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SUNO UNTER DRUCK, UND TROTZDEM ÄNDERT SICH DAS SPIEL

Jamendo zieht überraschend seine Klage zurück, ein weiteres Verfahren endet ebenfalls, gleichzeitig eröffnet Round Hill eine neue Front. Rund um Suno entsteht gerade ein kompliziertes Geflecht aus Prozessen, Lizenzdeals und einem grundlegenden Umbau der KI-Musikbranche.

Text: Andreas Arndt ·

SUNO UNTER DRUCK, UND TROTZDEM ÄNDERT SICH DAS SPIEL

Noch vor wenigen Wochen sah es so aus, als würde der juristische Druck auf Suno immer weiter wachsen. Labels, Verwertungsgesellschaften, unabhängige Musiker und Rechteinhaber griffen den KI-Musikanbieter an unterschiedlichen Fronten an.

Im Mittelpunkt steht dabei immer wieder dieselbe Grundfrage: Durften urheberrechtlich geschützte Werke für das Training kommerzieller KI-Systeme verwendet werden, ohne dass die Rechteinhaber ausdrücklich zugestimmt haben? Jetzt verändert sich dieses Bild. Zwei Verfahren gegen Suno verschwinden beinahe zeitgleich, Warner arbeitet inzwischen mit Suno zusammen, BMG steigt ebenfalls ein, während Universal, Sony und GEMA ihren juristischen Kurs fortsetzen und mit Round Hill gerade ein neuer Kläger hinzukommt. Wer daraus einen einfachen Sieg oder eine Niederlage für Suno machen will, greift deshalb deutlich zu kurz.

JAMENDO ZIEHT SEINE KLAGE ZURÜCK

Am 13. August 2026 hat Jamendo seine Klage gegen Suno vor dem US District Court in Massachusetts freiwillig beendet. Entscheidend ist dabei die Formulierung „without prejudice“. Das bedeutet, dass Jamendo dieselben Ansprüche grundsätzlich später erneut geltend machen könnte. Die Klage ist also beendet, aber Suno hat diesen Fall nicht durch ein Urteil gewonnen. Es gibt weder einen gerichtlichen Freispruch noch eine Entscheidung darüber, ob Jamendos Vorwürfe berechtigt oder unberechtigt waren. Dabei war die Klage erst am 29. Juni eingereicht worden. Im Mittelpunkt stand der sogenannte MTG-Jamendo Dataset, eine Sammlung von mehr als 55.000 Musiktiteln, die für nicht kommerzielle Forschungszwecke bereitgestellt wurde. Jamendo warf Suno vor, Material aus diesem Datensatz für die Entwicklung seiner Technologie genutzt zu haben, ohne dafür eine entsprechende kommerzielle Lizenz zu besitzen. Nur rund sechs Wochen später ist dieses Verfahren wieder verschwunden.

WARUM JAMENDO AUSSTEIGT, IST BISLANG OFFEN

Genau hier beginnt der eigentlich interessante Teil. Bislang gibt es keine bestätigte öffentliche Erklärung dafür, warum Jamendo seine Klage zurückgezogen hat. Die Gerichtserklärung nennt weder einen Vergleich noch eine Zahlung oder eine neue Lizenzvereinbarung. Auch ein möglicher Deal zwischen Jamendo und Suno ist bisher nicht bestätigt. Natürlich liegt die Vermutung nahe, dass hinter den Kulissen Gespräche geführt worden sein könnten, doch belegen lässt sich das aktuell nicht. Deshalb wäre die Aussage, Suno habe sich mit Jamendo geeinigt, genauso problematisch wie die Behauptung, Jamendo habe gegen Suno verloren. Beides geben die öffentlich bekannten Unterlagen derzeit nicht her. Sicher ist lediglich: Jamendo hat dieses konkrete Verfahren beendet und sich durch die Formulierung „without prejudice“ ausdrücklich die Möglichkeit offengehalten, später erneut vorzugehen.

FAST GLEICHZEITIG VERSCHWINDET NOCH EINE KLAGE

Jamendo ist nicht der einzige Kläger, der sein Verfahren gegen Suno beendet hat. Auch Poseidon Wave Media, das Unternehmen hinter dem Duo The American Dollar, zog seine Klage zurück. Die Musiker hatten Suno vorgeworfen, Hunderte geschützte Aufnahmen und Kompositionen für seine Systeme verwendet zu haben. Hier gibt es allerdings einen wichtigen Unterschied: Dieses Verfahren wurde „with prejudice“ beendet. Die betreffenden Ansprüche können damit grundsätzlich nicht einfach erneut als dieselbe Klage eingereicht werden. Auch hier wurde öffentlich bislang kein Grund genannt. Innerhalb kürzester Zeit verschwinden damit zwei Verfahren gegen Suno, ohne dass offiziell erklärt wird, was hinter den Kulissen passiert ist. Genau diese Gleichzeitigkeit macht die Entwicklung so auffällig.

DER ZEITPUNKT IST BEMERKENSWERT

Denn gleichzeitig verändert Suno seine komplette Strategie. Im November 2025 beendete Warner Music Group seinen Rechtsstreit mit Suno und schloss anschließend eine umfangreiche Partnerschaft mit dem Unternehmen. Warner wechselte damit praktisch von der Klägerseite an den Verhandlungstisch. Am 12. August 2026 folgte BMG mit einer globalen strategischen Allianz. BMG soll an der Entwicklung kommender Suno-Modelle beteiligt werden, die ausdrücklich gemeinsam mit Teilen der Musikindustrie und auf Basis lizenzierter Inhalte entstehen sollen. Damit entwickelt sich neben den Gerichten ein zweiter Weg. Es geht nicht mehr nur darum, was in der Vergangenheit möglicherweise falsch gelaufen ist, sondern zunehmend darum, unter welchen Bedingungen KI-Musik künftig entstehen darf, wie Rechteinhaber beteiligt werden und welche neuen Geschäftsmodelle daraus entstehen können.

SUNOS JURISTISCHE PROBLEME SIND DESHALB NOCH LANGE NICHT VORBEI

Wer jetzt glaubt, die Klagewelle gegen Suno löse sich langsam auf, übersieht die andere Hälfte der Geschichte. Am 31. Juli 2026 musste Suno vor dem Landgericht München eine Niederlage gegen die GEMA hinnehmen. Das Gericht stellte bei den untersuchten Werken Urheberrechtsverletzungen fest und verpflichtete Suno unter anderem zur Auskunft über erzielte Einnahmen. Eine endgültige Schadenshöhe steht noch nicht fest. Auch Universal Music Group und Sony Music Entertainment führen ihre Verfahren gegen Suno weiter. Warner ist zwar aus seinem Rechtsstreit ausgestiegen, Universal und Sony aber nicht. Die große Auseinandersetzung zwischen Teilen der Musikindustrie und Suno ist damit keineswegs beendet. Vielmehr entsteht eine Situation, in der einige Unternehmen verhandeln, andere weiter klagen und neue Akteure hinzukommen.

UND JETZT KOMMT ROUND HILL

Genau in diese Situation platzt am 17. August die nächste große Klage. Der unabhängige Musikverlag Round Hill Musicwirft Suno vor, geschützte Kompositionen aus seinem Katalog für das Training seiner Systeme verwendet zu haben. Zunächst geht es um mindestens 500 Songs. Round Hill deutet allerdings bereits an, dass sich das Verfahren auf 10.000 oder mehr Werke ausweiten könnte. Der Verlag spricht dabei von potenziellen Schadensersatzforderungen, die theoretisch bis in die Größenordnung von einer Milliarde US-Dollar reichen könnten. Wichtig ist dabei: Das ist bislang eine mögliche Berechnung aus Sicht des Klägers, kein gerichtlich festgesetzter Betrag. Während also zwei Klagen gegen Suno verschwinden, öffnet sich gleichzeitig eine neue juristische Front. Genau daran zeigt sich, wie widersprüchlich die aktuelle Lage tatsächlich ist.

JAMENDO KÄMPFT AN ANDERER STELLE WEITER

Noch ein Detail verhindert die einfache Erzählung, Jamendo habe seine Haltung gegenüber KI-Training grundsätzlich verändert. Gegen Nvidia läuft weiterhin ein separates Verfahren, in dem ebenfalls der MTG-Jamendo Dataset eine zentrale Rolle spielt. Jamendo wirft Nvidia vor, Material aus diesem Datensatz für die Entwicklung eigener KI-Systeme verwendet zu haben. Das Unternehmen hat seinen grundsätzlichen Kampf gegen eine aus seiner Sicht unzulässige kommerzielle Nutzung des Datensatzes also nicht aufgegeben. Jamendo hat aktuell lediglich das konkrete Verfahren gegen Suno beendet. Warum gerade Suno aus diesem Rechtsstreit herausgenommen wurde, bleibt bislang unbeantwortet.

AUS EINEM KAMPF WIRD EIN NEUES SYSTEM

Genau hier liegt die eigentliche Bedeutung dieser Entwicklung. Die erste Phase generativer Musik-KI war vor allem technologisch. Unternehmen entwickelten Systeme in enormem Tempo, Millionen Nutzer probierten sie aus und die Frage nach Trainingsdaten spielte öffentlich zunächst eine vergleichsweise kleine Rolle. Danach kam die juristische Phase. Labels, Verwertungsgesellschaften, Musiker und Rechteinhaber begannen zu klagen. Jetzt entsteht parallel eine dritte Phase: Lizenzierung und Verhandlung. Warner arbeitet mit Suno, BMG arbeitet mit Suno, Universal und Sony klagen weiter, GEMA setzt auf Gerichte, Round Hill eröffnet eine neue Front und Jamendo zieht sich zumindest vorerst zurück. Das ist kein Ende des Konflikts. Es ist vielmehr eine Neuordnung der Kräfte innerhalb einer Branche, die gerade versucht, Regeln für eine Technologie zu schaffen, die längst im Markt angekommen ist.

DIE ENTSCHEIDENDE FRAGE VERSCHIEBT SICH

Damit verändert sich auch die eigentliche Debatte. Lange lautete die zentrale Frage: Darf KI mit urheberrechtlich geschützter Musik trainiert werden? Diese Frage wird die Gerichte noch lange beschäftigen. Wirtschaftlich könnte jedoch eine andere Frage immer wichtiger werden: Unter welchen Bedingungen darf die nächste Generation von KI-Musikmodellen trainiert werden? Warner und BMG liefern darauf bereits eine mögliche Antwort, nämlich durch Verträge, Lizenzen, Wahlmöglichkeiten und Beteiligung der Rechteinhaber. Sunos angekündigte neue Modelle passen exakt in dieses Bild. Statt dauerhaft darüber zu streiten, wie frühere Systeme entstanden sind, versucht das Unternehmen offenbar gleichzeitig, eine Zukunft aufzubauen, in der Trainingsmaterial und Nutzung klarer vertraglich geregelt werden.