, ob die Person, zu der sie eine Verbindung aufbauen sollen, überhaupt existiert.

Streaming war immer schon mehr als eine Audiodatei.

Fans folgen Gesichtern, Geschichten, Persönlichkeiten und Künstlerbiografien. Spotify schützt mit der neuen Regel deshalb nicht nur seinen Empfehlungsalgorithmus. Das Unternehmen greift direkt in die Beziehung zwischen Künstler und Publikum ein.

WAS IST MIT VIRTUELLEN BANDS UND AVATAREN?

Hier wird es kompliziert.

Die Musikgeschichte kennt virtuelle Künstler lange vor generativer KI. Animierte Bands, Avatare, Masken, Fantasiefiguren und bewusst erfundene Charaktere gehören seit Jahrzehnten zur Popkultur.

Spotifys aktuelle Definition konzentriert sich jedoch ausdrücklich auf fotorealistische KI-generierte Menschen. Daraus lässt sich ableiten, dass eine offensichtlich gezeichnete oder stilisierte virtuelle Figur nicht automatisch unter dieselbe Definition fällt. Spotify selbst hat bislang allerdings nicht sämtliche denkbaren Sonderformen einzeln klassifiziert.

Noch interessanter werden hybride Projekte.

Was passiert mit einem Duo, bei dem ein Mitglied ein realer Mensch und das andere eine fotorealistische virtuelle Persona ist?

Was passiert mit einer Band aus drei realen Musikern und einem virtuellen Frontsänger?

Was passiert, wenn eine künstliche Persona offen als solche kommuniziert wird, das gesamte Profil aber auch reale Mitglieder repräsentiert?

Für diese Mischformen liefert die derzeit veröffentlichte Regel noch keine detaillierte Antwort.

Und genau dort könnte die nächste große Debatte beginnen.

SELBSTDEKLARATION SOLLTE MAN NICHT LEICHTFERTIG ANKLICKEN

Spotify erlaubt Artists bereits jetzt, sich in Spotify for Artists freiwillig als AI Persona zu kennzeichnen.

Dabei gibt es allerdings einen Punkt, den man kennen sollte: Ein einmal selbst gesetztes AI-Persona-Badge kann laut Spotify nicht einfach wieder über Spotify for Artists entfernt werden. Dafür muss Spotify kontaktiert werden.

Wer also ein realer Künstler ist und lediglich KI für Musik, Cover, Bildbearbeitung oder andere kreative Prozesse nutzt, sollte nicht aus Unsicherheit vorschnell den AI-Persona-Schalter aktivieren.

Die Frage lautet nicht: „Habe ich KI verwendet?“

Die Frage lautet: „Ist die öffentliche Künstleridentität meines Profils ein KI-generierter fotorealistischer Mensch, der nicht auf einer realen Person basiert?“

Das ist der Kern der gesamten Regel.

SPOTIFY MACHT KI NICHT UNSICHTBAR, SONDERN SICHTBARER

Interessanterweise ist die neue Strategie keine klassische Verbotsstrategie.

Spotify lässt AI Personas auf seiner Plattform.

Spotify entwickelt gleichzeitig KI-Songinfos, mit denen die Produktionsweise einzelner Tracks transparenter werden soll. Und Spotify schafft ein separates Badge für künstliche Künstleridentitäten.

Damit entsteht zunehmend ein mehrstufiges System:

Wer steht hinter dem Profil?

Wie wurde der Song produziert?

Welche Teile eines Songs wurden mit KI erzeugt?

Das ist wesentlich differenzierter als die Schlagzeile „Spotify geht gegen KI-Musik vor“.

Und gleichzeitig ist es für AI Personas wirtschaftlich durchaus schmerzhaft, weil ausgerechnet die automatisierte Entdeckung ihrer Musik eingeschränkt wird.

Spotify verbietet keine KI-Musik. Spotify zieht eine Grenze bei der Identität.

Das klingt zunächst nach Wortklauberei, ist aber vermutlich eine der wichtigsten Entscheidungen, die ein großer Streamingdienst bisher im Umgang mit generativer KI getroffen hat.

Ein Musiker darf KI als Werkzeug verwenden und bleibt trotzdem ein Musiker.

Eine virtuelle Figur darf offenbar ebenfalls existieren.

Doch wer einen fotorealistischen Menschen als Künstler präsentiert, obwohl dieser Mensch gar nicht existiert, muss künftig damit rechnen, dass Spotify das sichtbar macht und den Empfehlungsalgorithmus zurückdreht.

Damit entsteht eine neue Realität für KI-Musik: Nicht allein der Klang entscheidet, sondern auch die Frage, wer vor dem Song steht.

Vielleicht ist genau das die eigentliche Botschaft hinter Spotifys AI Persona.

KI darf Teil der Kunst sein.

Aber Spotify will wissen, ob der Künstler selbst Kunst ist.